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Vollkommen ohne Kontrolle

4. April 2011

David Lynch finde ich großartig, auch wenn ich nicht behaupten kann, die meisten seiner Filme wirklich verstanden zu haben. Aber das macht ihn ja gerade aus: Man guckt Filme wie „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ immer und immer wieder, in der Hoffnung, den Film vielleicht besser verstehen zu können. Lynch gelingt es immer wieder vollkommen kryptische Geschichten mit solch einer Sogkraft und Bildgewalt zu erzählen. Kein anderer Regisseur hat das – meiner Meinung nach – bis jetzt so gut hinbekommen. Lynch.-Filme sind immer sehenswert, und sei es nur, weil man sich so herrlich über sie „aufregen“ könnte (im positiven Sinne). Nun musste ich aber leider feststellen, dass nicht in jedem Film, wo Lynch drauf steht, auch wirklich Lynch drin. Zu verdanken habe ich diese Erkenntnis Frau Jennifer Chambers Lynch. Jennifer Lynch ist der Beweis dafür, dass der Spruch „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ nicht immer der Wahrheit entspricht. Bei Frau Lynch ist der Apfel von Baum-David-Lynch zwar heruntergefallen, wurde aber – durch was auch immer – aufgehoben und weit vom Baum weggetragen.

Man soll ja eigentlich versuchen, Familienbanden in Hollywood nicht so genau zu vergleichen. Nimmt man beispielsweise Familie Coppola, so wird deutlich, dass Sofia viel von Papa gelernt, aber ihren eigenen Stil gefunden hat. Bei Jennifer kann man sagen, dass sie verzweifelt versucht, es ihrem Papa gleich zu tun.

2008 kam der Film „Unter Kontrolle“ in die Kinos: Zwei FBI-Agenten werden in ein abgelegenes Kaff gerufen, wo sie ein kleines Mädchen, eine junge Frau und einen Polizisten verhören, die alle Zeugen eines Mordes wurden.

Ich möchte mal gleich eins klar stellen: Wenn sich bei einem so genannten Thriller nach 40 Minuten immer noch nichts getan hat, außer dass die beiden Agenten die Zeugen in drei verschiedene Räume packen, dann kann das kein spannender Film sein. Im Intro zeigt Lynch zwar noch in ziemlich krassen Bildern, wie zwei Mörder ein junges Paar niedermetzeln, danach werden wir aber in die Einöde geschickt. In langen Rückblenden erzählen die drei Zeugen vom Tathergang. Dabei lernen wir, dass die Polizisten aus Spaß an der Freude Reifen zerschießen und Leute belästigen; dass die junge Frau voller Drogen gepumpt ist und dass das kleine Mädchen schon früh das Auto der Mörder gesehen hat, nur keiner ihr zu hören wollte. Und hier muss man noch etwas klarstellen, etwas, dass mir persönlich sehr, sehr wichtig ist: „UNTER KONTROLLE“ HAT WIRKLICH REIN GAR NICHTS, ABER AUCH WIRKLICH GAR NICHTS MIT AKIRA KUROSAWAS MEISTERWERK „ RASHOMON“ ZU TUN. In zahlreichen Rezensionen bemühen sich die Autoren um einen Vergleich der beiden Filme – scheinbar haben die „Rashomon“ noch nie in ihrem Leben gesehen. Die Ausgangslage verleitet zwar zu einem solchen Vergleich, der aber vollkommen irre führend ist. Kurosawa lässt vier Zeugen ein und die selbe Tat beschreiben. Dabei ist jede Geschichte etwas anders, weil jeder Zeuge versucht, sich selbst ein reines Gewissen einzureden. In „Unter Kontrolle“ gibt es keine verschiedenen Geschichten: durch das Reifenzerschießen der Polizisten kommen alle Zeugen direkt zusammen und in den Rückblenden wird dann auch eine einheitliche Geschichte erzählt. Mit „Rashomon“ hat das nun wirklich rein gar nichts zu tun.

Nachdem wir dieses Missverständnis auf dem Weg geräumt haben ( 😉 ) kommen wir zum Film, der es eigentlich gar nicht wert ist, überhaupt seine Zeit damit zu verschwenden. Wie schon gesagt, es passiert lange, lange, lange Zeit rein gar nichts. Wir befinden uns auf einer Straße mitten im Nirgendwo mit zwei Vollpfosten als Polizisten, die gerne ihre Macht missbrauchen. Die Figuren wirken dabei aber äußerst albern, was auch stark daran liegt, dass die Schauspieler einfach nicht wirklich überzeugend wirken. Selbst Bill Pullman und Julia Ormond als FBI-Agenten sind so schlecht wie nie zuvor.

In manchen Bildern erkennt man den Versuch einer David-Lynch-Imitation, aber es bleibt bei einer billigen Imitation. Jennifer Lynch braucht Ewigkeiten um ihrer ohnehin sehr abstrusen Geschichte ein wenig Schwung zu verleihen. In seiner Auflösung wird „Unter Kontrolle“ zwar etwas interessanter und offenbart, dass Jennifer ein wenig vom morbiden Geist ihres Vaters hat, im Großen und Ganzen wird der Film dadurch aber auch nicht besser. Vielleicht wenn Papa selbst Regie geführt hätte, aber so nicht. „Unter Kontrolle“ ist langweilig, ohne jeglichen Spannungsaufbau, die ohnehin genommen wird, weil der Film am Ende vorhersehbar wird.

Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich nach 10 Minuten die DVD aus dem Fenster geschmissen, aber ich gehöre nun mal zu den Menschen, die die Hoffnung nie aufgeben: „Es könnte ja doch noch besser werden!“ Bei „Unter Kontrolle“ ist das aber nicht der Fall.

Wertung: 2 von 10 Punkten (Lynch ist halt doch nicht immer Lynch – und Jennifer versucht verzweifelt von ihrem Papa zu kopieren, leider ohne jeden Erfolg)

4 Kommentare leave one →
  1. 4. April 2011 07:10

    Wirklich? Also mir gefiel der ganz gut. Es herrscht eine sehr angenehm unangenehme Atmosphäre und die angenehm unangenehme Art der Gewalt gefällt mir auch gut. Hat in seiner Ruhe oft ein klein wenig etwas von History of Violence.

    Aber es ist ehrlich gesagt auch nicht gerade einfach in solch eines Vaters Fussstapfen zu treten. Ich denke der Film wäre wesentlich besser davon gekommen, würde man nicht automatisch Vergleiche zum Papi ziehen.

    • donpozuelo permalink*
      4. April 2011 09:28

      Ja, diese Vergleiche sind immer scheiße, ich weiß. Aber Jennifer Lynch spielt darauf auch ein bisschen ab, denn in vielen Szenen erkennt man die Intentionen des Papas wieder. Nur leider nicht so gut umgesetzt.

      Für mich fehlte dem Film dann doch ein wenig der Pep. Weniger lange Einstellungen hätten es auch getan… Klar, die Gewalt war schon krass, aber so richtig Atmosphäre habe ich jetzt nicht dabei empfunden. Etwas mehr hätte ich mir da schon gewünscht… Vielleicht, wenn man sich tatsächlich mehr an Kurosawa orientiert hätte.

  2. 5. April 2011 21:17

    Tatsächlich? So schlecht fand ich ihn nicht. Natürlich war er etwas gewollt und nicht ganz gekonnt, aber uninteressant kann ich nicht sagen.
    Ich habe den Film aber auch ziemlich drauf los geguckt, kannte ja nur die Trailer vom FFF, keine Kritiken und Vergleiche 😉

    • donpozuelo permalink*
      6. April 2011 05:26

      Uninteressant fand ich ihn anfangs auch nicht, weil die Idee ja schon ganz nett war. Allerdings wurde nicht wirklich viel aus der Idee gemacht. Stattdessen bleibt es beim verzweifelten Versuch, den werten Herrn Papa zu kopieren anstatt sich selbst zu verwirklichen.

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