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Lykanthropie

17. Juni 2011

Von all den klassischen Monstern – ob nun Vampir, Frankenstein, Mumie oder Werwolf – ist der Werwolf die Figur, mit der ich am wenigstens anfangen konnte. Was aber auch daran liegen könnte, dass der Werwolf eher in den Hintergrund gerät. Vampire gibt’s wie Sand am Meer, aber Werwölfe??? Gerade in jüngster Zeit verkommt der Werwolf mehr und mehr zur Nebenfiguren! Vielleicht bekommt er auch mal hier und da einen eigenen Film, aber so richtig warm ist Hollywood mit dem Animalischen im Menschen nie geworden. Da verkauft sich ein sexy Vampir schon eher. 😀

Zum Glück leben wir ja in Zeiten des fleißigen Recyclings. Und zum Glück fahren viele kleine Mädchen auf diesen Möchtegern-Gothic-Kram ab, wie die „Twilight“-Filme beweisen. Gut, dass die gleiche Regisseurin aktuell versucht, aus dem Grimm-Märchen „Rotkäppchen“ einen Werwolf-Film zu machen, dessen Trailer schon daraufhin deutete: „Achtung: Twilight mit mehr Wolf!“ Wer sich aber für einen richtigen Werwolf interessiert – klassisch mit Wolfsgeheul, Vollmond, Silberkugeln und wütenden Fackeln tragender Jäger – der ist bei Joe Johnstons „Wolfman“ genau richtig.

„Wolfman“ folgt dem klassischen Verlauf des Werwolf-Films: Der junge Lawrence Talbot (Benicio del Toro) kehrt zu seinem Vater Sir John Talbot (Anthony Hopkins) zurück, weil sein Bruder auf bestialische Weise ums Leben gekommen ist. Bei der Suche nach dem Täter muss der junge Talbot erkennen, dass das Gerede um einen Fluch möglicherweise doch kein Gerede der Zigeuner ist. Talbot wird von einem Tier angegriffen – aber schon nachdem seine Wunden verheilt sind, merkt er erste Veränderungen: er ist kräftiger, kann besser sehen, riechen, hören… und gerät selbst unter Verdacht. Als er dann eines Tages blutüberströmt im Wald aufwacht und in eine Anstalt gesteckt wird, muss Talbot erkennen, was er wirklich ist: ein Werwolf.

Joe Johnston hat Glück – obwohl sein Film keine großen Überraschungen bietet, ist er trotzdem sehenswert. Am ehesten liegt das wohl an dem Vater-Sohn-Gespann Hopkins und del Toro. Anthony Hopkins darf eine Light-Version seines Hannibal Lecter abgeben und hat sichtlich Spaß daran, der mysteriöse, alte Mann zu sein, der in einem leeren, riesigen Haus allein lebt. Zugegeben steckt etwas sehr viel Theatralik in Hopkins Schauspiel, bei der scheinbar jede Bewegung genauestens einstudiert wurde, jede Mimik vorm Spiegel geprobt und jeder Satz mit Präzision und ohne jegliche Improvisation gesprochen wird. Aber es passt, gerade Hopkins Rolle wirkt andersartig – er gehört nicht in diese Gesellschaft. Was ja auch stimmt, schließlich hat auch Papa Talbot so sein Geheimnis 😉

Neben Hopkins und del Toro spielen auch noch „Matrix“-Bösewicht Hugo Weaving als störender Ermittler und Emily Blunt als Verlobte von Talbots Bruder mit. So hat der Film auch in den Nebenrollen mehr als sehenswerte Schauspieler zu bieten. Hugo Weaving ist ja in solchen, etwas fieser angelegten Rollen sowieso immer großartig, nur Mrs. Blunt hat eher weniger zu tun. Ihre Aufgabe besteht eigentlich nur darin, hübsch und ängstlich auszusehen. Das macht sie dafür aber großartig.

„Wolfman“ lebt also von seinen Darstellern, die die nach Rezept erzählte Geschichte sehr aufwerten. Doch das soll jetzt keine negative Kritik an der Geschichte sein. Es gibt einsame englische Villen, Verfolgungsjagden durch dunkle Wälder, Folterszenen in der Irrenanstalt, fiese Vollmond-Verwandlungen und ein äußerst tragisches Ende. All das spinnt Johnston zu einer rasanten und sehenswerten Geschichte, die endlich auch mal wieder den „guten“ Werwolf in den Vordergrund stellt. Joe Johnston macht aus seinem Werwolf kein neumodernes Wölfchen, sondern bleibt sehr klassisch. In einer Zeit voller Neuerungen ist das sehr angenehm – schön „old school halt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein klassischer Horrorstreifen, der dem Werwolf mehr als nur gerecht wird)

15 Kommentare leave one →
  1. 17. Juni 2011 07:17

    Obwohl ich Werwölfe durchaus mag, reizt mich der Film so gar nicht. Aber wenn du ihn so gut bewertest, werde ich vielleicht doch einmal reinschauen…

    • donpozuelo permalink*
      17. Juni 2011 07:44

      Ist halt „very old school“, aber sehenswert!

  2. christiansfoyer permalink
    17. Juni 2011 07:21

    Noch nicht gesehen, aber auch noch kaum eine so positive Meinung dazu gelesen. Wobei du ja im Moment mit deiner Punktevergabe sowieso seeeehr großzügig erscheinst 😛

    • donpozuelo permalink*
      17. Juni 2011 07:44

      😀 Tja, was soll ich sagen….

      Mich hat’s angesprochen, dass es mal ein bisschen klassischer zuging. Man könnte dem Film auch Vorhersehbarkeit und einfaches Story-Design vorwerfen, aber vor allem Dank der guten Schauspieler – und gerade Benicio del Toro sehe ich sehr gern – ist „Wolfman“ ein Film, den man sich durchaus anschauen kann.

  3. 17. Juni 2011 08:38

    Mir gefiel auch die „Oldschoolität“ des Films. Und der streckenweise überraschend heftige Splatter.

    Und Emily Blunt sieht fantastisch aus in dem Film… ❤

    • donpozuelo permalink*
      17. Juni 2011 12:30

      😀 Du und Emily Blunt 😉 Ja, sie sieht fantastisch aus!

      Stimmt, auch die Verwandlungsszenen sind krass. Für so einen „Oldschool“-Film schon sehr heftiger Einsatz von Kunstblut, grotesken Nahaufnahmen und sonstigem…

  4. 17. Juni 2011 09:38

    Von all den Horrorfiguren finde ja den Werwolf am Coolsten. Trotzdem habe „Wolfman“ bis heute nicht gesehen, was vor allem daran liegen könnte, dass du die erste positive Kritik verfasst hast, die ich dazu gelesen habe. 😉

    • donpozuelo permalink*
      17. Juni 2011 12:32

      Echt??? Die erste gute Review…. Ich kann nur wiederholen, was ich bei Christian schon geschrieben habe: Klar könnte man den Film auch komplett verreißen, aber er hat viele gute Momente und ist sehenswert.

  5. 17. Juni 2011 16:30

    häää…dachte zuerst du schreibst wirklich über „Red Riding Hood“ aber der geht ja grad noch so…obwohl mich der trialer dmals auch nicht wirklich ansprach…aber der don reisst ja mal wieder raus 😛

    • donpozuelo permalink*
      17. Juni 2011 18:35

      😀 Nee, nee… Ich habe mir „Twilight“ angetan, aber „Red Riding Hood“ wird wohl warten müssen, bis der mal im TV läuft. Und selbst dann würde ich ihn wohl nur wegen Gary Oldman gucken 😀

    • 19. Juni 2011 12:59

      Haha, das dachte ich auch, bis ich mir die Tags angesehen hatte und Amanda Seyfried nicht entdeckt habe 😉

      • donpozuelo permalink*
        20. Juni 2011 05:54

        😀 Dann ist mein teuflischer Plan ja perfekt aufgegangen.

  6. 20. Juni 2011 20:43

    Haben wir zwei verschiedene Filme gesehen? 😛
    Nein, im Ernst – der war doch streckenweise richtig albern und Hopkins war doch schon Karikatur pur ;D
    Den alten Wolfman mit Lon Chaney jr. war wenigstens noch spaßig anzusehen. Ich weiß nicht.
    Wenigsten Emily Blunt war schön anzusehen.

    • donpozuelo permalink*
      21. Juni 2011 05:43

      Ui… dann haben wir wirklich zwei unterschiedliche Filme. 😀

      Den alten Wolfman kenne ich leider nicht, aber für das, was ich erwartet habe, war das Remake genau passend.

Trackbacks

  1. Nur ein Junge aus Brooklyn « Going To The Movies

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