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Sie hat die Haare schön!

15. Dezember 2010

Es war einmal ein Trickfilm-Studio. Das war wirklich allererste Sahne. Man könnte fast sagen, es war das Beste. Was aber möglicherweise auch daran liegen konnte, dass es das Einzige war, das auch nur halbwegs erwähnenswert gewesen ist. In diesem Studio wurden zahllose und zeitlose Klassiker geschaffen, die sowohl von der Kritik als auch vom Publikum geliebt wurden. Aber irgendwann gab es Streit, einige Leute in den oberen Etagen dieses Studios gingen und schufen ein neues. Und der Kampf begann… um die Vorherrschaft, um die Gunst des Publikums und um die besseren Zeichentrick- bzw. Animationsfilm.

Jetzt präsentiert uns eben dieses Studio seinen 50. Film. Die Rede ist zum einen natürlich von den Disney Studios und zum anderen von ihrem neuesten Machwerk „Rapunzel – Neu verföhnt“. Disney bleibt der Märchenschiene treu, aber wie schon im vergangenen Jahr mit „Küss den Frosch“ bekommt das Grimmsche Märchen um die Frau im Turm mit den langen Haaren einen Neuanstrich. Doch dieser Neuanstrich ist im Gegensatz zu „Küss den Frosch“ nicht ganz so weit entfernt vom Original: Während man im letzten Jahr die Prinzessin nach dem Kuss selbst zu einem Frosch werden ließ, bleibt Rapunzel Rapunzel. Die Haare sind immer noch blond, immer noch ewig lang und immer noch der Weg des holden Retters in den Turm. Doch der holde Retter ist kein Prinz, sondern nur ein einfacher Dieb, den Rapunzel überwältigt und ihn zwingt, sie zum Schloss des Landes zu bringen, wo jedes Jahr zu ihrem Geburtstag Lichter in den Himmel aufsteigen. Rapunzel macht sich also auf den Weg – sie widersetzt sich ihrer Mutter, die gar nicht ihre Mutter ist und lernt die Welt außerhalb ihres Turmes kennen.

„Rapunzel – Neu verföhnt“ ist ein witziger Disney-Film, der aber verzweifelt versucht, an alte Erfolge anzuknöpfen. Im letzten Jahr war ich noch voller Freude, weil „Küss den Frosch“ ohne 3D und sonstigen Kram auskam, sondern tatsächlich noch in routinierter Handarbeit gezeichnet wurde. „Rapunzel“ kommt nun voller Action in 3D… aber gut, wen interessiert’s? Jeder Film, der zur Zeit was auf sich hält, kommt in 3D. Und Disney kann es sich leisten, dementsprechend gibt es an der technischen Seite rein gar nichts zu meckern. „Rapunzel“ sieht gut aus in 3D.

Allerdings sieht der Rest etwas lahm aus. Disney versucht die Geschichte zwar etwas aufzulockern und hier und da vielleicht etwas Ironie mit reinzubringen, am Ende sind diese Bemühungen aber wenig erfolgreich. Die tatsächlichen Lacher bringen nämlich nicht Rapunzel und ihr Dieb, sondern zwei Nebenfiguren: Rapunzels Chamäleon Pascal und das Schlosspferd Maximus, das sich eher für einen Bluthund hält. Erstaunlicherweise sprechen die Viecher mal nicht, sorgen aber mit ihren zahlreichen Slapstick-Einlagen für gut plazierte Lacher, die tatsächlich auch witzig sind.

Insgesamt ist die Geschichte von „Rapunzel“ wie bei jedem Disney-Film gleich – ob nun neu verföhnt oder nicht. Der Kampf Gut gegen Böse mit einer Prise Dramatik, Comedy und Liebe. Allerdings schaffen die Macher von „Rapunzel“ es nicht, wirklich liebenswerte Figuren zu schaffen. Wenn ich da nur an „Das Dschungelbuch“, „König der Löwen“ oder irgendeinen der alten Film denke – hach… das waren noch Geschichten, das waren noch richtige Charaktere. „Rapunzel“ und Co bleiben da relativ oberflächlich und sind – zumindest für Erwachsene – schnell zu durchschauen.

Es ist eigentlich echt schade, dass man aus dieser Neu-Verföhnung nicht mehr gemacht hat. Vor allem wenn ich mir denke, dass man Rapunzels Haar in diesem Film verzaubert hat. Aber statt vielleicht aus dem riesigen Haarwuchs eine eigene Persönlichkeit zu machen, leuchtet es nur schön, wenn Rapunzel singt.

Apropos Singen: Ich will ja nicht in das alte „Früher war alles besser“-Thema verfallen, aber die Songs in einem Disney-Film waren auch schon mal besser. Ich meine, verflucht noch eins, die waren früher richtig gut. Man konnte sie mitsingen, ich habe sogar noch alte Kassetten zu Hause und man hört die Sachen einfach immer wieder gern. Selbst bei „Küss den Frosch“ war die Mischung aus Jazz und Blues einfach nur der Hammer. Aber „Rapunzel“ ist – was die Lieder angeht – eine komplette Niete. Kein einziges Lied, das wirklich zum Mitwippen einlädt: Der Song des Bösewichts (immer ein Hit) ist einfach nur miserabel, das große Liebesduett ist auch etwas flach und der lustige Song der Sidekicks (in diesem Fall eine Bande von Räubern) konnte mich nur sehr halbherzig zum Mitwippen bewegen.

Alles in allem ist „Rapunzel – Neu verföhnt“ tatsächlich eher ein Film für die kleinere Zuschauergruppe. Was denn unterschwelligen, ironischen Beigeschmack betrifft, haben wir bessere Alternativen. Ein wenig mehr Mut zu einer tatsächlichen Neu-Verföhnung hätte ich mir schon gewünscht – ich sage nur: „Lasst das Haar sprechen!“. „Rapunzel“ ist zwar Disney, aber der wahre Disney-Fan wird hier nicht so viel Freude haben wie bei den alten Klassikern.

Wertung: 6 von 10 Punkten (gut für die Kleinen, Mittelmaß für die Großen – und wo zur Hölle waren die guten Disney-Songs???)

4 Kommentare leave one →
  1. 20. Dezember 2010 17:41

    Sehr schöner Text, danke schön!
    Mich ödet der ganze 3D-Hype langsam an. Was bringt der denn (ausser hohe Einnahmequoten)? Jeder Kinderfilm muss heute 3D sein. Und computeranimiert. Und laut. Und schnell.
    Schade. Als Anhänger der guten alten Disney-Klassiker (1937 – 1969) könnte ich heulen. Aber das bringt ja nix. Ich hoffe weiterhin auf handgezeichnete Filme. „Küss den Frosch“ hat mir zwar auch nicht besonders gefallen, aber das war immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Finde ich.

    • donpozuelo permalink*
      20. Dezember 2010 22:42

      Willkommen! 🙂

      Ja, „Küss den Frosch“ hatte tatsächlich Nostalgie-Wert 😉 Ob das aber so beliebt ist, bleibt fragwürdig. Ich denke mal, dass der Hype um 3D noch etwas weitergehen wird, bis es sich dann auslebt, weil wahrscheinlich jeder Film in 3D zu sehen sein wird. Ich finde, es muss nicht 3D sein, um mich ins Kino zu locken. Es kommt auf die Geschichte an, nicht auf das Technik-Tamtam. Auch wenn das manchmal ganz nett anzuschauen ist 😉

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