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Webstuhl-Weisheiten

27. April 2011

Punkt 1: Mythologie ist was Tolles: Fabelwesen, Götter, Helden, Prinzessinnen, Schicksal, Gewalt, Liebe und Tod – da ist echt für alle was dabei. Genügend Geschichten und Figuren, um sich neue interessante Geschichten auszusuchen. Vorausgesetzt, man macht auch tatsächlich interessante Geschichten daraus. Aber… die Möglichkeiten sind da und sie sind fast unbegrenzt. Jeder, der mal etwas origineller sein möchte und sich mal nicht nach einem Comic richten will, könnte sich hier hervorragend bedienen.

Punkt 2: Gute – nein, großartige – Regisseure, die nicht aus den USA kommen, versauen sich ihren Ruf meist relativ schnell, wenn sie dem Glanz und Glitzer Hollywoods erliegen. Das ist irgendwie so ein Gesetz, dass bis jetzt nur selten gebrochen wurde.

Fügt man nun Punkt 1 und 2 zusammen, kommen wir zu Timur Bekmambetows „Wanted“.

Nach seinen beiden „Wächter der Nacht“ und „Wächter des Tages“ galt Bekmambetow als russischer Importschlager, der gezeigt hat, dass Fantasy-Horror-Action nicht immer zwangsläufig aus Amerika kommen muss. Und Bekmambetows Filme waren wirklich wahre Augenweiden: coole Story (ok, Buchvorlage) trifft schräge Typen und tolle Effekte. Bei den „Wächtern“ funktionierte die Magie des Russen ausgezeichnet (was mich gerade wundern lässt, wo den Teil 3 der Wächter-Saga bleibt???). Aber was geschah dann? Wurde Bekmambetow verrückt, fiel er in ein Kreativ-Vakuum oder war er einfach zu sehr davon geblendet, mit Morgan Freeman und Angelina Jolie zu arbeiten? Wer würde das nicht wollen, vor allem dann, wenn man Frau Jolie auch noch tatsächlich als Action-Queen zeigen darf, die fies Autos zerschrottet, mit Waffen um sich ballert und dabei noch Hintern und Tattoos bereit willig vor der Kamera zeigt. Wer würde das nicht wollen???

Angelina Jolie als Lockmittel führte dann wohl auch dazu, dass sich Bekmambetow die Vorlage zu seinem Film – den Comic „Wanted“ von Mark Millar – nicht richtig durchgelesen hat und so eine ziemlich schräge Geschichte dabei herauskommt, die nur zu sehr an „Matrix“ erinnert: Ein Loser-Typ (James McAvoy) wird vom Leben nur so geärgert – Job scheiße, Freundin betrügt ihn mit dem besten Freund, Konto leer. Dann kommt die geile Fox (Angelina) daher, bringt ihn zur „Bruderschaft“, wo er aufgeklärt wird, dass sein Vater ein Assassine war, der jetzt aber von einem anderen ermordet wurde und nur Loser-Boy kann ihn rächen. Das Training beginnt – mit um die Ecke schießen und allem Drum und Dran – und schließlich wird Loser-Boy Killer-Boy und darf loslegen.

Zugegeben, „Wanted“ fängt ziemlich grandios an: allein die Verfolgungsjagd am Anfang ist wirklich genial in Szene gesetzt und macht tierisch viel Spaß (würde McAvoy nicht die ganze Zeit wie ein kleines Mädchen kreischen). Aber mit der Zeit verlieren die Schuss-Wechsel ihren Reiz – was bei mir vor allem daran lag, dass ich die ganze Zeit an „Mr. Smith“ denken musste. In „Shoot ‚Em Up“ gab’s geilere Schießereien ohne den ganzen Magie-Schicksalskäse.

Denn: Ich hätte „Wanted“ viel verziehen, aber alles hat irgendwann ein Ende. Wie in Punkt 1 schon gesagt wurde: Mythologie ist zwar cool, aber so was ist echt bitter. Die nordische Sagenwelt kennt die Nornen, die bei den Griechen Moiren hießen. Egal, wo, sie hatten alle eine Funktion: sie sponnen den Schicksalsgarn, der das Schicksal der Menschen bestimmte. Und wie es der Zufall so will, taucht diese Thematik auch in „Wanted“ auf: Durch einen „magischen Webstuhl“ und das Entziffern der Garn in einem Binär-Code erfahren die Assassinen, wer ihr nächstes Ziel ist. Hallo??? Stricken für den Weltfrieden kommt als nächstes, oder wie? Die ganze Geschichte wirkt ab dann echt nur noch albern, der verzweifelte Versuch, diese mystische Hintergrundgeschichte einzubauen, geht glatt in die Hose. Hätte man sich sparen können! Dann wäre der Film an sich vielleicht auch etwas spannender gewesen.

Was Freeman und Jolie dazu geritten hat, bei „Wanted“ mitzumachen, ist mir schleierhaft. Aber gut, wenigstens Jolie zeigt hier mal wieder, dass sie eine geborene Action-Darstellerin ist: in einem heißen Schlitten mit der Waffe im Anschlag und einem engen Kleid „versprüht“ sie ihren ganzen Charme und sieht dabei verdammt gut aus. Aber leider wird sie uns nur zum Anfang als Appetitt-Happen vorgesetzt. Schließlich geht es ja nicht um sie!

„Wanted“ hätte cool sein können, ist aber schnell vorhersehbar und dank Webstuhl-Magie ein wenig sehr albern. Und wer zur Hölle hat es denen erlaubt, so viele Ratten in die Luft zu jagen??? Die standen doch nun wirklich nicht auf der Webstuhl-Liste. Und ein „No animals were harmed during the shooting of this film!“ habe ich auch nicht gelesen – böser Bekmambetov!!!

Wertung: 4 von 10 Punkten (fängt kultig an, lässt sehr schwach nach – aber mein Interesse an dem Comic ist geweckt)

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29 Kommentare leave one →
  1. christiansfoyer permalink
    27. April 2011 06:54

    Joa, dem kam man so zustimmen, der olle Webstuhl ist dann wirklich ’ne Nummer zu viel. Was Morgan Freeman wohl so durch den Kopf ging, als er bierernst dessen Funktion erläutert? Mir ist aber auch schon dieser „um die Ecke schießen“-Nonsens irgendwie zu doof, zumal dieser Bewegungsablauf einfach behämmert aussieht, wie die da mit ihren Knarren rumwirbeln. Na ja, kann man mal gucken. Aber besser nicht in der gekürzten 22:15 Uhr-Osterfassung 😉

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2011 07:33

      Naja, die ganzen Effekte fand ich ja noch ganz witzig. Aber alles andere war dann doch ne Nummer zu krass. Und ich kann dir versichern, ich habe nicht die Osterfassung gesehen 😉

      Aber wie sooft, hat der Film in mir die Neugier auf die Vorlage geweckt!

  2. 27. April 2011 07:32

    Der Comic ist VÖLLIG anders.

    Aber den Film fand ich ganz in Ordnung. Ich rechne Regisseuren ohnehin jeweils sehr hoch an, dass sie auf Alters-Ratings scheissen und ihre Gewalt so zeigen, wie es ihnen beliebt.

    Obwohl, im Vergleich mit dem Comic ist der Film überaus kinderfreundlich. Ernsthaft.

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2011 07:40

      Dass mit dem Comic glaube ich dir gerne. Ist doch eigentlich in den meisten Fällen so, oder nicht??? Während es in den Comics immer ordentlich zur Sache geht, bleiben die Verfilmungen meist eher etwas handzahm.

      Was „Wanted“ als Film angeht, gebe ich zu, dass der an einigen Stellen sehr in Ordnung war – die Anfangsverfolgungsjagd zum Beispiel – aber der Webstuhl… der Webstuhl… das war irgendwie merkwürdig und albern.

      • 27. April 2011 16:17

        Nein, ich mein, der Comic ist VÖLLIG anders. 🙂 Nicht nur im üblichen Film-Comic-Verhältnis. Wirklich. Im Comic gehts um Superhelden und Superschurken. Aber das wäre auch schwierig zu verfilmen gewesen. Noch ein bisschen mehr an der Story ändern und Timur hätte einen eigenständigen Film daraus machen können.

        • donpozuelo permalink*
          27. April 2011 17:06

          Ach so!!! Naja, ich werde es bald wissen. Ich habe meine Freunde bei amazon schon mit der Lieferung des Comics beauftragt 😉

      • 27. April 2011 16:50

        Im Endeffekt stimmte ja nur noch der Name des Protagonisten oder?

  3. 27. April 2011 08:45

    Fand den damals ja ganz unterhaltsam, war aber ebenso schnell vergessen, wie gesehen.

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2011 15:35

      Unterhaltsam ja… zum Teil schon. Aber dann war’s an manchen Stellen doch irgendwie doof.

  4. 27. April 2011 09:38

    Pff, du bist ja nur neidisch, dass du nicht um die Ecke schießen kannst 😉
    Fand den wohl unterhaltsamer als du – aber habe jetzt auch nicht unbedingt das Verlangen ihn mir nochmal ansehen zu müssen. Habe dem unglaubliche 7/10 gegeben – würde sicherlich weniger sein jetzt.
    Aber auf SHOOT ‚EM UP hätte ich schon wieder Lust, da hast du Recht, da gibts auch tolle Schießereien ^^

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2011 15:29

      Klar bin ich da neidisch. Bin auch neidisch auf die Autofahrt mit Angelina, aber darum geht es hier jetzt nicht. 😉 Es geht um die unselige Verwurstung toller Comics mit merkwürdiger Pseudo-Mystik und vorhersehbarer Geschichte. Nicht nett…

      Da macht „Shoot Em Up“ echt sehr, sehr, sehr viel mehr Spaß und hat sogar noch eine Ernährungsbotschaft 😀

  5. 27. April 2011 12:06

    Ich schließe mich den 4/10 ungefähr an, wobei ich den wohl auch noch mal sehen werde, bevor ich was dazu schreibe.

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2011 15:36

      😀 Du bist gewarnt worden! Nur noch mal anschauen in lustiger Runde und unter leichtem Alkohol-Einfluss! Dann könnte wahrscheinlich auch die Bewertung um ein, zwei Punkte steigen 😉

  6. 27. April 2011 13:39

    Wer den Comic kennt wird ja vom Film mehr als nur enttäuscht sein, da dort wirklich colle Charaktere vorkommen und das einzige was gerade noch so etragbar war, ist Freman aber das auch nur stark an der Schmerzgrenze

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2011 15:32

      Aber sehr stark an der Schmerzgrenze. Was den guten Morgan dazu bewegt hat, hier mitzumachen, würde mich echt mal interessieren. Samuel L. Jackson hätte ich da eher in der Rolle gesehen. Das hätte mehr zu ihm gepasst, aber Morgan Freeman ist für mich einfach mehr der liebe nette Typ von nebenan.

      • 29. April 2011 21:33

        Freeman nimmt doch schon seit längerem gerne leichte Schecks an ^^ (noch schlimmer in EVAN ALMIGHTY)

  7. 27. April 2011 14:11

    Die Sache mit dem Webstuhl und dem Binärcode erinnert mich ja an diesen ganzen Numerologieschwachsinn, welcher nach 9/11 aufkam. Die Autoszene fand ich extrem affig, spätestens nachdem das Auto auf dem Bus wie so eine Matchboxminiatur losgeflitzt ist.

    Angelina Jolie ging mir auch so ziemlich auf den Sack, was sie aber schon seit Jahren tut. Freeman war solide im Rahmen seiner Möglichkeiten, McAvoy war mit seinem Klischee-Loser-wird-Superheld jetzt auch alles andere als berauschend und Kretschmann hätte ruhig auch ein wenig mehr Text haben können. Auch wenn sein Englisch schon ziemlich grausig ist. 😀

    • donpozuelo permalink*
      27. April 2011 15:34

      Ach echt??? Das mit dem Auto fand ich ja gerade noch witzig. Zu dem Zeitpunkt dachte ich nämlich noch: „Ok, der Film nimmt sich nicht sooo Ernst!“ Wenn es dabei geblieben wäre, wäre das großartig gewesen.

      Aber Binärcode und Webstuhl werden dann doch zu ernst verkauft. Gegen Frau Jolie als Action-Amazone habe ich eigentlich selten was einzuwenden 😉 Was Freeman angeht, siehe Antwort bei Maloney und bei McAvoy hoffe ich einfach nur, dass sein X-Men-Debüt als Dr. X sehr viel besser wird.

  8. 27. April 2011 17:18

    Also ich fand den Film eigetlich richtig spannend als ich mal kurz die Augen zu hatte 🙂 Ne aber im ernst die Besetzung ist Top der Film eher Flop..Story bis auf das Webstuhlfeeling ganz ok.

    • donpozuelo permalink*
      28. April 2011 07:13

      Naja, die Story hätte etwas ausgereifter sein können. Selbst ohne Webstuhl wäre das Ganze noch etwas schwammig. Und dabei haben die doch eine Vorlage…

  9. donpozuelo permalink*
    28. April 2011 11:57

    Also ich kann’s jetzt noch einmal für alle bestätigen: „Wanted“-Film = not so good. „Wanted“-Comic = very, very good.

    Mein Postmann des Vertrauens brachte mir den Comic heute und auf der Fahrt zur Arbeit habe ich schon mal angefangen. Und allein schon die ersten paar Seiten deuten ganz klar darauf hin, dass sich Welten, ach, Universen zwischen Film und Comic befinden.

    Also, lest dann doch mal lieber den Comic!!! 😉

  10. 28. April 2011 20:39

    Warum auch immer hatte ich dem „Heiligen Webstuhl“ seinerzeit sogar noch zwei Punkte mehr gegeben, stehe ich heute nicht mehr zu :DD
    Teilweise ist der Streifen schon echt peinlich.

    • donpozuelo permalink*
      29. April 2011 05:37

      Wie wahr, wie wahr!!! Ich kann nach der Hälfte des Comics nur betonen: „Man sollte lieber ‚Wanted‘ lesen als sehen!“ 😉

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