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Manson hat Schuld!

20. Juni 2011

Manson hat immer Schuld – irgendeiner muss ja schließlich der Sündenbock sein. Gut, Charles Manson hatte tatsächlich Schuld, der war aber auch ein Psychopath, der eben mal die Freundin von Roman Polanski und ihre Freunde umbringt. Aber ein viel besserer Manson, der sich noch viel besser als Sündenbock eignet, ist und bleibt Marilyn Manson. Gut, seine „besten“ Zeiten mögen auch schon etwas vorbei sein, aber es gab diese Zeit, da war Manson an allem schuld: jeder Amoklauf an einer Schule, jedes Kind, dass sich auffällig verhielt – entweder waren es „Killerspiele“ oder Manson.

Ein weiterer Sündenbock sind Filme. Bestes Beispiel ist vielleicht immer noch die Kollaboration zwischen Quentin Tarantino und Oliver Stone. Tarantino liefert eine drehbuchreife Story, Oliver Stone verfilmt das Ganze. Dabei rausgekommen ist eine bitterböse, optisch niederschmetternde, gewalttätige „Bonnie und Clyde“-Geschichte. Aber einfach nur Faye Dunaway und Warren Beatty auszutauschen, hätte nicht gereicht. Den alten Klassiker einfach nur als Remake machen, würde niemanden ins Kino locken. Und so macht Stone einen Film, der für alle etwas hat und der – was noch viel wichtiger ist – ziemlich heiß diskutiert und studiert werden kann.

Schließlich reden wir hier von Stones „Natural Born Killers“ – ein Film, den man einfach gesehen haben MUSS. Der Film eignet sich perfekt als Studie über Gewalt im Film. Darüber hinaus kann man an diesem Film erkennen, wie man einen perfekt durchgedrehten Film dreht. Und schließlich ist es der perfekte Film darüber, was für Aasgeier die Medien doch sind (die sich dann wiederum an der „Studie über Gewalt im Film“ aufgeilen).

Was das Thema Gewalt angeht, kennt Stone keine Gnade: Er steigt direkt damit ein. Wir lernen seine Bonnie alias Mallory (die großartig durchgeknallte Juliette Lewis) und seinen Clyde alias Mickey (Woody Harrelson in einer Paraderolle) kennen, wie sie eine Gruppe Trucker aufmischen. Gewalt ist das Metier von Mickey und Mallory – und in einem wahnsinnigen Todesrausch kreuzen sie durch Amerika. Und erstaunlicherweise liebt Amerika sie dafür, sehr zum Vorteil für Medien-Aasgeier Nummer 1 Wayne Gale (ein kaum wiederzuerkennender, toll spielender Robert Downey Jr.).

Gewalt ist das zentrale Thema in „Natural Born Killers“, und Gewalt wird geliefert. Allerdings missbraucht Stone die Darstellungen nicht zum bloßen Voyeurismus. Man sieht nicht alles, aber genug. Wichtiger ist Stone das, was im Kopf abgeht: da gibt es Millisekunden dauernde Bilder von Blut überströmten Köpfen, schnelle Schnitte und Schwenks. Wenn’s hart auf hart geht, bleibt die Kamera nie auf einer Sache stehen. Bestes Beispiel dafür ist immer noch die Gefängnisrevolte zum Schluss des Films. Da geht es wirklich krass zur Sache, ohne das sich die Kamera daran aufgeilt.

Viel wichtiger ist doch die Tatsache, dass die Gewalt im Film die Medienaufmerksamkeit steigert und somit Downey Jr.‘s Rolle Blut leckt. „Sex und Blut verkauft sich gut!“ Was gibt’s da besseres als ein mordendes Pärchen. Die Medien stürzen sich auf alles, was Mickey und Mallory machen und machen sie zu Stars. Dass die beiden dafür morden, gerät fast schon in den Hintergrund. Gerade an diesem Punkt beißen sich viele Kritiker fest: „Oh mein Gott, der Film suggeriert, dass man durch Gewalt berühmt wird!“ Viel schlimmer finde ich aber, was Stone eigentlich damit zeigt: „Wenn die Medien nicht wären, würde gar nicht erst so ein großer Rummel entstehen!“

Es ist so herrlich, was „Natural Born Killers“ aus dem Kritiker macht: ein hilfloses Tier, dass nicht weiß, ob es nun loben oder verreißen soll. Und jeder wäre im Recht.

Ich bleibe aber beim Lob, denn neben all der Gewalt-Thematik darf man nicht vergessen, dass Stone mit „Natural Born Killers“ ein grandioses Beispiel dafür abliefert, wie man die Verrücktheit und dieses Durchgedreht-Sein der Figuren auf das Filmtechnische überträgt. Rückblenden als Sitcom, immer wieder Wayne Gale mit seinen Reportagen, Animationen, schwarz-weiß, Farben: Stone zückt alles, was filmisch machbar ist. Schnelle Schnitte und häufige Farbwechsel saugen dich ein und lassen dich nicht wieder los. Das Gehirn bekommt keine Pause, um alles zu verarbeiten: was wie ein endloser Strom an willkürlichen Farben und Bildern wirkt, ist ein grandios geschnittenes und durchdachtes Filmexperiment.

Stilistisch als auch erzählerisch ist „Natural Born Killers“ extrem eindrucksvoll. Und extrem sehenswert.

Wertung: 10 von 10 Punkten (dieser Film lässt niemanden kalt – grandioses Meisterwerk von Oliver Stone)

15 Kommentare leave one →
  1. 20. Juni 2011 08:55

    Yep, ein interessanter und mitreißender Film. In meiner Jugend unzählige Male gesehen. Bei der letzten Sichtung war er mir dann schon fast zu anstrengend. Sollte ich aber mal wieder einwerfen.

    • donpozuelo permalink*
      20. Juni 2011 10:04

      Jetzt hast du dich selbst aber schon irgendwie sehr, sehr alt gemacht mit dem Kommentar. 😉

  2. 20. Juni 2011 10:20

    Muss ich noch mal sehen. Habe ihn längst nicht so stark in Erinnerung und mag ohnehin die „andere Hälfte“ True Romance viel lieber.

    • donpozuelo permalink*
      20. Juni 2011 11:19

      „True Romance“ ist großartig, einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Da gebe ich dir vollkommen Recht. Recht hast du auch in der Hinsicht, dass „True Romance“ sehbarer ist als „Natural Born Killers“. Der eine ist ein sehr gut gemachter Unterhaltungsfilm, während der andere doch etwas „größer“ ist und einem doch schon was abverlangt.

      Trotzdem ist auch „Natural Born Killers“ stark.

  3. 20. Juni 2011 16:52

    Hm, muss ich wohl MAL sehen. Da habe ich anscheinend ein Meisterwerk verpasst.

    • donpozuelo permalink*
      20. Juni 2011 19:42

      Auf jeden Fall. Ein sehr guter Film, dem man leider auch viel zu oft böse Sachen nachsagt (so von wegen der Gewaltverherrlichung und so…)

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