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Alles hat seinen Preis!

30. März 2011

Und jeder hat seinen Preis! Die Frage, wie hoch der Preis ist, muss von jedem selbst entschieden werden. Und ich glaube ja auch ein wenig daran, dass jeder, der behauptet, er wäre nicht zu kaufen, lügt. Es muss nur der RICHTIGE Preis genannt werden. Das mag zwar jetzt fies klingen, aber in unserer konsumgesteuerten Welt, in der eh alles nur noch eine Frage des Geldes ist, hat wirklich alles seinen Preis – na gut, vielleicht nicht fast alles. Wahre Liebe sei mal ausgeschlossen 😉 Aber ansonsten…

Dass dieser Preis nun genau einen Wert von 39, 90 hat, ist wohl eher unwahrscheinlich. Doch damals, als wir noch die D-Mark hatten, kostete ein ziemlich interessant klingendes Buch genau 39, 90 D-Mark. In diesem Buch, das leicht autobiografische Züge aufwies, beschrieb Frédéric Beigbeder das Leben des jungen Ocatve. Octave arbeitet in der Werbebranche, ist ein absoluter Playboy, hat Geld ohne Ende und hangelt sich von einer Party zur nächsten, von Frau zu Frau, von Droge zu Droge. Bis er eines Tages bei der richtigen Frau hängen bleibt und sie dann doch verliert. Plötzlich erkennt Octave seine eigenen Fehler und vor allem die scheinheilige Welt, in der er sich befindet. Und so versucht Octave auszubrechen – inklusive Selbstfindungstrip und Werbe-Gegenschlag.

Werbung kann man sehen, wie man will. Als Außenstehender – also Werbe-Ziel – ist sie mal nervig, mal richtig gut. Aber egal, wie wir zur Werbung stehen, retten können wir uns vor ihr nicht: Egal, wohin man schaut – Internet, Zeitschriften, Fernsehen, Kino, Plakate und und und – überall ist Werbung. Und genau das ist Octaves Metier. Er (und mit ihm die ganze Werbebranche) versucht uns zu vermitteln, was wir haben wollen, was wir cool finden, was wir dringend, dringend kaufen müssen.

Das Buch von Beigbeder rechnet mit dieser Welt ab, und für alle, die wir zu faul zum Lesen sind, gibt es einen Film von Jan Kounen, der ebenfalls „39, 90“ heißt und wirklich sehr, sehr zu empfehlen ist. Kounen gelingt eine bitterböse Satire über die Menschen hinter der Werbung, die auf der einen Seite tierisch Lust darauf macht, selbst in der Werbung zu arbeiten. Allein wenn Octave (Jean Dujardin) anfängt, von seinem Leben und vor allem seinem teuren Lebensstil zu sprechen, läuft einem schon das Wasser im Mund zusammen. Auf der anderen Seite muss man jedes einzelne Detail in Octaves Leben mehr als nur kritisch sehen: er arbeitet zwar kreativ, muss sich aber am Ende doch den Wünschen seiner Geldgeber beugen. Die Vorschläge, die er dann mit Hilfe seines Freundes Charlie (Jocelyn Quivrin) macht, entstehen innerhalb von zwei Minuten und klingen trotzdem absolut plausibel.

Das hat mich vielleicht am meisten erschreckt: In nur kurzer Zeit wird dieser 30-Sekunden-Spot erdacht, anschließend wird sieben Stunden lang über jede einzelne Einstellung beraten, dann wird mehrere Tage gedreht. Alles nur, damit am Ende ein Jogurt gut verkauft werden kann.

„39, 90“ macht tierisch Spaß, weil der Film sich dem schnellen Leben des Octave perfekt anpasst. In verschiedenen Kapiteln erzählt Octave immer in einer anderen Person (Ich, Du, Er, Wir, Ihr, Sie) alle Geheimnisse seiner Person und seines Berufes. Wir tauchen ein in eine uns eigentlich unbekannte Welt und ihr Verhältnis zu unserer Welt. Für die Werbebranche sind wir nur Nummern, Statistiken und Diagramme, die durch errechnete Vorstellungen überzeugt werden müssen. Echt gruselig. Selbst für Ocatve wird das irgendwann doch zu gruselig, zumal er sich komplett in dieser Welt verliert. Dieses „Verlieren“ und all seine schlimmen Konsequenzen (es sterben dabei Menschen) verschleiert Regisseur Kounen gekonnt und unheimlich schräg hinter Zeichentrick-Szenen, schockiert uns mit schnellen Zusammenschnitten, die beispielsweise hinter die „Produktion“ von Hamburgern blicken und offenbart uns somit den Horror, den die Werbung eigentlich vertuschen will.

Vertuschen will „39, 90“ selbst auch, in dem man uns ein alternatives Ende anbietet, dass dann aber doch keins ist, und uns eigentlich nur wieder zeigt, dass auch Octave ein Opfer seines Berufs geworden ist.

„39, 90“ bietet einen herrlich ironischen Blick auf die Werbe-Branche – mit all ihren schillernden und weniger schillernden Persönlichkeiten. Im Rausch von Drogen, Alkohol und Parties wird der schönen Welt der Werbung aber nach und nach die Schminke aus dem Gesicht gerieben und wir erhaschen einen Blick auf das wahre Gesicht… und gehen nach diesem Film möglicherweise vollkommen anders mit der uns ständig umgebenden Werbung um.

Wertung: 9 von 10 Punkten (geiles Werbe-Spektakel mit abgefahrenen Bildern, Animationen und einer Augen öffnenden Moral)

10 Kommentare leave one →
  1. 30. März 2011 08:45

    Da ich selbst in der Branche (größtenteils zwar B2B, aber immerhin) tätig bin, hat mich der Film auch schon immer interessiert – zumal die Realität (zumindest in kleinen Agenturen) dann doch wieder ganz anders aussieht…

    • donpozuelo permalink*
      30. März 2011 12:17

      Oh, na dann solltest du den Film mal sehen 😉

      Aber du hast schon Recht: Es geht hier ja um eine riesige Agentur… mit der „kleinen“ Realität ist das wohl nicht zu vergleichen. Obwohl man bestimmt hier und da auch Parallelen ziehen kann.

  2. 30. März 2011 15:12

    Klingt lustig und interesssant —> Merkliste!

    • donpozuelo permalink*
      30. März 2011 16:03

      Auf jeden Fall… vor allem, weil es zwischendurch echt skurrile Ausmaße annimmt. Teilweise hat es mich auch sehr an „Fear and Loathing in Las Vegas“ erinnert – vor allem diese Zeichentrick-Sequenzen sind echt der Hammer!!!

  3. Dona Pozole permalink
    3. April 2011 14:21

    Hej! Von dem hab ich auch anderweitig Gutes gehört, kommt bei mir auch auf die „Merkliste“.
    – Aber, bei deinem Titel hatte ich ein klitze-kleines bisschen auf ´ne „Krabat“-Rezension gehofft… ist der schon bei dir auf der „Merkliste“?!?! 😉 Dicken Gruß!!!

    • donpozuelo permalink*
      3. April 2011 16:07

      Ja, der gehört auf die Merkliste.

      Was das Thema „Krabat“ angeht, weißt du ja, wie ich deutschen Filmen gegenüber stehe. 😉

      • 3. April 2011 18:09

        Bei „Krabat“ ist zumindest die Vorlage grandios und die Verfilmung fand ich auch relativ gelungen. Man hätte mehr draus machen können, doch man kann sich den Film auch als Fan der Vorlage ziemlich gut anschauen.

        • donpozuelo permalink*
          3. April 2011 21:09

          Ich kenne weder die Vorlage noch das Buch. Nur wie gesagt, ich habe eine leichte Abneigung gegen den deutschen Film, weswegen ich mir den Film wohl auch nicht anschauen würde. Egal, wie gut oder schlecht der Film ist…

      • 4. April 2011 08:51

        Da bringst du dich aber um ein paar (wenige, aber immerhin) tolle Filme: „Absolute Giganten“, „Bang Boom Bang“ usw. sind (um nur einmal Beispiele aus jüngerer Zeit zu nennen) einfach grandios!

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