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Es ist alles Ansichtssache!

23. März 2011

Machen wir doch heute mal ein Experiment! Wir stellen uns vor, ich wäre ein Mitglied der Oscar-Academy, irgendwo zwischen 50 und 60 Jahre alt, vielleicht schon mit Glatze, genügend Geld auf dem Konto und keinerlei größeren Sorgen. Nun setzen wir mich vor die Wahl – „The King’s Speech“ oder „The Social Network“:

Für beide Filme spricht schon einmal das „The“ vorm Titel, das klingt wichtig und sollte beachtet werden. Des Weiteren spricht für beide Filme die Tatsache, dass sie auf einer wahren Begebenheit beruhen. Das finde ich gut, weil ich mich damit besser arrangieren kann, als mit irgendwelchen ausgedachten, utopischen Geschichten wie diesem Traum-im-Traum-Thriller von diesem Nolan-Typen.

Im direkten Vergleich jedoch kann ich mit „The Social Network“ rein gar nichts anfangen. „The King’s Speech“ – da geht es wenigstens um etwas Essentielles, etwas von herausragender Bedeutung. Nichts ist wichtiger als ein König, der eine Kriegsrede hält, um sein Volk zu motivieren. Wenn interessiert da schon so ein Computer-Geek, der erst Mädchen als Abstimmungsobjekte abstempelt und anschließend so was Albernes und Zeitraubendes wie facebook erfindet. In „The King’s Speech“ weiß ich wenigstens, was das Ziel der Handlung ist – hier wird gradlinig und ohne viele Ausschmückungen eine Geschichte erzählt, der ich ohne Probleme folgen kann. Das ist ja in „The Social Network“ ganz anders: so viele verwirrende Rückblenden, in denen die Anfänge des jungen Zuckerberg erzählt werden. Zwar versucht Herr Fincher das alles gekonnt in den Anwaltsgesprächen zu verdecken, aber im Endeffekt zeichnet er doch nur ein Bild der Studentenwelt von Amerika nach, in der es seinem Film zufolge doch nur um eins geht: Parties und Frauen. Das kann ich so überhaupt nicht nachvollziehen.

Dazu hat ein Jesse Eisenberg gegenüber einem Colin Firth ja überhaupt keine Chance. Der ist schließlich Engländer und Eisenberg nur so ein Typ, der in Horrorkomödien mitgespielt hat. Und dann auch noch dieser Pop-Sänger Timberlake… das kann man doch nicht Ernst meinen. Ich sage immer, man kann immer nur eins haben.

Nein, nein, „The Social Network“ ist kein wirklicher Oscar-Favorit. Der Oscar bedeutet doch noch was. Da sind diese im „Gilmore Girls“-Stakkato vorgetragenen Dialoge nun wirklich ziemlich schwer zu verstehen. Außerdem geht es da um Sachen, die sich so sehr mit dem Fachlichen des Internets beschäftigen, dass wohl nur ein Experte den Gesprächen der Protagonisten folgen kann.

Herr Fincher mag zwar ein begnadeter Regisseur in seinem Gebiet sein, aber eine Entscheidung FÜR „The Social Network“ halte ich dann doch eher für ausgeschlossen.

So, und nun drehen wir den Spieß um und stellen uns folgendes vor: Ich bin ein halbwegs normaler Typ, der über Filme bloggt, irgendwo zwischen 27 und 28, noch ohne Glatze, mit nicht genügend Geld auf dem Konto und seinen ganz eigenen Problemchen. Und wir stellen mich wieder vor die Wahl zwischen den beiden oben genannten Filmen.

Wie der ein oder andere ja schon weiß, halte ich „The King’s Speech“ für vollkommen überbewertet. Mit „The Social Network“ wollte ich mich anfangs nicht beschäftigen – aus welchen Gründen auch immer. Nach zahlreichen guten Reviews habe ich mich dann doch herangewagt und bin restlos begeistert.

Finchers Film gehört für mich zu dem „Frost/ Nixon“-Phänomen: Ein spannender Film über eine eigentlich banale Sache – ein Typ baut eine Internet-Seite auf. Aber wie schon bei „Frost/ Nixon“ funktioniert der Film auf zwei Ebenen: 1) Die Schauspieler sind einfach grandios. Man kann jeden x-beliebigen Schauspieler aus diesem Film nehmen, ihn sich genauer anschauen und man wird sagen: „Toller Job!“ Allein Jesse Eisenberg, der mit Badelatschen und Shorts durch den halben Film läuft, verkörpert den Traum von jedem Nerd: Eben mal schnell was machen und damit stinkreich werden. Und auch wenn ich kein großer Timberlake-Fan bin: Als Napster-Erfinder und Zuckerberg-Ratgeber („Verzichte auf das ‚The‘ bei ‚The facebook‘, das klingt viel cooler!!!“) geht der Mann doch richtig auf. Und 2) Die Dialoge sind großartig. Ich hätte das ja echt nicht gedacht, aber dafür, dass „The Social Network“ ein sehr dialoglastiger Film ist, fällt einem das irgendwie gar nicht so richtig auf. Die Dialoge sind intelligent und schnell. Und sie sind an den richtigen Stellen witzig.

Das alles zusammen mit Finchers kunstvollem Händchen für Kamera und Schnitt machen aus „The Social Network“ einen echt sehenswerten Film über die Anfänge von etwas, dass ja mittlerweile wirklich fast jeder verwendet.

Fassen wir also die Ergebnisse unseres Experiments zusammen: Die Academy besteht doch nur aus alten Menschen, die viel lieber etwas sehen wollen, mit dem sie selbst noch etwas assoziieren und dem sie vor allem folgen können. Da liegt es ja auf der Hand, dass so ein langweiliges Geschichtsdrama bessere Chancen hat als ein Film, der sich viel eher an die 14+ Menschen dieser Welt richtet. Aber dadurch begeht die Academy – wie schon so oft – einen folgenschweren Fehler. Da hätte eindeutig mehr drin sein müssen.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (irgendwie kitzelt der Film auch ein wenig Neid wach, was den guten Mark Zuckerberg angeht – immerhin ist er nicht nur der jüngste Milliardär, sondern hat auch schon mit so jungen Jahren ein eigenes und vor allem spannendes Bio-Pic. Das ist doch echt nicht fair!!!)

25 Kommentare leave one →
  1. 23. März 2011 07:48

    Ich wollte ihn mir vorgestern ansehen, war dann aber zu unkonzentriert und hab Call of Duty gespielt. 🙂
    Wird aber bestimmt nachgeholt.

    • donpozuelo permalink*
      23. März 2011 09:28

      Also wirklich…

      Unbedingt nachholen!!!

  2. 23. März 2011 11:36

    Me too…bitte icht schlagen

    • donpozuelo permalink*
      23. März 2011 17:25

      Ich hüte mich!!! 😉 Ansonsten schneide ich mir ja eine bedeutende Informationsquelle ab!!! 😛

  3. 23. März 2011 16:30

    Fand den Film sehr gut, aber bin nicht geflasht oder so. Fincher hat mit Se7en und Fight Club schon besseres und interessanteres abgeliefert. Trotzdem schön, wie du uns die Gedanken der Academy nahe bringst.

    • donpozuelo permalink*
      23. März 2011 17:27

      😀 Danke, danke!!!

      Klar, Se7en und fight Club sind nicht zu toppen. Aber „The Social Network“ ist mit den Filmen auch nicht zu vergleichen. Nach so Total-Ausfällen (wie ich finde) wie „Zodiac“ und „Benjamin button“ ist das wieder einmal ein vernünftiger Fincher.

  4. 23. März 2011 19:40

    Hat mich zum Lachen gebracht. 😉 Absolute Zustimmung natürlich.

    • donpozuelo permalink*
      23. März 2011 22:34

      Ha! Geschafft! Freut mich! 😀

      Und danke für die Zustimmung…

  5. 23. März 2011 22:34

    Der Film wird in einigen Jahren die Anerkennung bekommen die er verdient hat und dann werden sich alle schämen, dass er den Oscar für Film und Regie nicht bekommen hat.

    Wobei SN in meinen Augen aber mehr ein Aaron Sorkin-Film ist, als ein David Fincher-Film. Sorkin hat den größten Verdienst am Film.

    • donpozuelo permalink*
      24. März 2011 08:09

      Da kannst du wohl echt Recht haben. Es ist nur schade, dass solche Filme sich erst im Nachhinein einen richtigen Status aufbauen können.

      Und ja, auch mit Sorkin geb ich dir Recht. Aber das ist ja immer so, den Drehbuchautor vergisst man immer irgendwie, sobald ein großer Name die Regie führt.

  6. 24. März 2011 10:17

    1. Sichtung: War ziemlich gut. 2. Sichtung: Wow, fantastischer Film. 3. Sichtung: Omfg ist der Film geil!! –> So verlief das bei mir 😉
    Deine Ansicht mag schon richtig sein – war auch abzusehen, auch wenn ich trotzdem auf ‚Social Network‘ getippt hab bei den Oscars..
    Und ‚Zodiac‘ ist ein fantastischer Film! Hab ihn zwar nur einmal gesehen, aber er hat mich sehr überzeugt. ‚Benjamin Button‘ war bisher Fichers einziger Totalausfall glaube ich. Aber ‚Fight Club‘ und ‚Seven‘ müsst ich mir auch nochmal ansehen, find die beiden auch leicht überbewertet, weiß aber auch nicht unbedingt warum ich das so empfinde…

    • donpozuelo permalink*
      24. März 2011 10:45

      Bei mir gab es erst eine Sichtung, aber es werden sicherlich noch einige folgen! 😉

      Zu „Zodiac“ kann ich echt nicht viel sagen, ich habe ihn mal angefangen, aber nach ner Stunde wieder aus gemacht. Vielleicht werde ich mich da nochmal dran setzen. Zu „Benjamin Button“ braucht man echt nichts sagen, und was „Se7en“ und „Fight Club“ angeht, kann ich nicht behaupten, dass ich die überbewertet finde. Ich finde beide Filme großartig…

    • 24. März 2011 14:48

      Ich fand „Zodiac“ tatsächlich sehr fad. Serienkillergeschichten gibt es genügend, und der Film erzählt nicht wirklich irgendetwas Neues. Darsteller gut, Regie gut, aber ich habe mich hab zu Tode gelangweilt. Da fand ich sogar „Benjamin Button“ überzeugender, der als Film zwar ein Totalausfall war, dafür aber wenigstens überzeugende Einzelszenen und fabelhafte Nebendarsteller hatte.

      • donpozuelo permalink*
        24. März 2011 15:37

        Ah, ich bin doch nicht allein! 😉 Wie gesagt, „Zodiac“ habe ich irgendwann ausgemacht. Da haben auch die guten Schauspieler nicht geholfen…

      • 24. März 2011 19:59

        Mich hat ‚Zodiac‘ einfach fasziniert, in seiner detailverliebtheit, in seinem Sapnnungsaufbau (ja, ich fand ihn stellenweise wirklich spannend ;)) und seiner Atmosphäre insgesamt. Ein paar von meinen Freunden sind bei dem Film eingeschlafen…also ich kanns nicht verstehen. Die Laufzeit ist zwar lang, aber mich hat es nicht so gestört, obwohl gerade ich kein großer Fan von überlangen Filmen bin.

        • donpozuelo permalink*
          25. März 2011 06:37

          Ich glaube, ich werde mich noch einmal an „Zodiac“ herantrauen. Ist mittlerweile auch schon ein wenig her, dass ich den mal angefangen habe…

  7. 27. März 2011 00:02

    Sag ich doch der Fincher ist klasse.
    Kings Speech habe ich natürlich noch immer nicht gesehen und so richtig Lust habe ich auch gar nicht mehr 😉 WIrd mal wieder so eine Nachmittagspflichtsichtung ^.^

    • donpozuelo permalink*
      28. März 2011 06:04

      Jap, hast Recht. Fincher ist klasse. Kings Speech aber nicht 😛

  8. 30. März 2011 11:05

    Joa, „Social Network“ steht noch auf der Liste, kann mir aber glaub ich verziehen werden, da ich in Sachen Facebook sowieso etwas versetzt dem Trend hinterherlaufe. 😉

    „King’s Speech“ hat mir irgendwie sehr gefallen, allerdings konnte ich ihn nur auf Deutsch sehen. Auf Englisch wird nachgeholt, aber egal wie gut ich den fand, Oscarwürdig würde ich ihn jetzt nicht nennen. Mein Filmgeschmack und der der Academy divergiert ja schon seit meiner Geburt gen Unendlichkeit, deshalb schaue ich mir diese Verleihung ja erst gar nicht an.

    • donpozuelo permalink*
      30. März 2011 12:06

      😀 Facebook bin ich auch etwas hinterher gelaufen, genauso wie mit dem Film. Aber dafür ist der tatsächlich sehr sehenswert!

      Tja, und zu „King’s Speech“ ist ja auch schon alles gesagt worden 😉

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