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Muttersöhnchen

18. März 2011

Ja, ich gestehe, ich war früher ein richtiges Muttersöhnchen. Es ist mir an manchen Tagen echt peinlich, wenn meine Mutter mir erzählt, wie sehr ich im Alter von drei Jahren an ihrem Rockzipfel hing – und das ist eigentlich schon wortwörtlich zu verstehen 😉 Sie konnte nirgends hingehen, ohne das ich nicht mitkam. Und selbst der Gang aufs Klo bedeutete, dass ich vor der Tür hockte und auf sie wartete. Zum Glück (für sie) hat sich das schnell gelegt. Aber hey, ich glaube solche Geschichten kann jede Mutter erzählen.

Im Fall von Hye-ja (Kim Hye-ja) ist das Ganze noch etwas schlimmer: Ihr Sohn Do-jun hat nämlich nie aufgehört, ein Muttersöhnchen zu sein. Auf der einen Seite scheint das für die alleinerziehende Mutter ein Segen, denn sie liebt den leichten debilen Do-jun abgöttisch, auf der anderen Seite bereitet ihr das auch viel Sorgen. Richtig dramatisch wird es, als ein Mädchen aus Do-juns Schule tot aufgefunden wird. Beweise belasten Do-jun dann auch noch schwer und der Junge wird verhaftet. Felsenfest von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt, macht sich Hye-ja auf und ermittelt selbst. Dabei stößt sie auf viel Schmutz in der Vergangenheit des toten Mädchens.

Hat er es nun getan oder nicht, diese Frage geistert die ganze Zeit durch „Mother“ – den neusten Film Bong Joon-ho nach seinem Erfolg mit „The Host“. Statt fiesem Monsterfilm jetzt ein Familien-Thriller mit Agatha-Christie-Anleihen. Die detektivischen Fähigkeiten der Mutter entwickeln sich aus der puren Verzweiflung heraus, ihren Sohn verlieren zu können. Denn Bong Joon-ho zeigt in „Mother“ eine Mutter-Sohn-Beziehung, die zwar auf den ersten Blick etwas verstörend wirken mag (sie schlafen beide in einem Bett), aber für beide von größter Bedeutung ist. Sowohl Sohn als auch Mutter sind auf einander komplett angewiesen. Für den Moment aber braucht der Sohn seine Mutter mehr. Und die ist gewillt, alles für ihren Sohn zu tun – Mord inklusive.

Wer mit „The Host“ einen der erfolgreichsten Filme seines Landes veröffentlichte, hat natürlich enormen Druck, wenn es um sein nächstes Projekt geht. Bong Joon-ho macht es mit „Mother“ eigentlich ziemlich clever und geht mit seinem Film in eine ganz andere Richtung als sein Vorgänger. „The Host“ war Gesellschaftskritik verpackt im Monstergewand, während „Mother“ vor allem Polizei und Schule kritisiert – die Polizei, weil sie sich den scheinbar erstbesten schnappen, ohne die vorliegenden Beweise gründlich zu untersuchen und die Schule, weil sie es zulassen, dass ein junges Mädchen sich der Prostitution hingibt. Und als Moralapostel dieser Gesellschaft muss eine alte Frau hinhalten, die in diesem Morast, den sie da erforscht, selber unterzugehen droht.

Genau betrachtet handelt auch „Mother“ – wie schon sein Vorgänger „The Host“ – von einem Monster: es ist das Bild der verzweifelten Mutter, die selbst ein Auto anheben würde, um ihren Sohn zu retten. Kim Hye-ja spielt diese Mutter mit einer bemerkenswerten Hingabe: Sie hat sowohl den liebevollen Blick als auch den gefährlichen, jener, den sie aufsetzt, wenn sie sich und ihre kleine Familie in Gefahr spürt. Kim spielt eine Frau, bei der man nie ganz weiß, ob sie jetzt total verrückt ist oder nicht. Besonders in Frage stellen muss man diese Frau nach einer der skurrilsten Eröffnungsszenen überhaupt: Man sieht Kim durch ein Feld wandern, irgendwann steht sie vor der Kamera und beginnt zu einer inneren Melodie zu tanzen – ein Tanz, der auf diesem riesigen Feld vor allem Trauer und Einsamkeit widerzuspiegeln scheint. Also ist sie doch nicht verrückt, sondern nur verzweifelt? Egal, was sie ist, sie spielt es großartig.

„Mother“ kann von Glück reden, so eine begabte Schauspielerin als Protagonistin zu haben, da verzeiht man es Bong Joon-ho, dass der Film teilweise recht lang geworden ist. Trotzdem entwickelt sich eine spannende Geschichte. Es ist ein gelunger Mix aus Psycho-Drama und Detektiv-Spiel, bei dem sich ein kleines Örtchen selbst demontiert. Und vielleicht liegt es an ihren Entdeckungen, dass die Mutter am Ende wieder ihren traurigen, einsamen Tanz tanzt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Mutterliebe bis zum Äußersten mit einigen, zu entschuldigenden Längen)

6 Kommentare leave one →
  1. 18. März 2011 07:15

    Koreanische Filme FTW.

    Klingt interessant, werde ich mir bei Gelgenheit ansehen. Leider finde ich für solche Filme selten einen Anseh-Partner…schon mit den Empfehlungen zu The Host stiess ich in meinem Freundeskreis auf Unverständnis. 🙂

    Ansonsten: Hollywood-Remake in 3…2…1….

    🙂

    • donpozuelo permalink*
      18. März 2011 14:57

      Ist auch interessant. Leider kenne ich auch das Problem mit der Anschafftung von Anseh-Partnern, weswegen ich mir die Sachen dann unter der Woche anschaue…

      Mit dem Hollywood-Remake könntest du wahrscheinlich echt Recht haben. Denen ist ja eh nichts mehr heilig.

  2. 18. März 2011 10:00

    Sehr gute Rezension! Kann ich völlig unterschreiben 😉
    Und den Tanz am Anfang mochte ich sehr, weil er wirklich skurril gewesen ist und durch den Titelschriftzug und der Pose von ihr einen großartigen Effekt auf mich hatte. Ansonsten wirklich einen Tick zu lang geraten, aber immer noch sehr unterhaltsam gewesen.

    • donpozuelo permalink*
      18. März 2011 14:58

      Der Tanz war echt skurril – schafft aber am Anfang und Ende einen schönen Rahmen. Gehört definiti aber zu den merkwürdigsten Film-Intros überhaupt… und macht gleichzeitig neugierig auf das, was da wohl noch kommen mag bzw. warum die Mama da wohl so merkwürdig ist, dass sie auf dem Feld zu nicht hörbarer Musik tanzen muss 😉

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