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Wo bleibt das Motiv?

6. April 2011

Mörder müssen immer ein Motiv haben. Mörder haben immer ein Motiv. Und jeder Film, der was auf sich hält, offenbart am Ende des Films das Motiv des Mörders. Immerhin ist das doch der Spannungsaufbau des Films: Zusammen mit dem Ermittler, Psychologen und/ oder Opfer erschließt sich im Laufe der Handlung ein Motiv. Folglich könnte man meinen, dass ein Film ziemlich beschissen wäre, wenn am Ende nicht die Gefühlswelt des Täters offen gelegt wird. Wir brauchen scheinbar immer ein „Warum?“. Oder funktioniert es auch ohne? Erstaunlicherweise ja. Und das bei einem Film, der vom Papier her eigentlich eher skeptisch zu betrachten ist:

Zum einen handeln es sich bei dem Film um ein Remake – ein Hollywood-Remake eines Hollywood-Films. Allein schon diese Prämisse lässt doch fragen aufkommen, wie sinnvoll dieses Remake ist, da man doch ohne schlechtes Gewissen sagen kann, dass das Original sicher besser ist. (Sonst gäbe es ja kein Remake! 😉 ) Zum anderen handelt es sich bei diesem Remake auch noch um eine Michael Bay-Produktion. Michael Bay – da steht das B für „BUMM“, da steht das A für „AUTO-BUMM“, da steht das Y für „Yippie, noch mehr BUMM“. Bei Bay-Filmen geht eigentlich nichts ohne viel Action, viel Ka-Wumm und eben viel Bumm. Umso mehr erstaunt dann doch dieser Film ohne allzuviel Bay’sches Bumm.

„The Hitcher“ ist das Remake von „Hitcher, der Highway Killer“. Statt Rutger Hauer als Bösewicht erleben wir einen zum Niederknien guten Sean Bean. Der spielt besagten Hitcher/ Anhalter, der von dem jungen College-Pärchen Jim (Zachary Knighton) und Grace (Sophia Bush) mitgenommen wird. Doch die Freundlichkeit der beiden würdigt der Bösewicht nicht, sondern will lieber Grace an die Wäsche. Es gelingt Jim, den Hitcher aus dem Auto zu schmeißen, damit ist die Geschichte leider nur nicht zu Ende. Immer wieder taucht der Typ auf, bringt eine kleine Familie oder ganze Polizei-Reviere um und lässt es dabei so aussehen, als wären Jim und Grace die Schuldigen. Somit werden die dann irgendwann doppelt gejagt: von der Polizei und vom Hitcher. Und ständig steht die Frage im Raum… äh, Auto: „Warum tut er uns das an?“

Warum Sean Bean alias John C. Ryder alias „The Hitcher“ dem Pärchen das antut, wird tatsächlich nicht wirklich klar, ist aber in diesem besonderen Fall auch einfach mal scheißegal. Denn „The Hitcher“ funktioniert auch ohne psychologisches Profil des Mörders hervorragend. Bei seinem Spielfilm-Debüt setzt Musik-Video-Regisseur Dave Meyers einfach auf die Devise, die Michael Bay in all seinen Filmen zur Perfektion gebracht hat: Bloß keine Pausen einlegen! Und so bleibt der Film ständig in Fahrt. Getrieben wie Vieh hetzen Jim und Grace immer weiter die Straße entlang, in der Hoffnung dem Übeltäter zu entweichen (was aber natürlich nie klappt). Die fiese Sau taucht einfach immer wieder auf. Und mit seiner fiesen Sau hat Meyers den Hauptgewinn: Sean Bean als Bösewicht ist einfach nur göttlich. So als Mischung aus „Mad Max“ trifft Clint Eastwood gibt sich Beans Mörder wortkarg, aber äußerst zielstrebig und gnadenlos. Beans Auftritte im Film sind grandios, weil der Mann es einfach durch seine ganze Körpersprache schafft, wirklich Böse zu wirken. Der ist es halt einfach, da braucht man fast keine Erklärung mehr.

Neben Sean Bean fungiert vor allem der Bay’sche Megan Fox-Ersatz Sophia Bush als gelungener Gegenspieler, die in knappen Hot Pants und mit Revolver in der Hand mehr als nur eine gute Figur macht. Dafür hat ihr Film-Partner Zachary Knighton den kürzeren gezogen. Sein Jim ist eine wahre Flachzange, der nur selten über sich hinauswächst. Aber hey, mit Bush und Bean sind wir bei „The Hitcher“ eh bestens versorgt.

Zum Glück hat sich Bay-Protege Dave Meyers nicht zu sehr von dem Meister des lauten Knalls beeinflussen lassen. Es brennt zwar auch das ein oder andere Auto, es gibt spektakuläre Verfolgungsjagden, aber es nimmt halt nicht dieses giganto-manischen Verhältnisse einer echten Bay-Produktion an. Lieber bleibt Meyers etwas mehr im Slasher-Genre und sorgt lieber dafür, dass „The Hitcher“ keine Kaffe-Fahrt auf der Route 66 wird. Hier wird gemeuchelt und gemordet, hier wird geballert und aufs Gas getreten. Der Film macht „Laune“ und ist spannend. Für jeden Sean Bean-Fan und diejenigen, die es noch werden wollen, ist dieser Film Pflicht. Für mich als Remake-Nörgler ist „The Hitcher“ die Bestätigung, dass auch Remakes richtig gut sein können. (Obwohl… warten wir ab, bis mir mal das Original zwischen die Pfoten kommt 😉 )

Wertung: 9 von 10 Punkten (wir brauchen kein Motiv, Sean Bean ist ausreichend – herrlich fies und gnadenlos bietet er uns einen grandiosen Hitcher)

11 Kommentare leave one →
  1. 6. April 2011 06:36

    Cool cool, schön, dass du das ähnlich siehst wie ich. Der Film kommt ja allgemein hin eher schlecht weg. Aber mir hat der auch ganz gut gefallen. Insbesondere da er für einen Hollywoodfilm dann doch recht unzimperlich ist.

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2011 08:12

      Ja, dieses „Unzimperliche“ fand ich auch echt super… und das bei einer Michael-Bay-Produktion 😉

      • christiansfoyer permalink
        6. April 2011 08:17

        Na ja, Platinum Dunes, Bays Horror-Remake-Verwurstungs-Produktionsfirma, ist ja generell nicht für’s zimperliche zuständig. Da kriegt zwar alles den typischen Bay-Hochglanzlack, aber die beiden „Texas Chainsaw Massacres“ waren ja auch nicht gerade Kino für’n Kindergeburtstag 😉

  2. christiansfoyer permalink
    6. April 2011 07:15

    Mörder/Irre ohne Motiv sind immer interessanter und furchteinflößender, deswegen funktioniert John Carpenters „Halloween“ besser als Rob Zombies „Halloween“, deswegen ist der Joker in „The Dark Knight“ so ’ne geniale Figur. Das „Hitcher“-Remake ist tatsächlich besser als sein Ruf und das, volle Zustimmung, tatsächlich vor allem wegen Sean Bean. Der wird ja ohnehin chronisch unterschätzt…
    AAAABER: das Original ist besser 😉

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2011 08:14

      Klar, wenn der Film uns kein Motiv vorgibt, fangen wir selber an zu grübeln und das macht das Ganze wesentlich interessanter. Und „The Hitcher“ hat Sean Bean echt alles zu verdanken. Der Typ ist hier mal so richtig herrlich böse.

      Das Kommentar zum Original bleibt unkommentiert 😉 (weil’s ja eh fast immer so ist)

  3. luzifel permalink
    6. April 2011 07:52

    Hört Hört! Da kann ich zustimmen.. Ich kann mich dran erinnern, dass der Film mich vor geraumer Zeit einmal sehr gefesselt hat und ich werde ihn mir demnächst auch mal wieder angucken ^^

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2011 08:16

      Mach das! Der Film hat was – einen fiesen Sean Bean und eine sehr nett anzuschauende Sophia Bush 😉

  4. 6. April 2011 08:39

    Das Original solltest du dir wirklich einmal anschauen. Ist absolut sehenswert und Rutger Hauer ist grandios in dem Film. Das Remake kenne ich nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass es atmosphärisch auch nur annähernd an den 1986er „Hitcher“ rankommt.

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2011 09:19

      Das glaube ich dir gerne und es ist auch schon vermerkt!!! Aber auch wenn ich das Original NOCH nicht gesehen habe, kann ich dir auch das Remake wärmstens empfehlen. Es ist wirklich gut geworden.

  5. 6. April 2011 09:14

    Damals hatte mich die Bezeichnung „Remake“ abgeschreckt, aber nun werde ich ihn mir wohl doch mal ansehen. Was Christian gesagt hat, sehe ich ähnlich. Der Joker und alle ihm ähnlichen Antagonisten sind faszinierend, weil man sie eben nicht versteht. So ist es nun mal immer mit den Bösewichten.

    Vielleicht weit hergeholt aber Darth Vader war auch um Längen böser, bevor man seine Weicheivergangenheit kennengelernt hat.

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2011 09:22

      Die Weicheivergangenheit von Vader ignoriere ich. Es gibt nur die Harrison-Ford-Teile 😉

      Die Bezeichnung „Remake“ schreckt mich eigentlich auch immer ab, bei diesem Film habe ich allerdings erst nach dem Film von dem Original erfahren.

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