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Jagd auf den Jaguar-Hai

4. Juli 2011

Meine größte Taucherfahrung beschränkt sich auf das Schnorcheln im Pool oder das Tauchen im Schwimmbad. Allerdings gibt es da kaum faszinierende Entdeckungen zu machen – mal abgesehen von Pflastern, alten Menschen, dicken Menschen und so behaarten Menschen, dass ich im ersten Augenblick denke, der Mann ist im Pullover ins Wasser gesprungen. Ich bin zwar ein Kind des Wassers und werde meine Affinität zum feuchten Nass auch nie ablegen können, aber so richtig Tauchen war ich leider noch nie. Eins sein mit den Fischen… um ehrlich zu sein, ich glaube, ich hätte viel zu viel Angst. Wer weiß schon, was plötzlich neben dir, unter dir oder über dir auftaucht und ob es vielleicht gerade hungrig ist oder nicht.

Da begnüge ich mich dann doch lieber der schicken Dokumentar- oder Spielfilme, die mich zu einer sicheren Reise in die Tiefen des Ozeans mitnehmen. Da kann ich dann staunen, was für verrückte Wesen im Meer leben. Da kann ich die furchterregenden Monster der Tiefsee ohne Sorgen betrachten. Wie gut, dass wir doch Filme haben… dann müssen wir keine eigenen Gefahren mehr eingehen.

Einer, der sich dafür eingesetzt hat, dass wir alle etwas mehr vom Meer verstehen, war der Franzose Jacques-Yves Cousteau. Und einer, der sich dafür eingesetzt hat, dass Costeau ein filmisches Denkmal gesetzt wird, ist der Amerikaner Wes Anderson. In seinem Film „Die Tiefseetaucher“ schickt er den bekannten, aber mittlerweile nicht mehr wahrgenommenen Meeresforscher und Filmemacher Steve Zissou (Bill Murray) auf eine abenteuerliche Reise: Zissou will den mysteriösen Jaguar-Hai umbringen. Schließlich hat der seinen besten Freund umgebracht. Die Jagd auf den Jaguar-Hai wird für Zissou gleichzeitig eine Art Rückblick auf sein eigenes Leben – dank einer schwangeren Reporterin (Cate Blanchett) und seines angeblichen Sohnes Ned (Owen Wilson).

Wes Andersons Filme haben ihre ganz eigene Magie, wie ich finde. Eine Magie, die – zugegeben – nicht unbedingt jeder schön finden muss. In „Die Tiefseetaucher“ wird das besonders an den verschiedenen Figurenkonstellationen deutlich. Andersons Figuren wirken auf eine merkwürdige Art und Weise sehr trocken, lakonisch und kühl. Wie sie miteinander umgehen, erscheint fast schon ein wenig künstlich und weltfremd. Was aber bei Anderson zum Glück dazu führt, dass man sich herrlich über seine Figuren amüsieren kann – eben weil sie nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Nehmen wir allein Bill Murray… abgesehen davon, dass der Mann einfach nur großartig ist, spielt er seinen Steve Zissou einfach nur großartig: Ein alter Mann, der versucht einen Film zu drehen, sein Leben in Ordnung zu halten und seinen Sohn besser kennen zu lernen. Emotional wirkt er wie ein Roboter, selbst wenn er sich gegen Piraten verteidigen muss, scheint er ein Roboter zu sein – er schießt, er trifft, er wird nicht verletzt. Wenn er über Gefühle redet, dann klingt das einstudiert. Aber es passt zu diesem Mann, diesem Zissou, der sich scheinbar sein ganzes Leben lang nicht wirklich um die Gefühle anderer Sorgen gemacht hat.

Die Qualitäten, die Murray an den Tag legt, kitzelt Anderson aber auch bei dem Rest seiner Besetzung durch und liefert jedem einen individuellen und äußerst sehenswerten Charakter. Ob nun Willem Dafoe als Klaus Daimler – ein harter Deutscher mit weichem Kern, der auch nur geliebt werden möchte bis hin zu Zissous Erzfeind Hennessy (Jeff Goldblum), der nach eigenen Angaben „halb-schwul“ ist. Ob nun „Die Royal Tennebaums“ oder „Der fantastische Mr. Fox“ – Wes Anderson hat ein Händchen für außergewöhnliche Figuren.

Aber zum Glück sind die Figuren bei Anderson nicht alles. Mit „Die Tiefseetaucher“ bekommen wir auch noch so etwas wie eine Pseudo-Dokumentation darüber, wie das Team Zissou die Jagd auf den Jaguar-Hai filmt. Immer wieder bekommen wir bereits fertige Szenen zu sehen oder verfolgen das Team bei den Dreharbeiten. Das Schiff, auf dem das Team reist, ist ein riesiges Set, so dass die Kamera in langen Fahrten neben den Figuren gleiten kann. Auch das wirkt künstlich, hat aber gleichzeitig diesen erklärenden Effekt: „Seht her, das ist das Forschungsschiff von Steve Zissou. Staunt, was alles in so ein Schiff hinein passt!“

„Die Tiefseetaucher“ bietet für jeden was, es ist Abenteuer-Film (ja, es gibt sogar Piraten), absurder Tierfilm (Anderson lebt seine Fantasie auch bei den Tieren aus), Mockumentary (über den wohl fragwürdigsten Dokumentarfilm), Vater-Sohn-Beziehungsdrama (Vater und Sohn lieben die gleiche Frau) und eine tragische Familiengeschichte. Mit dem wirklich tollen Soundtrack plätschert dieser Film an einem vorbei, wie ein kleiner Bach im Wald und lädt einfach nur zum Abschalten ein.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ja, ich würde auch ein Mitglied der Zissou-Gesellschaft werden wollen, es gibt einen Ring und möglicherweise sogar einen Brief vom Meister persönlich)

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10 Kommentare leave one →
  1. Owley permalink
    4. Juli 2011 08:23

    Erstaunlich. Ich hielt diesen Film, wenn davon gelesen, oder auf DVD im Regal gesehen, für einen Schrottfilm. Er sah einfach zu sehr danach aus, und auch Cate Blanchett schien daran nicht mehr rütteln zu können. Diese Meinung werde ich wohl revidieren müssen 😉

    Und: Klasse Einleitung. Wieder. Verdammt. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      4. Juli 2011 09:17

      Wie gesagt, bei Wes Anderson ist das immer so Ansichtssache. Es gibt sicherlich auch genügend Kritiken, die den Film als Schrottfilm abstempeln. Aber wenn man sich ein wenig auf diesen speziellen Humor einlässt, ist es ein sehr witziger Film.

      Und: Danke für die Einleitung. Ich werde mir weiterhin Mühe geben 😉

  2. 4. Juli 2011 13:02

    Ich fand den Film auch ziemlich gut. Für eine Wiederholungssichtung konnte ich ich jedoch noch nicht aufraffen.

    • donpozuelo permalink*
      4. Juli 2011 13:47

      Der Film ist auch ziemlich gut. Wiederholungssichtungen mit eingeschlossen 😉

  3. 5. Juli 2011 12:54

    Du hast mich daran erinnert, dass ich mir von meinem Bruder noch „Der fantastische Mr. Fox“ ausleihen muss. Und ja, der neue Film klingt ebenfalls interessant.

    • donpozuelo permalink*
      5. Juli 2011 13:24

      „Fantastic Mr. Fox“ muss man sich echt mal anschauen. Und ganz so neu ist „Die Tiefseetaucher“ auch nicht. 😉

  4. 5. Juli 2011 19:53

    Ich mag ja denn deutsch Titel wieder mal gar nicht „The Live Aquatic with Steve Zissou“ hat einfach was. Dennoch äusserst genialer Film!

    • donpozuelo permalink*
      5. Juli 2011 22:58

      Ja, über deutsche Titel brauchen wir uns nicht unterhalten. Ist ja eher selten, dass da mal was Gutes bei raus kommt. Aber zum Glück färbt das ja nicht auf den Film ab 😉

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