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Voight-Kampff-Test

11. Mai 2011

„Stellen Sie sich vor, Sie laufen durch eine Wüste. Als Sie plötzlich runter schauen, sehen Sie dort eine Schildkröte. Sie beugen sich vor, schnappen sich die Schildkröte und drehen sie auf ihren Panzer. Die Schildkröte liegt nun mit dem Bauch nach oben, kann sich nicht bewegen – nicht ohne Hilfe, Ihre Hilfe. Aber Sie helfen ihr nicht. Warum tun Sie es nicht?“

Sollte jemand von euch jetzt einen Ausraster bekommen – nach dieser dargestellten Ausgangslage – dann könnt ihr davon ausgehen, dass ihr ein Replikant seid. Ihr seid nicht Mensch, aber auch nicht Roboter. Ihr seid aber so menschenähnlich, dass es schon wieder erschreckend ist. Ihr habt Erinnerungen an ein früheres Leben, die Fähigkeit zu Fühlen und zu Lernen – damit ihr aber nicht wirklich „menschlich“ werdet, habt ihr nur eine Lebensdauer von vier Jahren. Und eigentlich seid ihr eh nur dafür da, für uns in entfernten Kolonien wie Sklaven zu arbeiten. Da klingt es doch nur logisch, wenn ihr ausbrecht, weil ihr mehr wollt. Aber zum Glück für uns gibt es da immer noch die „Blade Runner“. Die fragen euch so merkwürdige Fragen, machen Tests und entlarven euch – weil ihr kein Empathie-Empfinden habt.

Damit wir Menschen wissen, was uns so erwartet, hat uns Sci-Fi-Großmeister Philip K. Dick schon 1968 mit „Träumen Androiden von elektronischen Schafen?“ vorgewarnt. Nur zur Sicherheit wurde das Buch dann noch von Regisseur Ridley Scott in einem Sci-Fi-Film Noir verfilmt. Harrison Ford spielt die Hauptrolle und darf sich nach Han Solo und Indiana Jones eine weitere filmgeschichtlich wichtige Figur auf den Lebenslauf schreiben.

Bis man „Blade Runner“ als Film jedoch tatsächlich so erleben durfte, wie Mr. Scott das auch wollte, vergingen schon einige Jahre und einige Fassungen – von der Kinofassung über den Director’s Cut (bei dem Scott aber nicht alle Freiheiten hatte) bis hin zum finalen Final Cut (der Scotts Vorstellung von dem Film entspricht). Ich muss gestehen, dass ich die Originalfassung nie gesehen habe – da soll „Blade Runner“ aber (wie es sich für richtigen Film Noir gehört) noch den Blade Runner Deckard als Erzählerstimme haben. Das wurde später aber genauso raus geschnitten wie ein Happy End. Stattdessen verfolgen wir Blade Runner Deckard (Ford) auf der Suche nach entflohenen Replikanten unter der Führung von Replikant Roy (Rutger Hauer). Dabei trifft Deckard auch die geheimnisvolle Rachel (Sean Young), ebenfalls ein Replikant der neusten Sorte… oder doch nicht???

Die Frage, wer Mensch und wer Replikant ist, beschäftigt Deckard den ganzen Film hindurch. Wie kann man einen Unterschied finden, wenn selbst die Roboter wie Menschen sein sollen? Eine brisante Frage, die – dank der verschiedenen Fassungen – auch eine heiße Debatte entfacht haben, ob möglicherweise Deckard selbst auch ein Replikant ist. Wer das herausfinden will, der muss sich diesen Film anschauen. Wer einen Meilenstein des Sci-Fi-Genres sehen will, sollte den Film auch sehen. Und wer Film Noir a la „Tote schlafen fest“ mag, der ist hier auch genau richtig.

Ich könnte jetzt viele Worte darüber verlieren, was „Blade Runner“ für ein toller Science-Fiction-Film ist (geiles Setting, dass sich mit seinen Straßen und Riesenhochhäusern an Langs „Metropolis“ orientiert; Roboter und fliegende Autos). Ich könnte vieles dazu sagen, dass Scott in einem Sci-Fi-Film sehr gekonnt, alle Elemente eines Film noir verpackt (einsamer Held trifft auf undurchschaubare Frau, während er für einen schmierigen Typen einen Auftrag zu erledigen hat). Natürlich könnte ich auch anfangen, die Symbolik des Films aufzuschlüsseln. Aber ich maße mir nicht an, auch nur eine Sache davon, ausführlich genug beschreiben zu können. Und damit auch nur ansatzweise dem Film gerecht zu werden.

Um wieder den Bogen zum Voight-Kampff-Test für die jetzige Zeit zu schlagen: „Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer Videothek, wissen aber nicht, welchen Film Sie schauen wollen. Sie stehen vor den Filmen unter ‚B‘, sehen dort ‚Blade Runner‘. Sie schauen noch einmal hin und gehen dann aber weiter. Ohne den Film mitzunehmen.“ Jeder Filmverächter… äh… Replikant sollte an dieser Stelle explodieren. Zu recht… einen so optisch perfekten Film-Noir-Science-Fiction-Detektiv-Thriller gab’s schon lange nicht mehr.

Wertung: 10 von 10 Punkten (Ridley Scott liefert eine „unheimliche“ Zukunftsvision – DIE beste Philip K. Dick-Verfilmung!!!)

42 Kommentare leave one →
  1. 11. Mai 2011 07:55

    Woah…schon Ewigkeiten her, seit ich den gesehen habe. Muss ich mir unbedingt wieder mal besorgen. Danke fürs Erinnern…

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2011 08:39

      😀 Dafür bin ich doch da!!!

  2. 11. Mai 2011 08:22

    Wohl der Film, den ich als meinen Lieblingsfilm nennen würde, dürfte ich nur einen nennen. Ganz groß. Eine perfekte Symbiose aus Form und Inhalt. Granz groß von Scott und allen Beteiligten.

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2011 08:40

      Ja, finde ich auch. Was mich immer am meisten an dem Film fasziniert, ist die Tatsache, dass man sich sehr, sehr, SEHR viel Mühe mit der Form gegeben hat, ohne dabei den Inhalt zu vergessen/ vernachlässigen. Zu oft haben wir ja den Fall, dass es zu einseitig wird. Aber der gute Mr. Scott macht hier echt alles richtig.

  3. 11. Mai 2011 11:15

    Ich habe den Film erst einmal gesehen und das auch noch unter extremer Müdigkeit, sodass ich tatsächlich mitten im Film eine Pause eingelegt und am nächsten Tag das Ende geguckt habe – das wird dem Film nicht gerecht. Sobald ich Zeit und Lust auf Sci-Fi habe, lege ich den Film wieder ein – danke an die Erinnerung! 🙂

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2011 11:54

      Müde sollte man an den Film nicht herangehen 😉 Mit so einer „Nacht-Pause“ geht natürlich viel vom Film verloren.

  4. 11. Mai 2011 11:36

    Habe ihn auch nur einmal gesehen, mir allerdings vor kurzem die DVD besorgt, denn nach dem einen Mal zu urteilen, gefällt mir Ford hier um Einiges besser als als Han Solo und Indy zusammen, auch wenn ich gleich wieder Haue vom Filmpöbel bekomme. 😀 Toller Film. Und tolles Buch, nebenbei gesagt – dass ich auch gerne ein zweites Mal lesen würde.

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2011 11:57

      😀 Also Haue würdest du von mir wegen der Indy-Han-Solo-Aussage nicht bekommen. Höchstens ein leichtes Stirnrunzeln… Man kann die Rollen nicht so richtig vergleichen. Ich mag Ford als Indy und als Han Solo und auch als Deckard, aber bei Deckard zeigt er irgendwie ganz andere Qualitäten. Da ist er wirklich richtig gut.

      Das Buch habe ich – zu meiner großen Schande – immer noch nicht gelesen. Ist aber schon bestellt 😉 Nachdem ich jetzt den Film nochmal gesehen habe, muss ich mir jetzt endlich das Buch zu Gemüte führen.

      • 11. Mai 2011 12:34

        Ich stimme Borstel zu, was die Rolle von Ford angeht. Aber Haue gäb’s trotzdem. 😀

        • donpozuelo permalink*
          11. Mai 2011 12:41

          Nein, nein! Jeder hat das Recht zu einer Meinung. Und jeder hat die Pflicht, Indy und Han Solo ebenso zu verehren wie Blade Runner Deckard. Ok, vielleicht gibt’s doch Haue. 😉

    • 11. Mai 2011 14:17

      Ja, das Buch ist auch toll – und im Gegensatz zum Film ziemlich unterschätzt.

      • donpozuelo permalink*
        11. Mai 2011 17:19

        Echt? Zur Popularität des Buches hatte ich bisher noch nie was gehört. Ich dachte immer, wenn der Film so gehypt wird, steigt auch der Wert des Buches. Zumal das Buch wahrscheinlich eh noch einen Zacken besser ist als der Film…

  5. 11. Mai 2011 19:50

    Und das ist die Gnade des Alters – ich konnte den Film ja noch im Kino sehen (also ohne Einhorn, dafür aber mit Offstimme). Aber gut, der lief auch jahrelang jeden Sommer in der Waldbühne, also die eine Kopie, die Berlin hatte, mit dem kleinen Fehler rechts oben 😀
    Als dann der Directors Cut im Zoo Palast lief war ich so enttäuscht, weil mir besagte Offstimme fehlte und stattdessen nur ein Einhorn durch Bild lief. Kann ich nicht verstehen, dass die so gehasst wurde. Ich weiß gar nicht, ob ich den „Finalen Cut“ gesehen habe und muss gestehen, dass es mich in diesem speziellen Fall auch nicht so interessiert. Ein Meisterwerk ist er allemal.

    • donpozuelo permalink*
      11. Mai 2011 20:17

      Tja, warum die Off-Stimme weggefallen ist, kann ich mir auch nicht erklären. Als ich gelesen habe, dass es sie gab, dachte ich nur: „Das klingt bestimmt echt gut!“. Zumal es dem ganzen Film noir noch das gewisse Etwas geben würde.

      Aber gut… wie groß der unterschied zwischen Director’s Cut und Final Cut ist, kann ich dir nicht sagen. Ich tippe aber mal darauf, dass es sich nicht sooo sonderlich viel nehmen wird. Aber ich weiß es halt nicht genau.

  6. 11. Mai 2011 20:39

    Angeblich wurde Scott die Offstimme von der Produktionsfirma auf oktroyiert, weil sie der Meinung waren man würde den Film sonst nicht verstehen. Ob das wirklich so war, wer weiß.
    Auf jeden Fall ist es wie Du sagst, der Film bekommt dadurch diesen Philip Marlowe Style. Ich fand das immer sehr angenehm.

    • donpozuelo permalink*
      12. Mai 2011 07:28

      😀 Je mehr du davon erzählst, desto mehr möchte ich tatsächlich mal die alte Originalfassung sehen.

      • 12. Mai 2011 13:56

        Ist die „normale Version“ gar nicht mehr auf der DVD, bzw. Bluray drauf?
        Ich habe ja nur die Videokassete (*lach*) und die erste DVD. Diese ganzen Directors und Final Cuts finde ich albern und im Laufe der Jahre fand ich die Aussagen Scotts zu diesem Film auch sehr unglaubwürdig. Ich meine, hätte er das „Happy End“, was es in meinen Augen gar nicht ist, nicht gewollt, hätte er es nicht gedreht. Das Alternative Ende (das er angeblich so wollte) ist einfach nur Cut und früher Schluss.

      • 12. Mai 2011 14:27

        Inzwischen gibt es eine sehr empfehlenswerte DVD-Kollektion mit allen Schnittfassungen. Auf Blu-ray ist (zumindest in Deutschland) nur der Final Cut erschienen.

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