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Pin-Up-Girls und Steine

28. Februar 2011

Stephen King war für mich der Einstieg in die Literatur der Erwachsenen. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich damals – zwischen 13 und 14 – mit leicht mulmigem Gefühl in der Buchhandlung stand und der Kassierin das Stephen-King-Monstrum „ES“ gab. Irgendwie hatte ich erwartet, sie würde mich darauf ansprechen, aber es passierte nichts. Ich bezahlte, ging nach Hause und fing an zu lesen. 1200 Seiten und drei Tage später war ich fertig – und wie gefesselt von King. Damals habe ich so ziemlich alles von dem guten Mann gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte – aber erst relativ spät stieß ich auf „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“. In dem Band sind vier Novellen von King, die beweisen, dass der Meister des Horros auch ohne Horror ganz gut unterhalten kann. Und gleich die erste Novelle aus diesem Band wurde von Frank Darabont, der ja bekennender King-Verfilmer ist, verfilmt: Basierend auf „Rita Hayworth and Shawshank Redemption“ entstand der Film „Die Verurteilten“.

Der Banker Andy Dufresne (Tim Robbins) soll seine Frau und ihren Liebhaber umgebracht haben und wird deswegen zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine neue Heimat heißt ab da Shawshank, ein gefürchteter Knast. Hier muss er sich gegen Gewalt und Vergewaltigung wehren, zumal Andy mit seiner ruhigen Art so gar nicht richtig in den Knastalltag passt. Im Laufe der Zeit lernt er einige Mithäftlinge besser kennen, unter ihnen auch Red (Morgan Freeman), der einfach alles besorgen kann, was das Häftlingsherz begehrt. Andy interessiert sich vor allem für Pin Up-Girls, die bald im Posterformat seine Zelle verschönern und Steine. Im Laufe der Zeit etabliert er sich im Gefängnis dank seiner Bank-Erfahrung und ist bald für die Finanzen des Direktors zuständig.

„Die Verurteilten“ ist für mich eine der besten Stephen-King-Verfilmungen überhaupt, was wohl auch daran liegen mag, dass es eben keine typische King-Geschichte ist. Darabont gelingt es einen klassischen Gefängnisfilm zu drehen, der dazu eine sehr, sehr emotionale Ebene hat. Für den Gefängnisfilm ist ja alles da, was man so braucht: es gibt die gewalttätigen Wärter, die üblen Vergewaltiger, wir haben verzweifelte Häftlinge und die, die sich schon lange damit abgefunden haben – und schließlich und endlich natürlich auch einen äußerst gelungenen Ausbruch. Das Drehbuch – an dem Darabont und King zusammen geschrieben haben – schafft es, trotz der Länge des Films nie Langeweile aufkommen zu lassen. Lang wird der Film, weil er auch Andy fast 20 Jahre lang begleitet. Dadurch ergeben sich die verschiedensten Episoden, die sich mit seinem Leben im Knast beschäftigen. Es gibt die schlimmen Jahre, es gibt die guten Jahre. Durch das kleine Grüppchen an Mithäftlingen, die Andy um sich hat, erzeugt Darabont auch immer wieder Abwechslung, indem er sich hier und da auf andere Aspekte im Knastalltag kümmert – so zum Beispiel die Geschichte im Brooks Hatlen, der nach fünfzigen Jahren entlassen wird und sich nach dem Gefängnis zurücksehnt.

Wir erleben mit „Die Verurteilten“ also sowohl die Eintönigkeit und Routine des Knastlebens, bekommen aber auch wieder dieses träumerische Bild ungewöhnlicher Männerfreundschaften zu sehen. Aber in diesem Fall funktioniert das ausgezeichnet – Tim Robbins spielt diesen schlaksigen,  melancholischen Andy so perfekt, dass man ihm gar nicht zutraut, er würde irgendein Ass im Ärmel haben. Doch noch besser als Robbins gefällt mir Morgan Freeman in dem Film. Keine Ahnung, wieso, aber ich finde,es ist eine seiner besten Rollen. Er verkörpert diesen Gut-Menschen, von dem man schnell vergisst, dass er ja eigentlich ein Mörder ist. Dadurch das wir den ganzen Film auch aus Reds Perspektive erzählt bekommen, schaut man viel mehr in Reds Psyche als in die von Andy. Was wiederum perfekt für die ganze Geschichte funktioniert, weil Andy so immer etwas geheimnisvolles an sich hat.

Darabont inszeniert „Die Verurteilten“ ohne viel Hektik. Als Gefängnisfilm bedient er die klassischen Klischees, aber dank seiner Darsteller – die bis in die kleinste Nebenrolle überzeugen – erschafft er ein anrührendes Drama um Freundschaft. Für mich ist „Die Verurteilten“ immer noch einer der besten Gefängnisfilme überhaupt – und es ist auch ein Film, den man immer mal wieder gerne guckt. Bei einer fast schon epischen Länge von knapp zweieinhalb Stunden eine beachtliche Leistung.

Wertung: 9 von 10 Punkte (King ohne Horror ist erschreckend gut)

15 Kommentare leave one →
  1. 28. Februar 2011 06:47

    Sehr schön…muss ich mir auch wieder einmal ansehen. Danke für’s Erinnern. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      28. Februar 2011 07:32

      Dafür bin ich doch da 😉 um auch mal wieder die alten Filme auszugraben.

  2. 28. Februar 2011 15:43

    Ein wirklicher toller Film, der mich, obwohl er mittlerweile ja immer mal wieder im Nachtprogramm ausgepackt wird, nicht nur wach hält, sondern fesselt.

    • donpozuelo permalink*
      28. Februar 2011 16:24

      Ja, das stimmt. Warum ausgerechnet im Nachtprogramm versteh ich auch nicht. Muss wohl mittelmäßigen Filmen Platz machen. 😉

  3. 28. Februar 2011 23:53

    Ich liebe diesen Film, muss zugegebenermaßen auch jedes Mal wieder heulen ;-D

    • donpozuelo permalink*
      1. März 2011 10:58

      😀 Ja, der Film hat so einige Stellen, an denen man echt mit den Tränen zu Kämpfen hat 😉

  4. 1. März 2011 20:16

    Oh ja, ein toller Film. Ebenso einer den ich immer wieder schauen könnte. Einfach mitreißend und gut gespielt.

    • donpozuelo permalink*
      2. März 2011 06:36

      Wie wahr, wie wahr! Und das finde ich so toll an dem Film – trotz epischer Länge wird der Film doch nie langweilig.

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