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Mutant und stolz

10. Juni 2011

Lieber Matthew,

wie du vielleicht weißt, gibt es in der „ersten Klasse“ keine Noten. Schließlich sollst du nicht gleich am Anfang zu sehr unter Druck gesetzt werden. Die „erste Klasse“ ist zum Lernen – du lernst wichtige Sachen fürs Leben. Das sollte auch ohne Noten gehen. Damit du trotzdem weißt, wie die „erste Klasse“ für dich gelaufen ist, erhältst du an dieser Stelle eine schriftliche Bewertung.

Bewertung für Matthew Vaughns „X-Men: First Class“:

Matthew, du hast dich schon früh für spannende Comic-Adaptionen interessiert, die dir einen guten Ruf eingebracht haben. Vielen gefiel beispielsweise dein „Kick-Ass“. Jetzt hast du dich an etwas getraut, dass man mit Vorsicht angehen sollte: die „X-Men“. Aber du wolltest nicht bloß eine Fortsetzung drehen, sondern ähnlich wie der liebe Christopher einen Neuanfang. Zumindest habe ich das irgendwie erwartet, aber statt einer Neuanfang machst du ein Prequel. Dabei bemühst du dich sehr, zwei Figuren aus den alten „X-Men“-Filmen stärker in den Vordergrund zu rücken: Professor X und Magneto. Natürlich heißen die bei dir anfangs nur Charles (James McAvoy) und Erik (Michael Fassbender) – schließlich erzählst du die Anfänge der Mutanten.

Das gelingt dir auf eine Weise sehr gut: Die Handlung im Jahre 1962 verstrickst du gekonnt mit tatsächlichen Geschehnissen und bietest uns eine neue Sichtweise auf die Ereignisse, die damals aus einem Kalten Krieg einen ziemlich heißen gemacht hätten. Bei dir will nämlich der böse Sebastian Shaw (Kevin Bacon) die Welt der Menschen ins Chaos stürzen, um die Welt der Mutanten aufzubauen. Vielleicht hast du ein wenig zu viele James Bond-Filme geschaut, aber in deiner Darstellung von Amerikaner und Russen bleibst du sehr klischeehaft. Die Amerikaner sitzen Zigarre paffend in ihrem Kubrick’schen War Room, während die Russen mit starkem Akzent in ihrem Kreml sitzen und kleine Boote auf Karten verschieben. Zumindest verzichtest du darauf, zu sehr Partei zu ergreifen. Amerikaner und Russen sind ja in diesem Fall auch eher zweitrangig und eigentlich ja auch nur Spielfiguren von Mutanten.

Beim nächsten Mal solltest du aber vielleicht versuchen, ein bisschen mehr Pfeffer in die Suppe zu hauen. Teilweise treibt dein Film zu sehr von seinem Comic-Action-Szenario ab. Gerade dann, wenn du die verschiedenen neuen „Rekruten“ der „X-Men“ vorstellst. Hier wäre etwas mehr Kreativität schon schön gewesen.

Das Gleiche gilt auch für die Auswahl deiner Mutanten. Zum Teil kennen wir einige natürlich schon, wie Magneto, Professor X, Mystique oder Beast. Aber was, bitte, soll Angel? Ein Mädchen mit Flatterflügeln, die Feuerbälle spuckt? Ich bitte dich! Noch schlimmer wird es da nur noch mit deinem Banshee – ein Typ, der Schallwellen ausstrahlt und so auch noch fliegen kann. Manche deiner Mutanten wirken irgendwie albern. Mutanten sollen in dem Zuschauer das Gefühl erwecken: „Ich möchte auch so ein Mutant sein!“. Aber glaube mir, keiner möchte Angel oder Banshee sein. Wirklich keiner! Zumindest aber lässt du die schon bekannten Figuren wie sie sind. Außer natürlich, dass Professor X bei dir noch nicht im Rollstuhl ist.

Kommen wir doch nun zu deiner eigentlichen Geschichte: Die Freundschaft zwischen Charles und Erik und wie sie zerbricht. Du baust gleich zu Beginn zwei parallele Stränge auf. Auf der einen Seite ist Erik als kleiner Junge, der im KZ seine Fähigkeiten erkennen muss (übrigens eine nette Idee, die Szene aus der Trilogie einfach zu wiederholen), auf der anderen Seite wächst der behütete Charles auf. Diese zwei Stränge entgleiten dir aber immer mehr und mehr, was daran liegt, dass du dich zu sehr mit Erik beschäftigst. Natürlich ist seine Geschichte spannender, aber du verlierst dabei leider zu oft die Geschichte von Charles außer Augen.

Dazu kommt dann noch, dass Michael Fassbender ein grandioser Glücksgriff deinerseits war. Fassbender spielt diesen jungen Mutanten mit einer unglaublichen Hingabe. Er ist voller Zorn und Hass, was er auch nach außen hin trägt. Fast erinnert er in seiner Darstellung an Hugh Jackmans Wolverine, der ähnlichen Rachegelüsten folgt. Fassbender stiehlt allen anderen die Show, da kann auch der gute James MacAvoy nichts dagegen halten. Der „Wanted“-Star gibt sich zwar alle Mühe, bleibt aber hinter Fassbender zurück.

Im Grunde, lieber Matthew, kann man folgendes sagen: Du wärest besser gefahren, wenn du aus deinem Film einen „X-Men Origins: Magneto“ gemacht hättest. Das funktioniert bei dir nämlich ausgezeichnet. Die Figur des Magneto sticht so krass hervor, dass alles andere dahinter verblasst.

Damit hast du zwar keinen schlechten Film gemacht, aber ein wirklicher Neustart ist dir leider nicht geglückt. Trotzdem bin ich mir sicher, dass du es in der zweiten Klasse besser machen wirst.

Immerhin, so viel darf ich dir sagen, lieber Matthew, hatte dein Film zwei sehr schöne Höhepunkte für mich: Zum einen war das der urkomische Kurzauftritt von Hugh Jackman als Wolverine, zum anderen war das die Schlüsselszene, in der Charles Xavier wirklich zu Professor X wird. Das war so ein „Darth Vader nimmt seinen Helm ab“-Moment. Den hast du toll gemacht.

Nimm dir also bitte für die zweite Klasse etwas mehr vor. Denke gründlicher über die Figuren nach und mache dir vor allem klar, was du wirklich erzählen möchtest.

Lieber Matthew, ich wünsche dir für die zweite Klasse viel Erfolg, denn sie kommt garantiert.

Für den Fall, dass du doch wissen möchtest, wie ich dich bewerten würde:

Wertung: 7 von 10 Punkten (da steckt Potenzial drin – vor allem Michael Fassbender gibt eine grandiose Vorstellung ab)

26 Kommentare leave one →
  1. christiansfoyer permalink
    10. Juni 2011 05:56

    Na dann, hat er dir ja zumindest punktemäßig doch etwas besser als mir gefallen. Ich frage mich ja anhand des Sturms positiver Stimmen (drüben bei moviepilot wird der von Kritikern und Usern in astronomische Sphären gelobt…), ob ich nicht vielleicht doch nur in der Vorstellung saß, in der ein verlängerter Trailer des Films gezeigt wurde. Passiert mir ja nicht oft, aber wie so viele so viel gutes und gut umgesetzes in diesem Film erkennen können (besonders bezüglich des Parts zwischen Fassbender und McAvoy), kann ich wirklich mal nicht nachvollziehen…

    • donpozuelo permalink*
      10. Juni 2011 06:06

      Mach dir mal keine Sorgen! Du hattest mich mit deiner Review zum Glück vorbereitet und ich war auch das gefasst, was mich erwartete. Was mich dann auch noch zu einer etwas positiveren Bewertung geführt hat, ist die Tatsache, dass Michael Fassbender einfach so gut ist.

      Der ganze Film ist für mich mehr ein „Magneto“-Film als ein waschechter X-Men-Film. Und diese ganze Rekrutierungsgeschichte fand ich sehr kindisch.

      Was ich eigentlich sagen will: Ich kann deine Review voll nachvollziehen und so unterschreiben. So hätte ich sie auch schreiben können, aber du hast gute Vorarbeit geleistet und so habe ich mich an Fassbenders MAgneto ergötzt und konnte dem Film doch noch was abgewinnen. 😉

  2. graval permalink
    10. Juni 2011 13:43

    Genial geschrieben, Hut ab 🙂 Ich würde noch aufpassen mit dem Spoiler am Schluss… Der könnte manchen Leser vergraulen 😉 Ich wusste das leider schon und war daher vorbereitet, als die zwei die Bar betraten. Aber ja, hinter Fassbender verblassen fast alle anderen Schauspieler, aber der Film dreht sich ja eigentlich zu 50% auch um Magneto, also ist das nur halb so schlimm, das McAvoy da etwas im Hintergrund steht. Zumal er ja auch mit keinen Konflikten zu kämpfen hat.

    • 10. Juni 2011 14:30

      Danke! 😉

      Aber so böse gespoilert ist das mit Hugh Jackman doch jetzt auch nicht. Ich sage ja nicht, in welchem Zusammenhang und was genau passiert. Die Spannung, wann und wie er auftritt, bleibt doch nach wie vor.

      Ja, der Fassbender. Großartiger Typ. Mag ich jetzt gleich noch viel mehr. Sein Magneto ist wirklich fies.

      • graval permalink
        10. Juni 2011 17:31

        Naja, aber du hasts verraten. Voll gemein. 😛 Ich hab zudem erst gar nicht gerafft, dass das die Rebecca Romijn ist, als sich Mystique in ihr älteres Ich verwandelt 🙂

        Und gerade eben nicht – Magneto ist imho nicht fies, sondern verzweifelt und verletzt. Und das macht ihn so gefährlich und so unberechenbar.

        • donpozuelo permalink*
          11. Juni 2011 10:27

          Echt so schlimm??? Dann tut’s mir Leid. Ich dachte, das wäre nicht so wild, wenn ich ihn nur erwähne. Dass mit der Rebecca ist mir auch erst später klar geworden, als ich es gelesen habe.

          Und bei Magneto haste Recht!

      • graval permalink
        11. Juni 2011 11:51

        Hihi, nicht doch 😉 Wäre was anderes, wenn du etwas verraten würdest, was wirklich spannend wäre 🙂

        • donpozuelo permalink*
          12. Juni 2011 20:18

          Puhh… gut 😀

  3. 10. Juni 2011 18:46

    Nasja ganz kann ich da mit dir nicht übereinstimmen! Der Kalte kreig verlieh dem ganzen doch ERST den Pfeffer, genau wie bei Captaim America dass dann der Fall sein wird (naja dort halt Nazis) aber die Comics bauen ja auch auf den alten Feindbildern der Welt auf. Ist das nicht gerade das was dem Film Glaubwürdigkeit verleiht echte Ergeinisse anstelle irgendeines Mutantensäuberungsprogramm der Regierung? Braucht es nicht wieder alte Feinbilder an die man sich klammern kann? Was haben wir den noch nun da Osama auch noch tot ist?…achja und Fassbender war wirklich genial 😉

    • donpozuelo permalink*
      11. Juni 2011 10:24

      Ich hab mich doch wegen der Kalten-Krieg-Geschichte gar nicht beschwert. Ich find sowas eigentlich immer witzig, wenn Filmemacher ihre ganz eigene Geschichtsdeutung zeigen. Und in diesem Fall hat das doch gut funktioniert.

      Und die Feindbilder haben mich in der Hinsicht nicht gestört, weil sie auf beiden Seiten stark überzeichnet waren und die Mutanten als die vernünftigeren da standen.

  4. 10. Juni 2011 19:05

    Umfassendere Meinung folgt wie immer nach eigener Sichtung.

    Kommentar im Vorfeld: hibbelig! Will sehen! 😀

    • donpozuelo permalink*
      11. Juni 2011 10:24

      Kannst auch sehen!!! Ich bin gespannt.

  5. 14. Juni 2011 07:26

    Fassbender spielt ALLE an die Wand. Das ist schon krass, der Typ wird noch ganz gross vermute und hoffe ich. Und McAvoy gefällt mir eh schon seit Swimming Pool wahnsinnig gut und passt hier auch ganz hervorragend wie ich finde.

    Allgemein: Super Film, setzt die Messlatte für Comic-Verfilmungen wieder mal ein bisschen höher.

    • donpozuelo permalink*
      14. Juni 2011 08:11

      Ja, Fassbender ist großartig. McAvoy kenne ich ehrlich gesagt nur aus „Wanted“ und „Der letzte König von Schottland“. Über „Wanted“, denke ich, brauchen wir nicht reden 😉 im „Der letzte König…“ hat er mir auch sehr gut gefallen.

      Die beiden geben auf jeden Fall ein gutes Duo ab, aber auch hier ist Fassbender der stärkere, was aber auch an seiner Figur liegt.

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