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Was bedeutet Rache?

26. Januar 2011

Rache im Film läuft immer auf das gleiche hinaus: Vergeltung! Mit viel Gewalt und noch mehr Leichen versucht irgendwer ihm zugefügtes Leid zu vergelten. Aber die meisten Rächer stoßen irgendwann gegen eine Wand, denn egal, was sie tun – der Rachedurst kann die eigentliche Tat nicht rückgängig machen. Aber was soll’s? So nachdenklich werden die meisten Rachefilme nicht – sie ertränken einfach alle moralischen Fragen in Blut und Leichen und hoffen, dass die Action gut genug war, dass keiner irgendwelche Fragen stellt. Und was soll man sagen? Bei den meisten funktioniert es bestens – als härtestes Beispiel sei dazu nur „Punisher: War Zone“ erwähnt.

Aber was bedeutet Rache, wenn man sich nicht einmal an ihren Grund erinnern kann? Was passiert, wenn man mittendrin einfach vergisst, wen oder was man eigentlich rächen will? Christopher Nolan hat mit „Memento“ schon eine ähnliche Frage gestellt und einen sehr verzwickten Film entwickelt. Der chinesische Regisseur Johnny To greift Elemente von „Memento“ auf, um in seinem Film „Vengeance“ eben dieser Frage nach zu gehen: Was bedeutet Rache, wenn man sich nicht mehr erinnern kann, warum man eigentlich Rache will?

Der französische Restaurantbesitzer Francis Costello (Johnny Hallyday) muss seiner sterbenden Tochter ein Versprechen geben: Er soll dafür sorgen, dass die drei Männer, die ihre Familie umgebracht haben, für ihre Tat büßen müssen. Einzig mit der Information, dass einem von ihn ein Ohr fehlt, macht sich Costello auf die Suche. Zum Glück für ihn trifft er in seinem Hotel auf die Auftragskiller Kwai (Anthony Wong), Chu (Lam Ka Tung) und Fat Lok (Lam Suet), die dort gerade im Auftrag ihres Bosses Fung (Simon Yam) dessen Frau und ihren Liebhaber umgebracht haben. Gemeinsam mit den drei Killern macht sich Costello auf die Suche und wird auch schnell in Hongkong fündig. Der Rachefeldzug kann beginnen – gäbe es da nicht ein winzig kleines Problem: Costello leidet an Gedächtnisschwund, der rapide zunimmt und soweit geht, dass die von ihm angeheuerten Killer Costello erzählen müssen, was er eigentlich vor hat.

Ein Typ vergisst den Grund für seine eigene Rache – und dieses Mal kommt er nicht auf die Idee, sich Notizen zu schreiben oder sich Tattoos zu stechen. Ein paar Polaroid-Bilder müssen reichen. Wenn der Film nicht so großartig umgesetzt worden wäre, wäre das eine ziemlich alberne Geschichte. Aber Johnny To gelingt es, einen unglaublichen melancholischen Rachefilm zu drehen – ein Film, der in seinen Bildern das Thema Rache auf eine so ästhetische Art und Weise wiedergibt wie sonst kein Film davor. Das Tolle an „Vengeance“ ist, dass der Film zwar nach den gewohnten Schemata der Rachefilme verläuft, aber doch ganz andere Nuancen setzt. Es geht hier nicht um die Gewalt, sondern um die Person, die dahinter steht.

Mit dem – wie ich mir habe sagen lassen – französischen Elvis Presley, Johnny Hallyday, hat To sich einen recht eigenwilligen Protagonisten geschaffen, der aber allein schon durch seine ganze Art, als würde er die Last der Welt auf seinen Schultern tragen, mich sehr von sich überzeugt hat. Mit seinen kleinen Augen, dem Anzug und Hut wirkt Hallydays Costello wie aus einer anderen Zeit. Wie aus einer anderen Zeit wirken da auch seine Auftragskiller, die – anders als ihre sonstigen Vertreter – Herz zeigen und Costello trotz seines Gedächtnisschwundes weiter unterstützen. Es entwickelt sich eine freundschaftliche Beziehung, die über das „Ich habe euch bezahlt, also helft ihr mir“-Verhältnis hinausgeht – sogar soweit, dass sie für ihn sterben würden.

„Vengeance“ überzeugt neben seinen Darstellern auch durch ein sehr gewagtes, in diesem Fall aber funktionierendes Bilder-Konzept: Johnny To zeigt jede Action-Sequenz in überwiegend in Slow-Motion. Was bei einigen Filmen nach ein, zwei Szenen lästig wird, trägt bei „Vengeance“ zur Eleganz und Melancholie des Films bei. Für die Aufnahmen in Zeitlupe findet To sehr schöne Einstellung, so dass man sich gerne in der Langsamkeit der Bewegungen verliert – auch wenn da gerade jemand den Schädel weggeblasen bekommt.

Schöne Bilder und tolle Darsteller – trotzdem bleibt auch „Vengeance“ ein klassischer Rachethriller, der aber am Ende eine etwas andere Wendung nimmt, die uns dann einmal mehr mit der Frage beschäftigt: Was bedeutet eigentlich Rache? Und was bringt das Ganze überhaupt?

Wertung: 9 von 10 Punkten (für mich bis jetzt einer der „schönsten“ Rachefilme überhaupt – in ruhigen Bildern und enormer Sogkraft)

13 Kommentare leave one →
  1. 26. Januar 2011 06:16

    Sehr cool. Klingt sehr cool. Läuft der im Kino oder gibt’s den schon auf DVD? Ich hab noch nie was davon gehört und bin ja meist nicht gerade uninformiert. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      26. Januar 2011 07:25

      Also ich habe den im Fernsehen gesehen. Dann wird’s den Film auch schon auf DVD geben. In die Kinos hat der es bei uns, glaube ich, gar nicht geschafft.

      • 26. Januar 2011 11:41

        Ok, danke. Mal sehen ob es den irgendwo gibt.

        • donpozuelo permalink*
          26. Januar 2011 12:22

          Ja, die netten Menschen bei amazon haben den! Hab gerade nochmal geguckt 😉

  2. 26. Januar 2011 14:25

    Sehr schöne Kritik! Da bekomm ich direkt Lust, Vengeance nochmal anzuschauen.

    • donpozuelo permalink*
      26. Januar 2011 17:05

      Danke schön! Und: Willkommen!

      „Vengeance“ ist wirklich ein sehr schönes Beispiel, wie man mit dem Rache-Thema noch umgehen kann.

  3. 27. Januar 2011 11:53

    Der lief im TV? Arg, wieso hab ich ihn verpasst…hört sich nämlich wirklich gut an!

    • donpozuelo permalink*
      27. Januar 2011 12:34

      Ja, irgendwann zu späten Stunde bei einem der öffentlich-rechtlichen. Ich bin da auch eher durch dummen Zufall draufgestoßen, war dann aber – wie man hier sieht – sehr, sehr begeistert. Unbedingt nachholen 😉

  4. 29. Januar 2011 19:36

    Ja fürwahr, ein schöner Film.
    Dein Review hat ja etwas gedauert 😀
    Bin also nicht die Einzige, die Ewigkeiten für sowas braucht.

    • donpozuelo permalink*
      29. Januar 2011 21:57

      😀 Ja, ja, hin und wieder dauert das auch etwas. Kommt auch manchmal vor, dass ich es wegen Kino-Reviews nach hinten verschiebe… aber irgendwann landet es dann auch im Netz. So wie der hier 😉

  5. luzifel permalink
    1. Februar 2011 08:34

    Wow! Hab den Film gestern Abend gesehen und muss mich deiner Wertung mal wieder anschließen. Ich bin immer noch erstaunt von der Ruhe und Ästhetik, die zum Beispiel der Kampf auf dem Camping-Platz hatte. Hängen geblieben ist bei mir auch der Papierregen auf dem Schrottplatz.
    Das Ende erinnert mich an Oldboy, denn nichts ist in Ordnung und trotzdem lächeln alle aus Mangel besseren Wissens..

    Ich muss sagen, dass ich den Film nur weiterempfehlen kann..

    Grüße, Luzifel..

    • donpozuelo permalink*
      1. Februar 2011 10:25

      😀 Freut mich wie immer sehr, dass ich dir einen guten Filmabend beschert habe. Stimmt, das Ende hat tatsächlich was von „Oldboy“.

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