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Wechselbalg

2. Februar 2011

Wenn ich an Angelina Jolie denke, kommen mir – ich gestehe – zu allererst  irgendwie immer so pubertierende Gedanken an Frau Jolie im hautengen Tauchanzug aus „Tomb Raider 2“. Es tut mir ja auch leid, aber zu mehr als Brüsten scheint mein Hirn die gute Frau einfach nicht machen zu wollen. Nach den Brüsten kommen dann diese Lippen, dann kommt lange Zeit gar nichts und irgendwann die Action-Schauspielerin-Typisierung. Dabei vergisst mein Hirn dann gerne, dass Frau Jolie ja auch eine ernsthafte Schauspielerin sein kann – immerhin hat sie schon einen Oscar zu Hause stehen. Und so eine Auszeichnung geht doch auch nur an ernsthafte Menschen 😉 Inwieweit man Angelina Jolie tatsächlich ernst nehmen kann, ist schwierig einzugrenzen. Daher war es mir (und natürlich meinem Gehirn) eine große Freude, Angelina Jolie in einer ernsten Rolle zu sehen, in der sie tatsächlich und wahrhaftig auch überzeugt. Und nebenbei kaum auf ihre Brüste aufmerksam macht…

Zu verdanken haben wir das dem momentan ernsthaftesten Regisseurs Hollywood, der selber vom Action-Star ins seriösere Geschäft gewechselt: Clint Eastwood. Dass er sich für „Der fremde Sohn“ ausgerechnet Action-Amazone Angelina Jolie als Hauptdarstellerin ausgesucht hat, dürfte sicherlich viele erst einmal verwundern, spätestens findet die Auswahl Zustimmung.

Mit „Der fremde Sohn“ bringt Clint Eastwood eine wahre Geschichte auf die Leinwand, die – wenn sie nur erdacht gewesen wäre – einfach viel zu absurd sein würde, als dass sie jemand ernst nehmen würde: Aber die Ereignisse von „Der fremde Sohn“ haben sich tatsächlich zugetragen.

L.A., 1928: Chrisine Collins (Jolie) verlässt ihr Haus, um zur Arbeit zu gehen. Als sie am Abend wieder kommt, ist ihr Sohn Walter verschwunden. Fünf Monate später bekommt sie Besuch von der Polizei mit der freudigen Botschaft, ihr Sohn wäre gefunden worden und ist gesund und munter. Mit viel Presse sollen Mutter und Sohn am Bahnhof wieder vereint werden, aber schon beim ersten Blick auf den Jungen wird Christine klar: Das ist nicht ihr Sohn!!! Trotzdem nimmt sie ihn – auf Anregung von Captain J.J. Jones („Burn Notice“-Agent Jeffrey Donovan) – mit nach Hause. Bei ihrem Versuch, die Verwechslung aufzuklären, rennt sie aber bei der Polizei gegen Wände und wird sogar als hysterisch in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Allein Dank dem Reverend Briegleb (John Malkovich) kann Christine entkommen und mit ihm gegen die Machenschaften der Polizei vorgehen. Zumal ein aufgedeckter Massenmord an Kindern durch den Kanadier Gordon Northcott (Jason Butler Harner) keinen Zweifel mehr daran lässt, dass Walter ihm zum Opfer gefallen und Christine tatsächlich einen falschen Sohn zurückbekommen hat.

„Der fremde Sohn“ basiert auf den wahren Vorfällen des „Wineville Chicken Coop Murderer“. Gordon Northcott soll in den 20er Jahren mehrere Kinder entführt, missbraucht und getötet haben. Den Missbrauch lässt Eastwood zum Glück weg, denn noch mehr und dieser Film würde zu sehr  die Psyche des Zuschauers beanspruchen. „Der fremde Sohn“ geht nämlich ganz schön ran: die erste Hälfte ist ein packendes Psychodrama um eine verzweifelte Mutter im Kampf gegen einen übermächtigen Feind. Ohne direkt den Zeigefinger zu heben, macht Eastwood auf die Rolle der Frau im Amerika der 20er Jahre aufmerksam – sie hat eigentlich keine. Sie hat sich unterzuordnen und still zu sein. Erhebt sie die Stimme, ist sie sofort hysterisch und wird weg gesperrt. Viel, viel krasser wird aber die Tatsache, dass sich eine Behörde – auf der verzweifelten Suche nach Erfolg – darauf einlässt, ein anderes Kind zu präsentieren. Sicherlich hätte das bei einer labileren Frau auch funktioniert, aber Angelina Jolies Christine Collins ist eine Kämpferin.

Jolies Figur leidet und leidet, aber sie verzweifelt nicht und erträgt, was man ihr antut. Das tut beim Zugucken weh, wie sehr Jolie sich in die Rolle hinein versetzen und das auch nach außen hin tragen kann. Ich hätte es ja bei ihr nicht gedacht, aber sie hat die Würde und den Biss, den diese Figur braucht. Sie spielt unglaublich verletzlich, sie bebt förmlich vor Energie und trägt lieferte eine grandiose Leistung.

Im zweiten Teil wird „Der fremde Sohn“ eher ein Gerichtsdrama, bei dem Collins mit Unterstützung der Gesellschaft gegen die Polizei vorgeht. Gleichzeitig findet aber auch der Prozess gegen Northcott statt. Eastwood springt gekonnt zwischen beiden Verhandlungen hin und her. Der Film lässt aber trotzdem an Intensivität etwas nach, was das Drehbuch aber durch ein sehr gelungenes offenes Ende kompensieren kann.

„Der fremde Sohn“ ist sehr bewegend, teilweise aber auch sehr direkt und brutal. Eastwood beschönigt nichts. Er will, dass der Zuschauer das Gleiche durchmacht, wie seine Hauptdarstellering – und das gelingt ihm unglaublich gut.

Angelina Jolie sehe ich nach diesem Film aus einem ganz anderen Blickwinkel. Klar, der Tomb-Raider-Taucheranzug wird bleiben, aber er steht jetzt nicht mehr alleine da.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ergreifend gespielt von Jolie, in grandiosen Bildern eingefangen ist „Der fremde Sohn“ ein Film, der noch lange nach dem Gucken nachwirkt)

6 Kommentare leave one →
  1. 2. Februar 2011 07:48

    Klingt interessant. Der Film hat mich bis anhin nicht so angesprochen. Aber ich werde mir den mal ansehen.

    Und: Unter Clint Eastwood würde sogar Adam Sandler einen guten Schauspieler abgeben.

    • donpozuelo permalink*
      2. Februar 2011 10:48

      Ja, ich war anfangs auch eher skeptisch. Aber eigentlich kann man bei einem Eastwood-Film mittlerweile nichts mehr falsch machen.

      Adam Sandler in einem Eastwood-Film??? Klingt gruselig, könnte aber tatsächlich funktionieren 😉

  2. 2. Februar 2011 12:50

    Klingt ja echt interessant. War mir gar nicht mehr präsent, dass Eastwood den Film gedreht hat – das macht ihn doch sehr verlockend…

    • donpozuelo permalink*
      2. Februar 2011 14:02

      😀 Ich glaube, bei Eastwood kann man schnell mal einen Film vergessen. Der war ja eine Zeit lang richtig fleißig – aber „Der fremde Sohn“ ist echt super!

  3. Dr. Borstel permalink
    2. Februar 2011 17:51

    Grandios gespielt von Frau Jolie. Der Film selbst ist mir etwas zu dramatisierend, etwas zu Mitleid heischend, als dass er mich wirklich gepackt hätte. Trotzdem sehr ordentlich, mit starken Momenten und nicht zuletzt treffender Zeitkritik.

    • donpozuelo permalink*
      2. Februar 2011 17:57

      Amen! 😉
      Dass Mitleid heischend stimmt wohl an einigen Stellen. Aber ich fand immer, dass es Dank Frau Jolie trotzdem bestens funktioniert hat.

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