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Parallel-Universum

14. Februar 2011

Ach, es wäre doch wirklich mal schön, sich irgendwo zu verstecken. Kein Telefon, kein Internet, kein gar nichts. Weg vom Raster, weg vom Web 2.0, einfach mal offline gehen und für ein paar Tage entspannen. Aber mal ehrlich, wie soll man das heutzutage noch schaffen. Mittlerweile ist ja die Mikrowelle schon online, von Telefonen brauchen wir ja gar nicht mehr sprechen – telefonieren ist mittlerweile zur Nebensache geworden. Was waren das noch für Zeiten, als man Briefe schreiben musste oder nicht ständig telefonisch erreichbar war??? Bla, bla, bla… das klingt ja jetzt fast so, als wäre ich zu Zeiten von Morse-Code und Signal-Feuer aufgewachsen. 😉 Aber eine passendere Einleitung für Danny Boyles „The Beach“ ist mir nicht eingefallen. Immerhin passt es ganz gut zu dem Pseudo-Hippie-Kult, dem wir in diesem Film begegnen – denen geht es ja um nichts anderes: ein Rückgang weg von der überladenen Gesellschaft hin zu Liebe und Frieden an tropischen Stränden.

Weg möchte in „The Beach“ auch ein erschreckend jung aussehender Leonardo Di Caprio. Nach „Departed“, „Shutter Island“ und „Inception“ habe ich doch tatsächlich vergessen, dass Leo mal so ein kleiner Milchbubi war, dem vor allem junge Teenager verfallen waren. Zwei Jahre nach seinem Erfolg mit „Titanic“ versuchte sich Leo also als Weltenbummler, der auf einer Thailand-Reise an eine Karte gelangt, die zum ultimativen Strand führt. Zusammen mit einem französischen Pärchen – Etienne (Guillaume Canet) und Francoise (Virginie Ledoyen) – machen Richard (Leo) sich auf den Weg. Und sie werden tatsächlich fündig. An einem wirklich traumhaften Strand lebt eine kleine Kommune unter ihrer Anführerin Sal (Tilda Swinton). Die Neuankömmlinge werden aufgenommen, doch mit ihrer Ankunft beginnt das Ende der kleinen Kommune.

Mich würde ja mal interessieren, wie stark der Thailand-Tourismus nach „The Beach“ angestiegen ist. Wenn man sich nämlich diese tollen Landschaftsaufnahmen anschaut, dann gerät man direkt ins Schwärmen: kristall-klares Wasser, tolle Strände, Palme… aaaahhhh, für sowas würde man doch ziemlich gerne sein stressiges Leben aufgeben. Wohnen wie die Hippies – in großen Schlafsälen, Geschichten am Abend, Spiele am Tag. Jeder bekommt seine kleine Aufgabe und alle sind glücklich. Tja, alles an „The Beach“ schreit anfangs nach Happy-End, nach allerschönsten Fluchtgedanken. Aber leider ist dem nicht so… schließlich bedeutet Dschungel scheinbar immer kompletter Wahnsinn.

Und diesen Wahnsinn erlebt Richard am eigenen Leib. Dabei gibt es genügend Hinweise für ihn, dass nicht alles Toll ist, was ihn am Strand erwarten könnte. Aber Richard sieht die kleinen, feinen Zeichen nicht, die Danny Boyle ihm gibt: Warum wohl sonst würde Richard ausgerechnet „Apocalypse Now“ von Coppola in einem kleinen Freiluftkino sehen? Und erinnert nicht auch alles andere von „The Beach“ in kleinen Abstrichen an Coppolas Meisterwerk? Der Anfang mit dem Hotel, der Quasi-Auftrag, an diesen Strand zu gelangen, das Entdecken einer eigenen Gesellschaft mitten im Paradis, die sich schon lange von allen Regeln abgesondert hat. Und wem das noch nicht reicht, dem reicht Boyle es irgendwann direkt: Leo wird bei seinen Streifzügen durch den Dschungel zu einem kleinen Mini-Kurtz. Um die Verwandlung zu diesem durchgedrehten Marlon-Brando-Verschnitt übernimmt Boyle ähnliche Einstellung – das Gesicht, dass aus dem Schatten kommt, Leos merkwürdige Wanderungen durch den Wald. Aber zum Glück kopiert Boyle nicht komplett, sondern zeigt Richards Realitätsverlust sehr witzig, in dem er es in eine Art Video-Spiel verwandelt.

Letztendlich kommt Richard – gezwungenermaßen – wieder zur Vernunft, als nämlich deutlich wird, dass einige in der Kommune die Geheimhaltung sogar über Menschenleben stellen. Aber das ist ja im Endeffekt nicht der einzige Grund, warum Richards Flucht aus der Realität nicht funktioniert. Ein echtes Entkommen aus unserer Welt ist scheinbar unmöglich. Es ist wie mit einem Virus – sobald der erste Erreger im System ist, kommen andere dazu und dann geht alles drauf.

„The Beach“ verbindet Abenteuerfantasie mit Utopie-Gedanken an eine kleine, perfekte Gesellschaft, die am Ende aber auch nicht funktionieren kann. Ich hatte zu Beginn des Films Angst, Boyle würde das Ausreißerleben in schönen Bildern und mit toller Musik verherrlichen. Aber hey…. immerhin sprechen wir hier von Danny fucking Boyle. Der hat uns schon gezeigt, dass Drogen wirklich, wirklich nichts Schönes sind, dass Zombies wirklich, wirklich fies sein können, dass Reisen zur Sonne selten gut verlaufen und dass Indien nicht nur aus Bollywood besteht. Warum sollte „The Beach“ da eine Ausnahme machen? Boyle baut diese wunderbare Welt auf, nur um sie danach gleich wieder einstürzen zu lassen.

Sicherlich ist „The Beach“ nicht unbedingt Boyles bester Film, aber er ist sehr unterhaltsam. Und wer sich noch einmal einen jungen Leonardo Di Caprio angucken will, der noch meilenweit von „Inception“ entfernt ist, der ist hier genau richtig.

Wertung: 8 von 10 Punkten (wir sind alle Gefangene der Matrix – Flucht ausgeschlossen 😉 )

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7 Kommentare leave one →
  1. 14. Februar 2011 08:33

    Yep, schöner Film.

  2. 14. Februar 2011 08:59

    Ich finde ja alles von Danny Boyle grossartig. ALLES. Daher auch The Beach, von dem ich merkwürdigerweise lange Zeit nicht wusste, dass er von ihm ist. 🙂

    Aber der Apocalypse Now – The Beach Vergleich ist mal interessant. Hab ich so noch nie betrachtet.

    • donpozuelo permalink*
      14. Februar 2011 11:37

      Naja, ich muss ganz ehrlich sagen, der einzige Film, der mich nicht so richtig von ihm begeistern konnte, war „Sunshine“. Mit dem konnte ich gar nichts anfangen.

      Und der Apocalypse Now-Vergleich ist gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass der Film selbst ja direkt angesprochen wird – durch die kleine Filmvorführung. Danach muss man einfach nur noch Parallelen sehen wollen, dann sieht man sie auch 😉 Ob sie nun gewollt sind oder nicht, müsste uns Mr. Boyle schon selbst verraten… und ich habe leider seine Nummer verloren. Upps…

  3. 14. Februar 2011 14:13

    Bwuhat? Ich LIEBE Sunshine. Grusel ohne konkretem Horror. Epochale Bilder ohne Millionen-Budget. Das kann nur Boyle. Selbst im Sci-Fi-Genre.

    • donpozuelo permalink*
      14. Februar 2011 14:35

      Gegen die Bilder ist auch absolut nichts einzuwenden, aber ich fand die Geschichte etwas dünn. Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich den Film das erste und einzige Mal damals im Kino gesehen habe. Vielleicht muss ich mir den noch einmal anschauen.

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