Zum Inhalt springen

Ein Hoch auf Taschenmesser!

21. Februar 2011

Taschenmesser sind schon toll! Als ich mein erstes Taschenmesser geschenkt bekommen habe (ein Schweizer Taschenmesser – versteht sich ja von selbst 😉 ), da war ich unheimlich stolz. Das war so wie diese Detektiv-Gadgets aus dem Micky-Maus-Magazin – nur etwa zehntausendmal cooler. Ich hab das Ding ständig mit mir rumgeschleppt, irgendwelchen Mist in Bäume geritzt, mit der kleinen Säge Äste zersägt und was man sonst noch so damit anstellen konnte. Mittlerweile benutze ich es zwar kaum noch, aber ich weiß, wo es ist, wenn ich es denn mal brauche.

Als Aron Ralston 2003 auf eine Bergtour ging, wusste er nicht, wo sein gutes Taschenmesser liegt, weswegen es einsam und allein im Schrank zurückblieb. Und allein hier fängt Danny Boyles „127 Hours“ schon an, mit den Erwartungen des Zuschauers zu spielen. Da liegt dieses Taschenmesser und Ralston vergisst es einfach. Und ich denke mir nur noch: „Moment, ging’s nicht um nen Typen, der sich mit seinem Taschenmesser den eigenen Arm amputiert?“. Ja, darum geht es: Aron Ralston stürzt bei einer Kletter-Tour in eine Felsspalte, ein dicker Fels klemmt dabei seinen rechten Arm ein und Ralston versucht 127 Stunden lang, verzweifelt sich von dem Ding zu befreien – bis er nach zahlreichen Fehlschlägen zum äußersten Mittel greift und sich selbst den Arm amputiert. Nur halt nicht mit dem guten Schweizer Taschenmesser, sondern mit einem billigen No-Name-Teil. Aber bevor es dazu kommt, erleben wir mit „127 Hours“ einen grandiosen und absolut spannenden Film, der fast buchstäblich unter die Haut geht.

copyright danny boyle

Erst werden wir von bombastischen Naturlandschaften eingelullt. Wir versinken in der Schönheit der Natur, in der dieser kleine Mensch vollkommen unterzugehen scheint. Doch mit all der Schönheit, die uns präsentiert wird, wird uns gar nicht klar, wie grausam diese „Schönheit“ in Wirklichkeit sein kann. Und nur allzuschnell kommen wir auf den Boden der Tatsachen zurück – bzw. auf den Boden, in die Felsspalte und unter den Felsen. Und wenn ich „Wir“ sage, dann meine ich das auch so: „127 Hours“ gehört zu den Filmen, bei denen man das Gefühl hat, man wäre direkt mit dabei, man wäre Ralston selbst.

Die Ausgangsposition erinnert ein wenig an den Film „Buried“, in dem Ryan Reynolds lebendig begraben wird: Einziger Schauplatz ist die kleine, enge Felsspalte, in der Ralston gefangen ist. Und ähnlich wie Rodrigo Cortes nutzt Danny Boyle den kleinen Raum voll aus. Allerdings zeigt sich hier schon, dass Boyle sehr viel mehr Einfallsreichtum beweist als Cortes in „Buried“. Natürlich geben auch hier die verrücktesten Einstellungen und Kamerawinkel einen Eindruck von der Felsspalte, zusätzlich sehen wir aber auch immer wieder die Bilder von Ralstons eigener Kamera, mit der dieser seine Gedanken aufnimmt und sich schon bei seiner Familie verabschiedet. Gleichzeitig greift Boyle auch häufig auf die Split-Screen-Technik zurück, damit wir auf einmal mehrere Perspektiven der Notlage zu sehen bekommen. Dadurch überrollt uns eine Flut an Bildern, die aber immer nur eins im Sinn haben: die Aussichtslosigkeit von Aron Ralston so krass wie möglich darzustellen. Es gibt einfach kein Entkommen, es gibt keine Hilfe – es gibt nur Mann gegen Fels. Und dieser Mann wird grandios verkörpert von James Franco.

Wenn sich ein Film nur um eine einzige Person dreht und wir diese Person dann auch noch aus zig verschiedenen Perspektiven ständig zu sehen bekommen, dann liegt es am Schauspieler allein, die Geschichte glaubwürdig zu vermitteln – ohne den Schauspieler kann man noch so viele kreative Einfälle haben: Wenn der nicht gut ist, dann ist es der Film auch nicht. Aber ich kann alle Skeptiker beruhigen: James Franco ist großartig. Er lebt die Figur und er durchlebt die Leiden des Aron Ralston, dass das Zusehen schon fast zur Tortur wird – wenn Franco nicht so verdammt gut wäre. Er spielt diese verschiedenen Phasen grandios heraus – erst noch guter Dinge gibt sich Ralston immer mehr und mehr mit seinem Schicksal ab: ein persönlicher Höhepunkt des Films ist dabei die Szene, in der sich Franco in einer ausgedachten TV-Morgenshow selbst interviewt. Er verflucht den Fels, er verflucht sich selbst, er lacht, er weint – die Gefühlswelt des hilflos Gefangenen, der genau weiß, dass keiner kommen wird, weil keiner weiß, wo er ist. Das gelingt Franco großartig.

Aber Boyle beschränkt sich nicht nur auf den Franco im Felsspalt, sondern zeigt auch den Franco in seinem eigenen Kopf. Immer wieder blickt Ralston zurück, entschuldigt sich bei seinen Eltern, seiner verflossenen Liebe. Dann wieder gibt es sowas wie Wunschträume: Besonders gelungen dabei ist der Zusammenschnitt zahlreicher Cola- und Bier-Werbespots, wenn Ralston vor Durst fast vergeht. Bei einigen Szenen verliert man als Zuschauer selbst das Bewußtsein darüber, was Realität und was nur dem verzweifelten Gehirn entsprungen ist. Auf jeden Fall sorgen diese Einschübe dafür, dass die Geschichte lebendig gehalten wird und vor allem lässt sie uns näher heran an den Menschen, der über sich selbst nachdenkt, seine eigenen Fehler einsieht und dann doch noch – durch die Vision eines Kindes – neue Hoffnung schöpft.

Und mit dieser neuen Hoffnung geht „127 Hour“ auf die Zielgerade zu: Alles, was zwischen uns und dem Ende des Films noch steht, ist ein festgeklemmter Arm. Zur Lösung des Problems hat Ralston nun leider kein Schweizer Taschenmesser, sondern nur ein billiges Multi-Tool mit Mini-Klinge. Aber wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Und los geht’s…

Im Kino wurde es schlagartig still, man konnte förmlich spüren, wie die Leute den Atem anhielten, sich in die Armlehne krallten. Am liebsten hätte ich mit Franco mit geschrien, denn Boyle erspart uns hier gar nichts. Was man aber auch verstehen kann: Es wäre feige gewesen, das NICHT zu zeigen. Den ganzen Film über macht sich Ralston quasi nackt vor der Kamera, da ist es nur fair, dass wir auch den Rest voll und ganz miterleben. Für eine junge Dame bei uns im Kino war das tatsächlich zu viel.

Aber trotzdem: „127 Hours“ ist ein absoluter Pflichtfilm für dieses Jahr. Wer den nicht gesehen hat, hat echt was verpasst: Packend, spannend bis zum Schluss und mit seiner Geschichte ein echter Boyle. Und wie hat Boyle es so schön selbst genannt: „an action movie with a guy who can’t move.“

Wertung: 10 von 10 Punkten (knallharter Film, der noch lange nachwirkt und dafür sorgt, dass man sein Taschenmesser ab jetzt immer griffbereit hat)

21 Kommentare leave one →
  1. 21. Februar 2011 16:06

    Wow! Muss ja ein ganz geniales Stück Filmkunst sein wenn du ihm 10 Punkte gibst hast du dass vorher überhaupt schon mal gemacht?

    • donpozuelo permalink*
      21. Februar 2011 17:07

      Ja, es gab hin und wieder schon mal 10er-Filme. Aber „127 Hours“ ist auch wirklich absolut sehenswert. Der geht echt unter die Haut.

  2. 21. Februar 2011 18:13

    Absolut grossartiger Film, da hast du Recht. Ich fand Buried aber noch einen Ticken besser, weil er halt einfach irgendwie konsequenter ist.

    • donpozuelo permalink*
      22. Februar 2011 10:45

      Echt? Ich fand „Buried“ auch ziemlich gut, insgesamt gesehen gefällt mir „127 Hours“ aber schon besser. So diese Erinnerungsfetzen und Wunschträume hatte ich eigentlich schon bei „Buried“ erwartet, aber sie quasi jetzt erst bekommen.

      Aber vielleicht kann man beide Filme auch nicht so vergleichen. „Buried“ ist dann – glaube ich – doch eher ein filmisches Experiment, dass sich nur auf seine „Umgebung“ konzentriert und das ohne viel Schnick-Schnack, während es bei „127 Hours“ ja auch stärker darum geht, in den Kopf des Protagonisten zu kommen. Das freilich ja auch nur, um zu verstehen, warum er tut, was er tut.

  3. 21. Februar 2011 19:17

    Ich stimme dir vollends zu. Aber ein Taschenmesser nehme ich jetzt erst recht nicht mit, sowas könnte ich mir einfach nicht antun. Die Szene hat bei mir einfach tiefes Entsetzen ausgelöst. Unfassbar, dass sowas 12 jährigen zugemutet wird…

    • donpozuelo permalink*
      22. Februar 2011 10:46

      Wie? Ist der Film ab 12 freigegeben??? Krass! Seit ich die 18 überschritten habe, schaue ich schon gar nicht mehr auf die Altersfreigabe 😀

      Und klar könnte man sich jetzt nicht zutrauen, sich selbst so etwas anzutun. Aber in der Situation, in der Aussichtslosigkeit wahrscheinlich schon. Von daher… Taschenmesser ist jetzt immer mit dabei 😉

  4. 22. Februar 2011 15:03

    Ich hab neulich – in Ermangelung von Werkzeug – einen Ikea-Schrank mit meinem Schweizer Taschenmesser zusammengebaut. Auch gut, oder? 🙂

    • donpozuelo permalink*
      22. Februar 2011 15:23

      Das ist zwar auch gut, aber ob Danny Boyle darüber nen Film machen würde? Vielleicht wenn du dir den Arm an der Rückwand eingeklemmt hättest… Amputation mit inbegriffen. 😀

      Aber mal im Ernst: Der Ralston lässt ja sein Taschenmesser liegen… Dumm, dumm, dumm…

  5. Dr. Borstel permalink
    22. Februar 2011 16:39

    Ich freue mich! Vom Konsens der Kritiken her dürfte „127 Hours“ einer der besten, wenn nicht der beste Film des Jahres sein.

    • donpozuelo permalink*
      22. Februar 2011 17:07

      Ja, das denke ich auch fast. Es ist wirklich ein großartiger Film. Und nach „Slumdog“ auch wieder ein richtig-richtig guter Danny Boyle-Film!

  6. 23. Februar 2011 22:21

    Da habe ich noch keinen negativen Beitrag zu gelesen. Muss ich auch unbedingt sehen!

    • donpozuelo permalink*
      24. Februar 2011 10:54

      Nee, ich erstaunlicherweise auch nicht. Und dabei gibt es doch meist irgendjemanden, der was Negatives zu sagen. Aber der Film ist wirklich grandios und einfach nur sehenswert. 😉

  7. christiansfoyer permalink
    25. Februar 2011 15:43

    Gerade gesehen. Völlig geplättet.

Trackbacks

  1. Seine Majestät stottert « Going To The Movies
  2. Es ist geschehen… « Going To The Movies
  3. 127 Hours (2010) « of bastards and dwarves
  4. Allein im Wald « Going To The Movies
  5. Die große Katze und das Meer « Going To The Movies
  6. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies
  7. Ans Bett gefesselt | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: