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Schwan oder nicht Schwan

21. Januar 2011

Getroffene, angeschlagene und verzweifelte Charaktere sind Darren Aronofskys Spezialität: Sei es der verzweifelte und verfolgte Mathematiker in „Pi“, die zerrütteten Junkies in „Requiem for a Dream“, der Wissenschaftler, der mit aller Macht versucht, den Tod zu besiegen in „The Fountain“ oder der abgehalfterte und in seiner Zeit steckengebliebene Wrestler, der mit sich und seiner Umwelt irgendwie klarkommen muss in „The Wrestler“. Aronofksy versteht es diese Figuren in Szene zu setzen – und zwar so, dass er uns schonungslos in ihre Innenleben führt und uns genau das zeigt, was sie zu solchen tragischen Figuren macht.

Mit seinem neuesten Film „Black Swan“ lernen wir nun Aronofskys neueste verzweifelte Person kennen: Nina (Natalie Portman), Primaballerina auf dem Weg zum Erfolg. Sie bekommt die Chance, die Schwanenkönigin in der Aufführung von „Schwanensee“ zu spielen. Angetrieben von ihrem harten Trainer Thomas (ein herrlich zwielichtiger Vincent Cassel), der sie zwar für den weißen Schwan perfekt, aber für den verzauberten schwarzen Schwan zu frigide findet; angetrieben auch von ihrer Mutter (Barbara Hershey), die durch die Tochter ihre eigenen Träume noch einmal aufleben lassen will; angetrieben von der Konkurrenz durch Lily (Mila Kunis), die so viel besser für die Rolle zu sein scheint, steigert sich Nina mehr und mehr in die Rolle hinein. Verzweifelt kämpft sie mit sich selbst, um die Rolle zu perfektionieren und scheint sich in ihr zu verlieren.

Nach den Wrestlern nun also Primaballerinas – man möchte meinen, dass wäre eine Stufe harmloser, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Aronofksy „Black Swan“ reißt dem ästhetisch-anmutigen Spektakel die Maske vom Gesicht und zeigt den Psychoterror hinter der schönen Fassade. Nina lebt sowohl Traum als auch Alptraum eines Tänzers. Doch der Traum wird überschattet von Selbstzweifel und Angst.

Man kann es an dieser Stelle nicht umgehen, Natalie Portmans Darstellung zu loben. Sie verschmilzt körperlich und geistig vollkommen mit ihrer Rolle – sie wird dieses dürre Etwas von einem Mensch, dass sich nur mit Mühe an den Kuchen zur Feier ihrer Rolle traut; sie wird diese verzweifelte, ehrgeizige Tänzerin, die immer und immer wieder die gleichen Folgen durchgeht, um sie zu perfektionieren und sie wird dieses Wesen, das sie nicht kontrollieren kann, weil sie irgendwann nicht mehr weiß, was noch real und was nur Fantasie ist. Der Schweiß und die Anstrengung, die Portman in die Rolle steckt, spürt man fast phsyisch. Es tut weh, ihrer Metamorphose zu zusehen – uns wie ihr, aber sie will es und irgendwie wollen wir es auch. Aber die Rolle der Nina wäre nichts ohne die Rolle ihrer Mutter. Barbara Hershey war für mich das eigentliche Scheusal des Films – ihre Mutterrolle ist es, die den größten Druck ausübt, die ihre Tochter wie einen Vogel in einem kreischpinken Käfig mit Plüschtieren und flauschigen Kissen hält, sie aber gleichzeitig immer wieder für das Ende ihrer eigenen Karriere verantwortlich macht. Und so wird es der Druck der Umwelt, der Nina dazu bringt, sich noch mehr in die Rolle des „Black Swan“ zu verlieren.

Neben den großartigen Darstellern kann man sich aber nur vor Aronofsky Handwerkskunst verneigen. Er schafft es mit unglaublicher Leichtigkeit, Tanz mit Horror zu verbinden. Die gleiche wackelige Handkamera, die schon in „The Wrestler“ verstärkt zum Einsatz kommt, wird in „Black Swan“ zum Tänzer, zum stillen Schatten von Nina. Vor allem die Tanzszenen selbst leben davon, dass die Kamera mittendrin im Geschehen ist. Das verleiht den Szenen eine unheimliche Dynamik, die einen einfach nicht mehr los lässt. Dazu kommen die gekonnt eingesetzten und perfekt getimten Schockmomente und Fantasien Ninas, dass man in den schnellen Schnittfolgen bald selbst nicht mehr weiß, was eigentlich genau los ist. Dadurch bleibt „Black Swan“ aber auch herrlich subtil und lässt den Zuschauer bis zur letzten Minute im Unklaren über Ninas wirklichen Zustand.

Viele Kritiker haben – trotz des Lobes – Aronofsky vorgeworfen, in seiner Symbolik etwas zu offensichtlich zu sein: das pinke Plüsch von Ninas Kinderzimmer, das Schwarz-Weiß von Thomas’ Büro, die Zeichnungen von Ninas Mutter oder etwa die Flügel-Tattoos auf Lilys Rücken. Aber dieses Offensichtliche hat mich nicht gestört – im Gegenteil, es hat mir eine gewisse Stabilität gegeben. Diese Dinge kann man einordnen, in Schubladen packen und ist für eine Weile beruhigt. Man meint, man sehe in Ordnung in Ninas kaltem Umwelt. Aber ist genau diese Ordnung gegen die sie letztendlich ankämpft. Oder es zumindest versucht.

Darren Aronofsky „Black Swan“ ist – nach seinen letzten beiden Filmen – wieder sehr viel düsterer, psychotischer und abgründiger. Tanzen ist bei Aronofsky nichts Schönes mehr. Es herrscht eine Boshaftigkeit unter den Tänzern, Konkurrenzkampf und Eifersucht und Härte, die man diesen zarten Wesen nicht zugetraut hätte. Ihre Bewegungen sind elegant, liebevoll und zärtlich, die Welt hinter der Bühne ist aber kalt und einsam. Und genau das zeigt Aronofsky. Es gelingt ihm mit „Black Swan“ wieder einmal, ein Paradoxon zu erschaffen: Was wir sehen, ist uns unangenehm, aber wir schauen nicht weg.

„Black Swan“ ist unglaublich, aber wenn man das Kino verlässt und so überlegt, steckt vielleicht mehr Wahrheit in dem Film als einem lieb ist. Und das ist viel erschreckender.

Wertung: 10 von 10 Punkten (Ballett ist doch nicht so schön wie es immer aussieht, aber dank Aronofskys Regie und seinen großartigen Schauspielern kann man die Augen nicht abwenden)

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22 Kommentare leave one →
  1. 21. Januar 2011 07:01

    Werde ihn mir heute Abend ansehen. Und erst dann dein Review lesen. 🙂

  2. luzifel permalink
    21. Januar 2011 09:34

    Tja.. Der Wertung kann ich nur zustimmen.. Der Film reißt mit und Natalie Portman geht mal so richtig ab in der Rolle. Die Charakterentwicklung die da vor sich geht haut einen vom Hocker.

    Übrigen hab ich die ganze Zeit vor dem Film gesessen und gedacht, dass es mich an den Anime-Thriller Perfect Blue erinnert. Den kann ich in dem Zusammenhang nur empfehlen.

    Grüße

    • donpozuelo permalink*
      21. Januar 2011 10:31

      😀 An „Perfect Blue“ habe ich auch immer wieder gedacht!!! Habe ich letztens auch gerade erst wieder geguckt.

      Ja, die Charakterentwicklung ist wirklich krass, vor allem, wenn sie diese Schwelle zum Schwarzen Schwan am Ende tatsächlich überschreitet, ist super.

  3. christiansfoyer permalink
    21. Januar 2011 12:21

    Schöne Kritik. Hab ich ja überwiegend sehr ähnlich wahrgenommen, auch wenn mir Aronofskys überdeutliche Symbolik und die offensichtlichen Schockeffekte dem Ende entgegen halt doch einen Schritt zu weit gehen und mich immer wieder eher dem Film entrissen haben, was bei mir die Höchstwertung dann doch verhindert hat. Trotzdem natürlich ein gerade in seiner Nachwirkung starker Film, für mich darin allerdings doch noch eine Stufe unter „Requiem for a Dream“ (den ich mir niiiiiieee wieder ansehen will!) und „The Fountain“

    • donpozuelo permalink*
      21. Januar 2011 12:37

      Danke! Also mich hat der Film bis zum Schluss gefesselt und auch danach noch beschäftigt, aber an dieses „Nie-wieder-sehen-wollen“-Phänomen von „Requiem for a Dream“ kommt der Film nicht ran. Muss er aber auch nicht. Klar, man vergleicht die Filme eines REgisseurs immer ganz gerne, aber so richtig miteinander vergleichen kann man die Filme ja auch nicht.
      Zumal soetwas wie „REquiem for a Dream“ auch ein sehr einzigartiger Film ist… das zu wiederholen, ist verdammt schwer. Aber ich glaube nicht, dass Aronofsky das versucht.

  4. 21. Januar 2011 13:14

    Na fein, den Schwan werd‘ ich mir auch ansehen. Klingt gut.

    • donpozuelo permalink*
      21. Januar 2011 15:30

      Willkommen!

      Und ja, den Schwan sollte man sich angucken 🙂 Der klingt nicht nur gut, der ist auch gut!

  5. 21. Januar 2011 21:04

    Hm, in dem Film kann man sich wohl verlieben oder ihn als ’nichts besonderes‘ abstempeln. Ich bin irgendwo dazwischen.
    Die Offensichtlichkeit des Films zeigt sich ja nicht nur in der Kulisse und der Symbolik, sondern verrät direkt die ganze Geschichte, vorhersehbar wie eh und je. Ich kanns nachvollziehen, warum man direkt die hohen Punkte zückt, aber allein für das Handwerk – welches super ist – reicht das nicht. Ich find der Film ist leider nicht so abgründig, hätte viel tiefer in die Psyche von Nina gehen sollen für einen Psychothriller. Ich komm nicht darüber hinaus ihn nur ‚gut‘ zu finden, obschon er handwerklich super ist, schön in Hochglanzoptik, wohl die beste Performance von Portman in ihrer Karriere beinhaltet und und und. Weiß auch nicht….werd ihn nochmal schauen, aber bis dahin hat der Film einfach keinen Mehrwert für mich, ist einfach ein normaler Psychothriller in schön. 😀

    • donpozuelo permalink*
      21. Januar 2011 21:47

      Ja, so kann man das Ganze wohl auch betrachten, und wenn ich die Rezension nicht direkt danach – noch im Rausch des Films – geschrieben hätte, wäre ich möglicherweise nicht so hoch gegangen mit meinen Punkten. Aber ich stehe zu meine Wertung, zumal der Film trotz aller Vorhersehbarkeit meiner Meinung nach immer noch ein paar nette Überraschungen liefern konnte.

      Außerdem: Wann hatten wir das letzte Mal einen so guten Psycho-Thriller im Kino??? Lang , lang ist’s her, oder?? 😉

      • 21. Januar 2011 22:45

        Stimmt schon. Dennoch hab ich den Film mit hohen Erwartungen gesehen und war danach wirklich ‚underwhelmed‘ gewesen, es hat mich irgendwie fast nichts beeindruckt ^^
        Was hat dich denn noch überraschen können?

        • donpozuelo permalink*
          21. Januar 2011 23:09

          Naja, was mich am meisten überrascht hat, war folgendes: Im Laufe des Films habe ich immer mehr Parallelen zu „Fight Club“ gesehen und hatte schon Angst, es würde auf so etwas hinaus laufen. Dass der Film dann eine andere Wendung nimmt, hat mich dann doch sehr überzeugt. Und – wie schon erwähnt – fand ich die Szenen mit ihrer Mutter immer wieder krass.

          Dementsprechend war ich „overwhelmed“ 😉

  6. Sebastian Schuster permalink
    22. Januar 2011 16:02

    Oh man, jetzt habe ich ihn gesehen und wünschte es nicht getan zu haben. Mein Filmgeschmack scheint deutlich von dem der Allgemeinheit abzuweichen. Perfekt fand ich ihn nicht; die Körnung, Weichzeichner und die wackligen close-ups sind nichts für eine große Kinoleinwand. Der Spannungsbogen wird quälend langsam gespannt. Aber die Figurendarstellung ist überaus authentisch. Trotzdem nur 7 von 10. :S

    • donpozuelo permalink*
      22. Januar 2011 18:16

      Ui, echt so schlimm??? Diese Wackel-Kamera-Geschichte fand ich jetzt nicht so schlimm und den Spannungsbogen fand ich jetzt nicht so quälend. Aber gut, da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich die Geschmäcker doch sein können 😉

  7. 29. Januar 2011 17:30

    Schlicht grandios. Gehe am Montag aber noch einmal ins Kino und werde danach mein abschließendes Urteil fällen!

    • donpozuelo permalink*
      29. Januar 2011 19:12

      😀 Ja, ich habe ihn auch schon ein zweites Mal gesehen… und da war er auch immer noch grandios.

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