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Daddy’s Little Girl

30. Mai 2011

Joe Wright ist bis jetzt kein Regisseur gewesen, mit dem ich etwas anfangen konnte. Mit Filmen wie „Stolz und Vorurteil“ oder „Abbitte“ kann man mich eh nicht so locken und „Der Solist“ war jetzt eher ein mittelprächtiger Film. Jetzt hat sich Wright an was anderes gewagt und den Film „Hanna“ gemacht. Und mich dadurch ein wenig mehr für sich gewonnen – auch wenn der Film an sich mich nicht sehr beeindruckt hat.

In „Hanna“ geht es – na klar – um Hanna (Saoirse Ronan), die mit ihrem Vater (Eric Bana) irgendwo in der Wildnis von Finnland lebt. Von Anfang wird deutlich, dass das hier keineswegs freiwillig oder etwa eine normale Vater-Tochter-Beziehung ist. Vater Erik bringt seiner Tochter alles bei: von Waffenhandhabung über Sprachen bis hin zur Selbstverteidigung ohne Waffen. Aber wie junge Menschen so sind, wollen sie irgendwann mehr. Immer nur die Hütte und der Schnee sind auf die Dauer ja auch echt langweilig… Also buddelt Papa Erik einen Sender aus dem Boden, Hanna drückt den Knopf und vorbei ist es mit der Idylle. Kaum ist der Sender aktiv, beginnt eine gewisse Marissa Wiegler (Cate Blanchett) ihre Jagd auf Hanna und ihren Vater. Warum bleibt lange Zeit ein Rätsel…

Statt Kostümdrama nun also Action-Thriller – das klingt doch viel versprechend. Und fängt auch ganz gut an. Gerade Hannas Hetzjagd über mehrere Kontinente hat schon was ein wenig was von James Bond, denn ganz offensichtlich hat Wright tatsächlich in Marokko, Spanien, Finnland und schließlich Deutschland gedreht. Nicht immer nur Studio… Wright geht nach draußen und belebt dadurch die Jagd auf die kleine Hanna ungemein. Durchweg spannend inszeniert verfolgen wir anfangs etwas verwirrt das Geschehen auf der Leinwand. Schließlich bleibt der wahre Grund der Jagd lange Zeit unklar – sowohl für Hanna als auch für den Zuschauer.

Für jemanden, der bis dahin nur „seichte“ Dramen gedreht hat, beweist Wright erstaunliches Talent im Action-Genre. Besonders gut ist ihm dabei Hannas Flucht aus ihrem Gefängnis am Anfang gelungen. Passend zu dem wirklich großartigen Soundtrack der Chemical Brothers lässt er die kleine Hanna durch enge Gänge flitzen, da dreht sich die Kamera wild um ihre eigene Achse, schnelle Schnitte passen sich dem treibenden Sound an – die vielleicht beste Szene im ganzen Film. Aber auch sonst ist sich Wright für Action nicht zu schade. Wer jetzt aber nur Action erwartet, der sei gewarnt: Wright vergisst seine Wurzeln nicht und beleuchtet auch den Menschen Hanna. Immerhin haben wir es mit einer 14-Jährigen zu tun, die jahrelang nur im Wald gelebt hat. Hanna wird bei Wright auch ein wenig das Wolfskind aus dem Wald, dass zum ersten Mal einen Fernseher, elektrisch betriebene Lampen oder Ventillatoren sieht. Wright schafft es so, eine komödiantische Seite an seinem kleinen Killer zu zeigen, was den Film sehr schön locker gestaltet und wirklich sehenswert macht – vor allem, wenn sich Hanna einer britischen Familie anschließt, wird der Film sehr herzlich und fast schon ein kleines Teenie-Drama.

Aber irgendwann muss wieder Action her, irgendwann muss eine Auflösung in Aussicht gestellt werden und ab da verliert „Hanna“ ein wenig seinen Charme. Denn zur Mitte des Films kann man erahnen, worum es geht. Und leider kann man auch erahnen, dass Wright den guten Start zu einem mittelmäßigen Ende bringen wird. „Hanna“ wird dann schneller, etwas hektischer und durch seine Auflösung ein etwas alberner Film.

Wodurch ich mich dennoch mit „Hanna“ anfreunden kann, ist eine wichtige Schlussfolgerung, die ich aus diesem Film getroffen habe: Ich bin der festen Überzeugung, dass Joe Wright ein waschechter „Akte X“-Fan ist. Sein Film hat alles, was eine „Akte-X-Episode“ ausmacht. Wir haben ein kleines, unschuldiges Mädchen mit fast schon übernatürlichen Fähigkeiten. Wir haben eine böse Regierungsorganisation, die alles daran setzt, dieses Mädchen zu fassen. Das wäre noch lange nicht alles, wäre da nicht eine Cate Blanchett, die mit ihren kurzen, roten Haaren und dem Anzug so krass wie Dana Scully aussieht, dass Irrtümer schon fast ausgeschlossen sind 😉

Ob meine Feststellung nun stimmt oder nicht, sei mal dahin gestellt. „Hanna“ ist ein guter Film, der etwas nachlässt. Aber Hauptdarstellerin Saoirse Ronan (die wir ja schon aus „The Lovely Bones“ kennen) überzeugt als geplagter Teenager den ganzen Film hindurch. Joe Wright erschafft eine bezaubernde Killermaschine mit Gefühlen, ohne sie zu sehr im Actin oder im Drama versinken zu lassen. Dass dabei die große Auflösung etwas zu leiden hat, verzeiht man ihm dann. Zumal er in seinem Film eine Cate Blanchett als „böse Scully“präsentiert, die so richtig herrlich fies ist.

„Hanna“ mag für Joe Wright ein guter Beweis dafür sein, dass er auch andere Filme machen kann. Nur an der Story selbst sollte er dann doch noch ein wenig feilen.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Joe Wright goes „Akte X“ – mit einigen Hängern, aber ansonsten durchaus sehenswert)

P.S.: Die Diskussion über die Titelgebung werde ich jetzt nicht noch einmal führen. Wie man aus dem Originaltitel „Hanna“ der deutsche Titel „Wer ist Hanna?“ werden konnte, ist mir völlig unklar. Was in den Köpfen der Verleihern so vorgeht, würde mich aber schon mal interessieren.

23 Kommentare leave one →
  1. 30. Mai 2011 05:59

    Ach was! „Abbitte“ ist doch ein toller Film. Kannst du mir übrigens erklären, worums dort ging? Ich habe ihn mehrmals angefangen, und seine Wirkung als Rohypnol-Ersatz ist unübertrefflich. 😉

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2011 06:08

      Ich habe „Abbitte“ allein schon wegen meiner Abneigung zu Keira Knightley leider nicht gesehen. Ich weiß, man soll keine Filme beurteilen, die man vorher noch nie gesehen hat, aber wenn ich mir so den Inhalt durchlese, glaube ich auch, dass bei mir eher die Schläfrigkeit einsetzen würde.

  2. 30. Mai 2011 06:25

    Den Trailer dazu habe ich vor ’ner ganzen Weile mal gesehen und er wirkte ziemlich konfus. Wenn das allerdings so sein sollte, weil der Film (zumindest die erste Hälfte) genauso ist, kann man ihn sich ja doch mal zu Gemüte führen.

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2011 07:18

      Konfus??? Echt??? Fand ich beim Trailer jetzt nicht unbedingt. Den Film kann man sich aber auf jeden Fall mal zu Gemüte führen.

      • 30. Mai 2011 08:59

        Damit meinte ich, dass mir nicht ersichtlich ist, in welche Richtung der Film dann wirklich gehen will. Ist allerdings auch schon lange her, dass ich den Trailer gesehen habe. ^^

  3. 30. Mai 2011 06:35

    Für mich einer der besten Filme dieses Jahres. Bisher.

    Der One-Take bei der Ankunft von Erik in Deutschland inklusive der Schlägerei war mitunter das Beeindruckenste das ich seit langem gesehen habe. Und der Soundtrack läuft bei mir gerade in Dauerrotation…wunderbar unkonventionell.

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2011 07:19

      Der One-Take war schon echt geil gemacht. Und naja, zum Soundtrack muss man wirklich nicht mehr viel sagen 😉

      Als einen der besten Filme des Jahres würde ich „Hanna“ jetzt aber nicht unbedingt bezeichnen. Dafür war mir das Ende dann doch ein wenig zu flach.

  4. 30. Mai 2011 13:37

    Klingt wahrscheinlicher als die 10/10-Lobeshymnen, die man allerorts liest, aber ich bezweifle immer noch, dass mir der gefällt. „Abbitte“ übrigens fängt sehr, sehr stark an und lässt nach der Hälfte, als die eigentliche Story erzählt war, umso stärker nach. „Stolz und Vorurteil“ dagegen hat mir prinzipiell gut gefallen.

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2011 13:41

      Ui, für 10/10-Lobeshymnen fehlt dem Film noch einiges.

      Was die anderen beiden Filme angeht, bleibe ich dabei: Das ist eher weniger was für mich. Aber wer weiß, vielleicht laufen sie mir ja irgendwann mal über den Weg 😉

  5. 30. Mai 2011 17:03

    Huiuiui die 7 Punkte gehen aber nun definitiv nicht klar MINDESTENS 9 oder 10 das steht schon mal fest. Allein Tom Hollander macht 7 punkte aus, dann bekommt Cate Blanchett auch nochmals 5 Hanna selbst erzielt auch 7 oder 8 und das nervige mädchen (dessen Namen ich vergessen habe) bekommt auch noch 5 also sind wir scon bei 25, 26 so wird gerechnet. zudem spielt mit Joel Basman noch ein Schweizer mit 😛 also 1000 Extrapunkte zusätzlich

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2011 19:55

      Naja, 9 oder 10 würde ich nicht geben wollen, weil es zum Ende hin rein von der Geschichte her schon ein wenig vorhersehbar wird. Bei den Schauspielern gebe ich dir natürlich Recht. Aber das allein macht ja den Film nicht aus… da kommen noch ein paar andere Dinge zusammen, die auch nicht immer so geklärt werden (z.B. wie Hannas Papa einfach mal eben durchs Meer schwimmt und auf der anderen Seite im Anzug durch Berlin wandert)

      und so läuft es darauf hinaus, dass ich bei meinen 7 Punkten bleibe. Sorry 😉

  6. luzifel permalink
    31. Mai 2011 13:10

    Hab mir den Film gestern im O-Ton angesehen und muss zugeben, dass ich positiv überrascht war. Die erste Hälfte des Films geht richtig ab. Typisch ist, dass die Geschichte ab dem Moment wo eine Erklärung für alles abgegeben wird schlechter wird und ich mochte diese flache Begründung warum Mädel und Daddy gejagt werden nicht.

    Cool fand ich ja auch die zivilisatorischen Erstkontakte der Hauptfigur. Stellen an denen man merkt, dass sie im Wald aufgewachsen ist.. Ich mochte auch wie kaltblütig der Film mit seinen Figuren umgeht. Wunderbar ^^ Was am O-Ton besonders beeindruckend war, ist dass so viele Fremdsprachen (vor allem Deutsch) gesprochen wurden. Das klingt zwar für einen Muttersprachler teils grausig, aber ich mag das trotzdem.

    Allgemein muss ich ja den Mut zum Trash loben und gut finden und kann deine 7 von 10 gut nachvollziehen ^^

    Grüße

    • donpozuelo permalink*
      31. Mai 2011 13:28

      Ich hab den auch im O-Ton gesehen und bis auf die Tatsache, dass Cate Blanchett lustig klingt, wenn sie Deutsch spricht, ging mir das dann doch irgendwann tierisch auf den Sack. Warum kann man sich nicht einfach deutsche Schauspieler dazu holen????

      und ja, dass mit der Auflösung stimmt. Habe ich ja auch schon erwähnt. Allerdings frage ich mich, inwieweit hier Mut zum Trash gelobt werden kann. Wenn du das hier als Trash bezeichnen willst (was ich nicht tun würde), dann ist das sicher nicht von Wright beabsichtigt gewesen. Zumal Trash nun wirklich anders aussieht als „Hanna“.

      • luzifel permalink
        31. Mai 2011 21:26

        Mit Mut zum Trash meine ich prinzipiell die Auflösung des Films aber dann hätte man das konsequent durchziehen müssen auf dem Niveau aber so rollt man mit den Augen wenn man diesen haarsträubenden Unsinn hört.

        Ich hätte es wesentlich cooler gefunden, wenn der Regisseur einfach auf die Auflösung verzichtet und man mit einem gewaltigen Fragezeichen nach dem 25% Happy End aus dem Kino geht..

        • donpozuelo permalink*
          1. Juni 2011 06:02

          Ob keine Auflösung dem Film so gut getan hätte, ist wohl auch fragwürdig.

  7. luzifel permalink
    31. Mai 2011 13:12

    PS: So schlimm war Stolz und Vorurteil nicht.. Kann man angucken wenn man sich von Anfang an vor Augen hält, dass Snape der Held des Films ist ^^
    PPS: Was Abbitte als Rohypnol-Ersatz angeht, muss ich das bei Gelegenheit mal austesten ^^

  8. 31. Mai 2011 19:42

    Also hättest Du nicht darüber geschrieben, die Verbindung zu Scully und Akte X hätte ich nie geknüpft, obwohl ich jede Folge gesehen habe, aber jetzt wo Du es so schön gegenüberstellst… 😀
    Trotzdem ist Blanchett keine gute Scully 😉
    Und: toller Posttitel!

    • donpozuelo permalink*
      31. Mai 2011 19:56

      Ich bin auch großer Akte-X-Fan und war – ich gebe es zu – in meinem jugendlichen Wahn auch ein wenig in Scully „verliebt“. Und allein diese erste Szene, wo man Blanchett nur von hinten sieht, dachte ich nur: „Mensch, das könnte jetzt auch Scully sein.“

      Und klar Blanchett ist die böse Scully!!! 😉

      Der Posttitel bot sich an 😀

  9. luzifel permalink
    7. Juni 2011 12:02

    Ich habe gerade die Kritik zu Wer ist Hanna in der Ausgabe der faz.net gefunden und die lobt den Film sehr und schmeichelt auch..

    http://www.faz.net/artikel/S31176/video-filmkritik-wolfsmaedchen-wer-ist-hanna-30363494.html

    Ich habe den Film übrigens auf Deutsch am Sonntag nochmal geguckt und auch beim zweiten mal geht der ab. Der Film fasziniert irgendwie und der Kumpel mit dem ich im Kino war, meinte dazu nur, dass sich der Streifen auch extrem geil als Anime gemacht hätte..
    Da musste ich auch eine Weile drüber nachdenken und tatsächlich hat der Film einen Stil der sich auch sehr gut mit japanischen Zeichnungen gemacht hätte..

    Grüße

    • donpozuelo permalink*
      7. Juni 2011 13:09

      Als Anime wäre der tatsächlich nicht schlecht. Und die Grundprämisse „kleines Mädchen gegen fiese Bösewichte“ schreit doch förmlich Anime!!! 😉

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