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Folterknecht

18. Februar 2011

Wir alle kennen die Geschichten vom Waterboarding. Seit Guantanamo sind die Berichte über Gefangene, die auf ein Brett gefesselt, mit einem Tuch über dem Kopf, mit Wasser übergossen werden und dadurch das Gefühl haben, zu ertrinken. Andere Verhörmethoden der CIA sind Schlafentzug, Beschallung durch Musik, Elektroschocks, Schläge, Fesseln. Wir haben die Berichte alle gehört, die Bilder gesehen und mit dem Kopf geschüttelt, über die Methoden unserer freundlichen Weltmacht USA. Genfer Konventionen, wie bitte? Was ist das? Noch nie gehört. Menschenrechte??? Können scheinbar vernachlässigt werden, wenn es darum geht, andere Menschen zu retten.

So ähnlich sieht das auch Folterknecht H (Samuel L. Jackson) in dem Film „Unthinkable“ von Gregor Jordan. Für ihn ist Folter was normales, warum sonst gäbe es sie schon seit Tausenden von Jahren. Als sein moralisches Gewissen fungiert die FBI-Agentin Helen Brody (Carrie-Anne Moss), die sich stark gegen die Methoden von Folterknecht H stellt. Doch hat sie kaum eine Chance, immerhin stehen Menschenleben auf dem Spiel: der Amerikaner Steven Younger oder auch Yusuf (Michael Sheen) hat nämlich in drei Städten drei Atombomben versteckt – mit einem Zeitzünder versehen sollen alle gleichzeitig explodieren. Es sei denn, H kann Yusuf brechen.

Ich gebe zu, dass hört sich jetzt nach bösem Folterfilm a la „Hostel“ an. Aber auf Großaufnahmen von abgetrennten Gliedmaßen, Fontänen von Kunstblut und lachende Foltermeister wartet man bei „Unthinkable“ vergebens. Es ist auch keiner dieser Action-Countdown-Filme, auch wenn in Zwischenblenden die Tage bis zur Explosion der Bomben heruntergezählt werden. Aber „Unthinkable“ distanziert sich gekonnt von diesem Einheits-Action-Thriller-Kram. Statt auf Effekte und viel Bumms konzentriert sich George Jordan darauf, eine intelligente und spannende Geschichte zu erzählen, bei der es dann doch eher um die Frage geht, wie weit man gehen darf, sollte oder muss.

„Unthinkable“ hat für einen spannenden Film eine schwierige Ausgangsposition, beschränkt sich doch ein Großteil der Handlung auf die kleine Folterkammer und die umliegenden Räume. Jordan hat aber mit seinen Schauspielern einen wahren Glücksgriff gemacht, denn sie sind es, die glaubhaft die Story tragen. Allen voran Samuel L. Jackson und Michael Sheen. Jackson brilliert in der Rolle des Folterknechts. Es ist erstaunlich, dass – obwohl Sheen den Terroristen spielt – Jacksons H von Anfang an der wahre Bösewicht zu sein scheint. Ohne langes Rumgerede läuft er gleich zu Beginn zu Yusuf und schneidet ihm eine Fingerspitze ab. Das und auch seine weiteren Aktionen sorgen für zahlreiche Kritiken. Der Mann mit der Brille und dem Bierbauch wird zum Bösewicht, obwohl er doch eigentlich zu den Guten gehört – H steht für ein radikales Vorgehen frei nach dem Motto: „Was bedeutet schon ein Menschenleben, wenn ich Tausende retten kann?“. Sheen Yusuf wird dagegen zum Opfer. Wir haben Mitleid mit ihm – der arme, arme Mann. Aber genau hier liegt die Stärke von Jordans „Unthinkable“: Es ist keine blosse Terrorismus-Schwarz-Weiß-Malerei – es ist nur schwer zu durchschauen, was richtig und was falsch ist. Jackson und Sheen spielen dieses Hin und Her mit so einer Intensität, dass man wie gebannt vor dem Fernseher hockt. Als einziger Ruhepol dient da Carrie-Anne Moss, die immer wieder versucht, H aufzuhalten und Yusuf durch Fürsorge zum Reden zu bringen. Dabei geht sie zwar hinter dem dynamischen Duo des Films etwas unter, macht ihre Sache aber gut.

Dank der Schauspieler gelingt es Jordan, immer wieder mit unseren Gefühlen zu spielen. Sollen wir nun H hassen oder doch Yusuf? Man kann es nicht ganz eindeutig sagen, zumal die Geschichte sich ständig wendet – schließlich verfolgen sowohl Yusuf als auch H einen Plan. Am erschreckendsten an „Unthinkable“ ist die Tatsache, wie schnell sich die Meinungen im Verlauf des Films ändern und die anfänglichen Bedenken gegenüber Hs Methoden über Bord geschmissen werden. Das ist erschreckend, weil H auf der einen Seite echt zum Äußersten geht, auf der anderen Seite aber wohl vor allem deswegen, weil es so glaubwürdig erscheint.

Jordan schafft mit „Unthinkable“ einen der besten Terrorismus-Thriller überhaupt – eben weil er darauf verzichtet, uns den 08-15-Terroristen zu liefern. Ganz nebenbei diskutiert der Film über Sinn und Unsinn von Folter. Das ist extrem spannend, dank gut platzierter Wendungen und großartiger Schauspieler und einem leicht ironischen Ende 😉

Wertung: 9 von 10 Punkten (fieses [Folter-] Kammerspiel und ein grandios inszenierter Thriller – an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Damian, der mich überhaupt erst auf den Film aufmerksam gemacht hat)

9 Kommentare leave one →
  1. 18. Februar 2011 10:04

    Schön geschrieben. I agree. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      18. Februar 2011 11:01

      Danke! Und auch nochmal Danke für den Tipp! Ist echt schade, dass so gute Filme den Weg nicht ins Kino, sondern nur direkt auf DVD schaffen. Da könnte ich auf manch andere Filme im Kino echt verzichten.

  2. 18. Februar 2011 15:54

    Uhh Michael Sheen spielt mit…sofort gucken!

    • donpozuelo permalink*
      18. Februar 2011 16:02

      Ja, auf jeden Fall. Wenn dir Michael Sheen gefällt, dann unbedingt auch „Frost-Nixon“ gucken (ist die Rezension unter „David gegen Goliath“ 😉 )

  3. 18. Februar 2011 16:24

    „Frost-Nixon“ steht schon lange auf meiner to-see Liste

  4. luzifel permalink
    22. Februar 2011 23:14

    Boah.. Krasser Streifen.. Ich hab mich nicht wohl gefühlt beim Gucken. Eindringlich, intensiv und die moralischen Fragen der Folter in Relation zum Zweck sind heftig.

    Andererseits muss ich sagen, dass der Film zu konfus daherkommt vom Erzähltempo. Immer wieder wird er schneller und dann wieder langsamer und das sehr unregelmäßig. Hatte ich zumindest so wahrgenommen. Hm..

    Trotz den Umarmungen und dem Siegesgejubel am Ende kein typischer Hollywoodstreifen.. Auf jeden Fall sehenswert, kann ich nur sagen..

    Grüße

    • donpozuelo permalink*
      23. Februar 2011 09:42

      Freut mich, obwohl ich nicht sagen kann, dass ich dir beim Thema Konfus und Erzähltempo zustimme. Ich fand das eigentlich super auf die Story abgestimmt. Naja und wirklichen Siegesjubel gibt es ja am Ende auch nicht, weil das doch dann in eine sehr fiese Richtung umschlägt… was mir aber sehr, sehr gefallen hat 😉

  5. 23. Februar 2011 22:21

    Ja, gerechtfertigte Punktzahl – ich mochte den Film auch. Bist gerade auf nem Michael Sheen-Trip was? 😀
    Frost Nixon schiebe ich schon so lange, muss ich aber unbedingt mal gucken.

    • donpozuelo permalink*
      24. Februar 2011 10:53

      😀 Ja, man könnte es einen Sheen-Trip nennen, dabei ist mir zum Beispiel gar nicht richtig aufgefallen, dass er das auch in „Tron: Legacy“ war. Aber „Frost/Nixon“ und „Unthinkable“ sind zwei grandiose Sheen-Filme.

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