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David gegen Goliath

16. Februar 2011

Wie spannend kann ein Film sein, in dem es darum geht, dass ein Journalist einen Politiker interviewt? Eigentlich nicht sonderlich, ist so ein Interview doch nichts was Filmcharakter hat. Bestenfalls drei Kameras, eine auf jede Person und eine auf das Gesamtszenario und fertig ist das Interview. Da kann man dann eigentlich nur noch hoffen, dass das, was die beiden zu besprechen haben, so spannend ist, dass der Zuschauer dem fast zwei Stunden folgen will.

Aber gut, wenn man sich mit so einem Film beschäftigt, erzählt man natürlich auch ein wenig die Vorgeschichte. Und die ist in diesem Fall ja eine hochbrisante, sogar ein einzigartiges Phänomen in der Geschichte der USA. Schließlich ist Richard Nixon, 37. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der bis jetzt einzige Präsident, der von seinem Amt zurückgetreten ist. Warum? Watergate.

Einbrecher brechen 1972 in die Zentrale der Demokraten im Watergate-Hotel ein und Nixon hat davon gewusst, sich möglicherweise sogar bewusst – durch andere – angeheuert. Das Ganze ist der Skandal schlechthin, aber Nixons einzige Konsequenz ist der Rücktritt. Verurteilt wird er nie. Und hier beginnt dann die Geschichte vom Talkshowmaster David Frost, der sich bemüht, Nixon im Interview zu bekommen. Frost bekommt Nixon und vier Termine für Interviews. Ein Team von Experten bereitet Frost darauf vor, denn sie wollen vor allem eins: Ein Eingeständnis und eine Schuldzuweisung von Nixon selbst – aufgezeichnet für die Ewigkeit, damit alle es sehen können.

Diese Geschichte ist wirklich passiert und kann in dreifacher Form nachgeprüft werden: Man schaue sich die eigentlichen Interviews an, man gehe ins Theater oder man greift ins DVD-Regal, um Ron Howards Adaption von Peter Morgans Theaterstück „Frost/Nixon“ zu sehen. Der Griff ins DVD-Regal sorgt dann sogar dafür, sich die eigentlichen Interviews auch anschauen zu können – dem Bonus-Material sei Dank. (Die normale Version enthält nur Ausschnitte, die Special Edition ein wenig mehr).

Ich war eher skeptisch, als „Frost/Nixon“ damals in die Kinos kam, weil ich nicht glaubte, es könne ein spannender Film sein. Einzig die Tatsache, dass der Film für ganze fünf Oscars nominiert war (darunter „Bester Film, Hauptdarsteller und Regie“), zog mich dann doch ins Kino. Und ich wurde aufs höchste überrascht. Ron Howard gelingt es nämlich tatsächlich eine einfache Interview-Situation spannend zu inszenieren. Howard inszeniert „Frost/Nixon“ als Pseudo-Dokumentation, bei der durch kurze Interviews mit den Hauptpersonen der Handlung die eigentliche unterbrochen wird. Der Film selbst teilt sich dann grob in zwei Teile: die Vorbereitung, in der Frost sein Team um sich sammelt und verzweifelt versucht, Geldgeber zu finden und die eigentlichen Interviews.

Nun ist auf der einen Seite Howards technischem Können zu verdanken, dass der die ganze Geschichte aus mehr als nur drei Blickwinkeln zeigt, weitaus größeres leisten hier aber die Schauspieler. Allen voran einer, der mir vorher so gut wie unbekannt war (und dabei hat er doch den Skeletor in „Masters of the Universe“ gespielt – Scherz 😉 ): Frank Langella. Langella spielt Nixon… und das zum Niederknien gut. Sein Nixon ist sowohl charmant als auch clever. Vor allem zu Beginn der Interviews ist er es, der alle Karten in der Hand hält und Frost durch Fragen über Schuhe oder sein Sexualleben immer aus der Fassung bringt. Da ist es richtig amüsant zu sehen, wie Michael Sheen als David Frost immer kleiner und kleiner wird, während Nixon in langen Ausschweifungen sich selbst zelebriert. Sheen und Langella geben ein wunderbares Leinwand-Paar ab. Sie spielen nicht einfach nur, sie werden tatsächlich zu den Figuren. Es ist schwer, das zu beschreiben, aber gerade bei Langella vergisst man fast, dass man einen Schauspieler beobachtet. Langellas Darstellung ist einfach wunderbar, er spielt den großen Nixon und er spielt den Gefallenen – die Wandlung Nixons ist absolut glaubwürdig, auch wenn der eigentliche Dreh- und Wendepunkt der Geschichte etwas fragwürdig daher kommt: ein plötzlicher, nächtlicher Anruf und das Blatt wendet sich. Aber hey, dank Sheen und Langella stört einen das überhaupt nicht.

Man merkt „Frost/Nixon“ schon an, dass es auf einem Theaterstück basiert, dass sich vor allem um die beiden Hauptpersonen dreht. Howard schafft es aber, die Nebenfiguren gekonnt einzubauen und nicht vollkommen untergehen zu lassen. Vor allem Kevin Bacon als Nixons Berater sei an dieser Stelle positiv erwähnt. Die Dialoge sind geschliffen und toll geschrieben. Dadurch und durch die Schauspieler entwickelt der Film eine unglaubliche Dynamik, die einen vollkommen mitreißt. Wie gespannt warten wir darauf, dass dieses kleine Nichts von einem Talkshow-Master den großen Nixon zu Fall bringt… da ist man auch ohne Action wie gebannt vor dem Fernseher – auch wenn man vorher noch nie etwas von Nixon, Watergate oder Frost gehört hat.

Wertung: 10 von 10 Punkten (brillant inszeniertes Drama über eine Sternstunde des amerikanischen Fernsehens und den Fall eines Präsidenten – ganz frei von Amerika-Pathos)

12 Kommentare leave one →
  1. 16. Februar 2011 08:05

    Lustig ist ja, dass man damals Frost angeblich nur wählte weil man ihn für relativ ungefährlich hielt und nicht damit gerechnet hatte, dass er Nixon dann so weich klopfen würde beim Interview. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      16. Februar 2011 11:02

      Japp, das zeigt sich ja auch im Film sehr schön durch Nixons TV-Berater, der meint, es wäre leicht verdientes Geld und eine Möglichkeit sich von Watergate reinzuwaschen.

  2. Dr. Borstel permalink
    16. Februar 2011 17:47

    Unterschreibe ich so, hatte damals ja auch 10/10 gegeben und würde das auch nach der Zweitsichtung bekräftigen. Großartig intensiv gespielte Zeitgeschichte, ähnlich dem im selben Jahr erschienenen „Milk“; bei zwei solchen Filmen kann ich nicht nachvollziehen, warum sämtliche Filmpreise eher dem okayen „Slumdog“ oder dem schlechten „Benjamin Button“ den Vorzug gegeben haben. Zumal gerade die Academy doch historischen Stoff sonst wenigstens zu schätzen weiß.

    • donpozuelo permalink*
      16. Februar 2011 20:40

      Ja, das mit „Slumdog“ und vor allem mit „Benjamin Button“ konnte ich mich so richtig auch nie anfreunden. Gerade „Button“ ist echt nicht mein Fall.

      „Milk“ habe ich leider noch nicht gesehen.

      Aber „Frost/Nixon“ ist echt ein Film, den man auch mehrmals sehen kann. Einfach genialer Film!!!

    • Dr. Borstel permalink
      17. Februar 2011 12:25

      Richtig! Oh, mein Favourit aus dem Jahr ist ja bekanntlich „In Bruges“, aber ich halte 2008 ohnehin für zumindest das stärkste Filmjahr der letzten Dekade, wenn nicht mehr. „Milk“ und „Doubt“ (falls du den noch nicht gesehen haben solltest) dürften dir auch gefallen.

      • donpozuelo permalink*
        17. Februar 2011 12:31

        „Brügge“ ist großartig ohne Zweifel. „Doubt“ wollte ich damals schon im Kino sehen, da lebte ich aber noch in der tiefsten Provinz und so kam der nie bei mir ins Kino. Sollte ich dann definitiv auf DVD mal nachholen.

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