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Seine Majestät stottert

25. Februar 2011

Es ist ja immer so eine Qual mit dem angeblich wichtigsten Filmpreis überhaupt. Manche Entscheidungen kann man wohl unterschreiben und bei einigen nur mit dem Kopf schütteln (für die Kopf-Schüttel-Aktionen, die selbst die Academy einsieht, gibt’s ja dann zum Glück noch den Ehrenoscar 😛 ). Zumal wir in Deutschland ja immer noch das Problem haben, dass viele Oscar-Kandidaten erst nach der Verleihung zu uns in die Kinos kommen. Aber immerhin, ein paar durften wir ja schon sehen. Mein großer Favorit war ja bis jetzt – auch wenn ich es da nicht so angedeutet habe – „127 Hours“. Richtig abwägen wollte ich das aber erst, nachdem ich auch den großen Favoriten gesehen habe. Und wenn ich richtig, richtig, ehrlich bin – und das versuche ich immer – dann ist der Oscar-Nominierungssegen für „The King’s Speech“ für mich eher wieder was zum Kopf schütteln.

Das englische Königshaus gehört wohl zu den am meisten für Filme verwendete – über „The Tudors“ bis zu „The Queen“ wissen wir bald schon mehr über unsere Freunde von der Insel als über uns selbst. Und jetzt wird diese Geschichtsstunde durch den stotternden König George VI. (Colin Firth) ergänzt. Der stottert so schlimm, dass er verschiedene Sprachtherapeuten aufsucht. Die Rettung scheint in Lionel Logue (Geoffrey Rush) gefunden sein – trotz „unorthodoxer Methoden“.

Wenn über „The King’s Speech“ geredet wird, dann wird eigentlich nur noch über Colin Firth gesprochen. Der gute Mann hat für seine Darstellung eh schon jeden wichtigen Preis ergattert, dass der Oscar schon sicher zu sein scheint. Aber wenn ich ehrlich bin, wäre ich dann doch eher für den Oscar für James Franco. Der stemmt allein einen ganzen Film, während Firth ja eigentlich nur stottert. Jetzt versteht mich nicht falsch, Firth ist gut, richtig gut wird er aber nur in Verbindung mit Geoffrey Rush. Rush ist als Sprachlehrer mein persönliches Highlight von „The King’s Speech“. Die Szenen, in denen das ungleiche Paar zusammen agiert, glänzen mit komischen Elementen, mehr aber auch nicht. Richtig gefühlvoll wird der Film nicht, ich fühlte mich die ganze Zeit tatsächlich nur wie ein stiller Beobachter, der kaum einmal in die Gefühlswelt der Figuren eindringen durfte. Nur gucken, scheint die Devise zu lauten. Gefühle will der König mit seinem Lehrer nicht besprechen, und somit werden sie auch nicht besprochen. Für seine Figuren tut der Film nicht sonderlich viel, sondern verlässt sich ganz allein darauf, dass Firth und Rush die Charaktere mit Leben füllen.

Neben den etwas blassen Figuren schläft auch die Story extrem ein. Also wenn da der Oscar für „Bester Film“ und „Beste Regie“ wirklich an den Film gehen sollte, dann wäre echt was faul im Staate der Academy. „The King’s Speech“ bietet kaum nennenswerte Höhenpunkte oder dramatische Momente. Der Tod des alten Königs, die Abdankung von Georges Bruder, der Kriegsbeginn – all das wird so beiläufig abgehandelt als wäre es nicht wirklich von größerer Bedeutung für die Geschichte. Dabei wird doch aber erst durch diese Geschehnisse, der neue König gezwungen, seine titelgebende Rede zu halten. Die ist dann auch der einzige nennenswerte Höhepunkt, der dann aber zusätzlich noch mit opulenter Musik unterlegt wird, damit wir auch ja merken: „Jetzt ist ein Gänsehaut-Moment!“

Für einen Oscar-Favoriten finde ich „The King’s Speech“ echt mau. Die Geschichte ist unspektakulär erzählt, einzig und allein Firth und Rush sorgen dafür, dass der Film etwas Sehenswertes hat. Als Geschichtsstunde eignet sich „The King’s Speech“ auch nicht wirklich: da die wirklich geschichtsträchtigen Dinge außen vor gelassen werden. Da bleibe ich dann doch lieber bei diesem wahnsinnigen König, der für eine Frau gleich mal das ganze System ändert.

Wertung: 6 von 10 Punkten (was würde ich dafür geben, mal in die Köpfe der Academy reinzuschauen – warum ausgerechnet „The King’s Speech“ so ein Favorit ist, kann ich wirklich nicht verstehen)

12 Kommentare leave one →
  1. 25. Februar 2011 18:21

    Jo. Ich sag jetzt nicht jedes Mal, dass ich mir den Film zuerst anschaue, bevor ich deine Review lese, okay? 🙂

    • donpozuelo permalink*
      26. Februar 2011 16:48

      Alles klar! 😀 Hatte ich mir eh fast schon gedacht.

  2. 26. Februar 2011 21:16

    Quängler, Quängler :LOL:
    Ich habe zwar bislang nur 17267356 Ausschnitte gesehen, aber ich weiß, dass mir der Film gefallen wird. Ich liebe den hochnäsigen Sound Bonham Carters.
    Ach doch da freue ich mich drauf und ich habe es aufgegeben jeden Film vor den Oscars gesehen haben zu müssen.

    • donpozuelo permalink*
      27. Februar 2011 20:15

      Tja, dann bin ich halt ein Quängler 😉

      Und ganz ehrlich, viel wird von Bonham Carter in dem Film nicht zu sehen sein. Naja, ich bin gespannt, wie dein Fazit ausfällt.

  3. 28. Februar 2011 15:48

    Mir hat der Film gefallen, eben weil er die Kriegsthematik mal nicht so in der Vordergrund rückt. Es ist ein „Charakterfilm“, der möglicherweise ein bisschen zu wenig über seine Figuren verrät – das gebe ich nach reiflicher Überlegung zu -, aber dank großartiger schauspielerischen Leistungen bei mir richtig punkten konnte.

    • donpozuelo permalink*
      28. Februar 2011 16:23

      Gegen die Schauspieler will ich gar nichts sagen, aber irgendwie gehen sie ein wenig unter in der Belanglosigkeit der Geschichte. Insgesamt hätte ich mir für so einen Historienfilm etwas mehr erwartet, zumal die Geschichte um einen „einfachen“ Stotterer nicht wirklich Anlass für Spannung bietet. Da wäre vielleicht ein bisschen mehr Drum-Herum schöner gewesen.

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