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Hof der tausend Blicke

10. Januar 2011

Man sieht das angestrengte Gesicht von Jonathan Rhys Meyers in einer Nahaufnahme. Die Augen sind leicht zusammengekniffen, der Mund verzerrt, der Atem schwer. Man hört ihn leicht stöhnen. Langsam fährt die Kamera zurück und es wird offensichtlich, was der gute Mann da gerade treibt, dass er so stöhnt: Er holt sich einen runter. Die Kamera fährt noch weiter zurück und plötzlich sehen wir, dass vor Meyers eine weitere Person steht, die ihm ein Handtuch davor hält. Es geht noch ein wenig so weiter, Meyers Gesicht wird rot und dann ist schließlich alles vorbei. Die Ergüsse gehen ins Handtuch, dass der Handtuchträger dann ehrfurchtsvoll davon trägt.

Nun ist diese Episode kein Beispiel für einen spendenfreudigen Hollywood-Star, sondern vielmehr das Ergebnis von mehreren Jahren der hartnäckigen Umwerbung einer ganz bestimmten Frau – und einem damit verbundenen Sex-Embargo.

Es ist vielleicht etwas traurig, dass mir von der Serie „The Tudors“ im ersten Augenblick vor allem diese Szene einfällt, aber ich habe so herzlich gelacht, wie der von Meyers gespielte Heinrich VIII. von England in das von einem Bediensteten gehaltene Handtuch wichst, dass ich euch das nicht vorenthalten wollte. Dabei ist das natürlich nicht alles, was „The Tudors“ als Serie ausmacht.

Ich war anfangs wenig interessiert an dieser Geschichtsstunde in Serienformat, zumal die Werbung für die ersten Staffeln viel nackte Haut zeigten und somit auf wenig Niveau schließen ließ. Aber weit gefehlt, denn zum Glück sind „The Tudors“ mehr als nur die Sex-Spielchen des Königs.

In insgesamt vier Staffeln erzählt die Serie die Geschichte von Heinrich VIII., König von England. Die Staffeln 1 und 2 beschäftigen sich mit der oft verfilmten Geschichte um Heinrich und Anne Boleyn (Natalie Dormer). Heinrichs großes Problem dabei ist, dass er schon verheiratet ist – und zwar mit Katharina von Aragon (Maria Doyle Kennedy), die ihm bislang noch keinen männlichen Thronfolger schenken konnte. Heinrich fürchtet um seine Erbfolge und erhofft sich durch Anne Boleyn einen wahren Nachfolger. Schnell finden seine Berater einen driftigen Grund für die Annulierung der Ehe, doch der Papst (in Staffel 2 Peter O’Toole) weigert sich, die Ehe für nichtig zu erklären. Heinrich nutzt daher die aufkommende Reformation durch Luther und seine Gefolgsleute (die er vorher noch schwer verurteilt hatte) und reformiert Englands Kirche, indem er sich selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche ernennen lässt. Dadurch kann Heinrich selbst über sich und seine Ehe bestimmen. Katharina wird abgeschafft, Anne Boleyn wird Englands neue Königin… und versagt auch. Die spätere Königin Elizabeth wird geboren, aber kein Sohn. Heinrichs Enttäuschung wird zu Annes Untergang. Und schnell wird die nächste Frau auserkoren. In Staffel 3 wird dem König dann endlich ein Sohn geboren, doch seine Frau stirbt. Voller Trauer zieht sich der König zurück, während sein Land von Rebellionen gegen die durchgeführten Reformen geplagt wird. (Staffel 4 läuft aktuell – habe ich aber noch nicht gesehen).

„The Tudors“ ist Geschichtsunterricht, so wie er sein sollte: Spannend mit viel Drama, Sex und Gewalt. Aber es ist weniger Sex und Gewalt, die die Serie so sehenswert machen, sondern vielmehr die menschlichen Dramen, die sich am Hof abspielen. Es ist wahnsinnig spannend, die ganzen Verwicklungen und Verschwörungen am Hof zu sehen. Vor allem an der Figur der Anne Boleyn wird das extrem deutlich: Es ist hier ihr eigener Vater, der sie in die Arme des Königs drängt, um eigene Vorteile aus der Affäre zu ziehen. Aber wen der König aufsteigen lässt, den kann er auch wieder fallen lassen. Und so passiert es vielen Leuten am Hofe von Heinrich dem Achten.

Es gibt wenig, was man an „The Tudors“ bemängeln könnte. Die Serie schafft es perfekt, geschichtliche Fakten mit feinen fiktiven Elementen zu einer spannenden Unterhaltungsserie zu verpacken. Dabei sind es vor allem die Schauspieler, die wirklich gut ausgewählt sind und Großartiges vollbringen. Allen voran steht natürlich Jonathan Rhys Meyers, der diesen egozentrischen, wankelmütigen König mit einer unglaublichen Intensität spielt. Er ist mal lieb und nett, kann aber im nächsten Augenblick unheimlich Furcht einflößend werden. Meyers zeigt den König als starken Mann, der sich nimmt, was er will. Im Laufe der Serie schafft Meyers es immer wieder, die verschiedenen Facetten von Heinrich dem Achten weiterzuentwickeln. Hier zeigt sich ein teils gebrochener Mann, der in seinem Größenwahn manchmal die unmöglichsten Dinge anstellt. So gibt es eine sehr bezeichnende Episode in der dritten Staffel, die deutlich macht, dass Heinrich tatsächlich den Verstand zu verlieren scheint: In Trauer um den Tod seiner dritten Frau verschließt Heinrich sich und lässt nur noch seinen Narren zu ihm. Mit dem philosophiert er über sich, sein Königreich und andere Dinge. Kurz darauf lässt Heinrich vor seinem Rat religiöse Artikel verkünden, die er kurz zuvor von seinem Narren erzählt bekommen hat. Das letzte Bild, das wir sehen, ist der Narr, der mit einer Krone auf dem Thron sitzt und lacht.

Aber neben der großartigen Darstellung von Heinrich gibt es auch noch die zahlreichen Nebenfiguren, die ebenfalls hervorragend besetzt sind. In der ersten Staffel spielt unter anderem Sam Neill den Kardinal Wolsey (für mich eine der besten Nebenrollen der ersten Staffel), in der zweiten Staffel hätten wir dann unter den namenhaften Schauspielern Peter O’Toole als recht zynischen Papst. Einzig und allein die Besetzung von Sängerin Joss Stone als Anna von Cleve (Heinrichs vierte Frau) finde ich etwas fragwürdig. Warum spielt eine Engländerin eine Deutsche??? Aber gut…

Ein besonderes Highlight der Serie – für mich persönlich zumindest – ist vielleicht für manchen weniger wichtiger, hat mich aber immer wieder beeindruckt: Heinrichs Hof ist ein Hof der tausend  Blicke. Und irgendwie haben die Macher der Serie es geschafft, diese Blicke immer wieder einzufangen. Sei es Wohlwollen, Lust, Ärger, Wut oder einfach nur Langeweile – die Schauspieler der Serie arbeiten sehr gekonnt einfach nur durch die Blicke, die sie sich zu werfen. Es reicht meist schon ein Blick aus, um zu wissen, was welcher Figur als nächstes passieren wird. Dabei ist vor allem Meyers ein echter „Augen-Künstler“ geworden.

„The Tudors“ zeigt ein bedeutendes Stück englischer Geschichte auf viel intensivere Art und Weise als es beispielsweise ein Film jemals könnte. Die Figuren haben wirklich Zeit sich zu entwickeln. Dabei sind Staffel 1 und 2 die intensiveren, weil es sich hier hauptsächlich um die Geschichte Heinrich und Anne Boleyn dreht. Staffel 3 hat für mich nicht mehr ganz so den Reiz der ersten beiden Staffeln, trotzdem bleibt es spannend und interessant. Erstmals geht die Geschichte hier etwas aus dem Hof Heinrichs heraus und zeigt, welche Auswirkungen die Ränkespiele auf das Volk haben.

Mit der gerade laufenden Staffel 4 findet der Geschichtsunterricht dann aber auch sein Ende. Und wir sind etwas schlauer, was den Bruch der anglikanischen Kirche mit Rom und ihren Begründer angeht. Und natürlich wissen endlich alles, was man zu Heinrich und seinen Frauengeschichten wissen müssen: „Henry the Eighth to six spouses was wedded: one died, one survived, two divorced, two beheaded.“

Wertung:

Staffel 1+2: 9 von 10 Punkten (Aufstieg und Fall der Anne Boleyn – was eine Frau doch alles bewirken kann, zeigen die ersten beiden Staffeln von „The Tudors“)

Staffel 3: 8 von 10 Punkten (es bleibt zwar spannend, hat aber nicht mehr ganz die Intensität der ersten Staffeln)

10 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    12. Januar 2011 20:15

    Zum Text habe ich nicht viel hinzuzufügen, in der Bewertung würde ich wohl je einen Punkt runtergehen. Wie auch immer, gut gemacht und mit einem wirklich überragenden Rhys Meyers. Nicht unbedingt spannend und auch nicht immer historisch akkurat, aber wirklich unterhaltsam.

    • donpozuelo permalink*
      13. Januar 2011 10:39

      Ach, spannend fand ich es teilweise schon…. auch wenn sich diese Spannung eher darauf bezieht, wann endlich der nächste Kopf rollt und wodurch der König darauf aufmerksam wird.

      Historisch akkurat ist die Serie zum größten Teil schon, natürlich wurde hier und da – zum Unterhaltungszweck – etwas umgeändert oder dazu geschrieben. Im Großen und Ganzen stimmen die Geschichten wohl aber schon. (Zumindest das, was ich so gelesen habe).

      Aber ich bin froh, dass sie es auf 4 Staffeln beschränken, da man schon in Staffel 3 merkt, dass die Luft so langsam raus. Auch wenn ich Rhys Meyers als Heinrich vermissen werde 😉

  2. sebastian schuster permalink
    13. Januar 2011 19:23

    Anfangs war ich auch skeptisch, aber das Konzept der Serie stimmte einfach. Gute Schauspieler, Charaktergesichter, Kostüme und Kulissen vom Feinsten und ein Drehbuch, das facettenreich das Leben am Hofe illustriert. Schade nur, dass die historische Wahrheit wohl doch kürzer kommt, als es Unwissende wie ich wahrnehmen können. Auf Wiki (http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tudors) kann man das ganz gut nachlesen. Toll aber, das Gesichte so unterhaltsam und eindrucksvoll aufbereitet werden kann. Ich frage mich, ob man dies nicht auch mal in Deutschland versuchen sollte.

    • donpozuelo permalink*
      14. Januar 2011 07:44

      Zur Serie muss ja nichts mehr gesagt werden 😉

      Zur Frage, ob Deutschland so was nicht auch machen könnte, gibt’s ein klares NEIN: Wenn die Filmemacher sich mit Geschichte befassen, dann nur in üblen TV-Zweiteilern, die sich dann auch nur mit DDR-Geschichte befassen. Was Serien angeht, sind die Produzenten hier mehr als nur vorsichtig: deutsche Serien scheinen nur als Daily-Soaps zu funktionieren. Alles andere – alles gute – wird lieber importiert.

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