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Frankensteins Erben

13. Dezember 2010

Viktor Frankenstein hat es vorgemacht: Man nehme ein paar Leichenteile, ordentlich Faden und ein bisschen Elektrizität und fertig ist der künstliche Mensch. Blöd nur, wenn der dann ein bisschen Amok läuft, Menschen fast zu Tode erschreckt und so gar nicht wieder eingefangen werden will. Statt sich liebevoll um seinen künstlichen Sohn zu kümmern, muss Frankenstein ihn jagen. Und bezahlt am Ende einen bösen Preis.

Mary Shelley erschuf mit ihrem Viktor Frankenstein nicht nur den Wissenschaftler, der zu gerne Gott spielt, sondern gleichzeitig auch eins der beliebtesten Monster neben Dracula und dem Werwolf. Dabei ist ihr Monster ja eigentlich gar kein richtiges, böses Monster, aber was die Zeit und zahlreiche Filme daraus machten, hat nicht mehr viel mit dem Original zu tun. Immer wieder erschaffen Wissenschaftler in Filmen fiese Monster, die dann frei herumlaufen, den Himmel anbrüllen und blutige Rache nehmen… an ihren Schöpfern oder wer sonst gerade so im Weg steht. Da ist es doch immer wieder nett zu sehen, wenn sich mal jemand dem Viktor-Frankenstein-Thema annimmt, es aber auf eine ganz andere Art und Weise präsentiert.

Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) sind Frankensteins Erben, experimentieren mit tierischer DNS und erschaffen so zwei merkwürdige Wesen namens Ginger und Fred (mit Ginger Rogers und Fred Astaire haben die aber nichts gemein, sie erinnern eher an zwei verschrumpelte Penisse). Für die Forschung ein enormer Erfolg, aber die beiden wollen mehr. Und so züchten sie aus ihrer eigenen DNS und der von Ginger und Fred ein neues, menschenähnliches Wesen namens Dren. Bei Elsa kommen sofort Muttergefühle für die Kleine auf, während Clive noch Bedenken hat – vor allem, wenn deutlich wird, wie schnell Dren sich entwickelt. Zu schnell…

Ich hatte erwartet, dass „Splice“ ein typischer Monster-Horror-Streifen ist, aber das ist er nicht. Ich hatte auch geglaubt, dass „Splice“ sich stark an dem Film „Species“ orientiert, aber auch das tut er nur bedingt. Als mir klar wurde, dass „Splice“-Regisseur Vincenzo Natali unter anderem auch für „Cube“ verantwortlich war, wusste ich nicht mehr, was ich erwarten sollte. Und damit spielt der Film auf grandiose Weise.

Natali verwendet viele klassische Elemente des Horror- und Monsterfilms, baut hier und da gekonnte Schockmomente ein, lässt auch hin und wieder mal ordentlich Blut spritzen, aber im eigentlichen Sinne ist sein „Splice“ eher ein Familienmelodram. Zugegeben, es geht dabei um eine sehr skurrile Familie, aber das unterstreicht den teilweise recht fiesen Humor, der „Splice“ durchzieht. Der Film konzentriert sich auf das merkwürdige Familienleben, aber über der Idylle, die Clive, Elsa und Dren leben, hängt ein Damoklesschwert. Das Wissen, dass das traute Familienleben bald ein böses Ende nehmen könnte, zeigt Natali aber nicht direkt, sondern durch Ginger und Fred, die damit ihren Platz in dieser Geschichte als kleine, hässliche Propheten einnehmen und dem Zuschauer sagen: Bald ist das Melodrama perfekt: mit Chaos, Tränen und viel Blut.

Erst zum Ende hin entscheidet sich Regisseur Natali, sein Monster von der Leine zu lassen. Und mit Delphine Chaneac als erwachsener Dren erschafft das Filmteam eines der schönsten und zugleich tötlichsten Monster überhaupt. Das Monsterdesign ist dabei unheimlich gut gelungen – Dren zeigt mehr versteckte „Talente“ als man glauben mag. In ihrer Entwicklung und in dem, was sie später erst mit Papa und dann mit Mama tut, erinnert Dren schon ein wenig an Natasha Henstridge aus „Species“. Aber auch hier schafft es Natali gekonnt, die Erwartungen des Zuschauers zu umgehen und stattdessen mit wieder einmal sehr fiesem Humor den Plot in eine andere Richtung zu lenken.

Insgesamt ist „Splice“ ein sehr gelungener Monsterfilm, der sich erst relativ spät dazu entscheidet, sein Monster frei und wild herum laufen zu lassen. Davor gibt es zwar immer wieder leise, gut getimte Schockmomente, für lange Zeit bleibt der Film aber tatsächlich mehr ein etwas verrücktes Familienmelodram. Und ich glaube, das hat mich am meisten fasziniert an dem Film: Er spielt einfach wunderbar mit den Erwartungen des Zuschauers. Es ist ein Monster-Horror-Film, aber ganz ohne die üblichen Klischees. Es ist ein Film über eine Familie, die merkwürdiger nicht sein könnte. Und es ist Frankenstein ohne richtiges Monster. Man kann viel von „Splice“ erwarten, aber es wird noch abgefahrener als man denkt. Wer gute Unterhaltung mit leichtem Trash-Faktor erwartet, der wird mit „Splice“ aber auf jeden Fall belohnt.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein wunderschönes Monster, das selbst Viktor Frankenstein behalten hätte – und ein witziger Streifen, der mit den Erwartungen spielt)

23 Kommentare leave one →
  1. 13. Dezember 2010 08:41

    Bampf. Sehr schön. Stimme völlig mit dir überein. Super neuartig der Film. Sowohl inhaltlich als auch optisch. Allein deswegen schon sehenswert.

    Mir gefielen die „Awkward-Szenen“ besonders gut. Stichwort: Sex und Vergewaltigung. Sehr gewagt und angenehm subtil schockend.

    Und: Gutes Review mit sehr passender Einleitung. Allerdings hast du ein bisschen gespoilert, wenn du sagst, dass die beiden ihre eigene DNS verwenden.

    • donpozuelo permalink*
      13. Dezember 2010 11:30

      Danke, danke!

      Ja, diese Sexszenen waren schon ziemlich krass.

      Aber ist es wirklich spoilern – das mit der DNS? Das wird doch eigentlich im Film deutlich gesagt. Wenn nicht… upps und Verzeihung. Sollte jetzt ja aber auch nicht zu schlimm, oder??? Der Film lässt sich trotzdem noch wunderbar genießen 😉

      • 13. Dezember 2010 14:15

        Nein. Eigentlich ist es ja eine „Überraschung“, die Brody bemerkt, als er mit ihr tanzt.

        • donpozuelo permalink*
          13. Dezember 2010 15:26

          Ok, hast recht! Aber ich denke, man kann es verkraften, diese kleine Detail zu kennen. 😉 War auch eher unbeabsichtigt von mir, versuche sonst immer so wenig wie möglich zu spoilern.

  2. 13. Dezember 2010 16:02

    Ich habe mal ein Buch von Hanns Heinz Ewers gelesen, „Alraune“, da ging es ebenfalls um ein künstlich erzeugtes, Männer verführendes und ermordendes Geschöpf. Ich habe Splice noch nicht gesehen, aber ich muss bei allen Trailern und Rezensionen zum Film, die ich bisher kenne, an dieses Buch denken. Ich glaube, nächstes Wochenende werde ich mir den endlich mal ausleihen, deine Kritik ist bisher die positivste, die ich dazu gelesen habe, und hat mich jetzt verdammt neugierig gemacht 🙂

    • donpozuelo permalink*
      13. Dezember 2010 16:22

      Das Buch und der Film haben tatsächlich einige Parallelen, aber sie direkt miteinander zu vergleichen, wäre nicht ganz richtig. Das Grundthema stimmt, aber der Film geht in eine etwas andere Richtung als das Buch. Wie gesagt, es geht mehr in Richtung „Species“ mit fieserer Wendung…. 😉

      Also freu dich auf einen guten DVD-Abend!!!

      • 13. Dezember 2010 16:56

        Das freut mich, denn „Alraune“ war zu etwa 90 Prozent sterbenslangweilig 😉

        • donpozuelo permalink*
          13. Dezember 2010 17:04

          😀 Keine Sorge! „Splice“ ist zu etwa 99 Prozent richtig, richtig gut!

  3. 13. Dezember 2010 20:10

    Stimmt, wunderbarer Film. Zum Schluss hin etwas grenzwertig und übertrieben, aber im Großen und Ganzen sehr Hip und innovativ.

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2010 11:15

      Übertrieben? Weiß ich nicht. Grenzwertig? Ein wenig schon, da hast du Recht 😉

      • 14. Dezember 2010 21:00

        Ich meine Geschlechtsumwandlung und Vergewaltigung fand ich dann einen Tick zu viel.

        • donpozuelo permalink*
          14. Dezember 2010 21:50

          Jetzt verrat doch nicht so viel 😉 (aber ja, da gebe ich dir Recht, mit sowas rechnet man nicht und dann trifft es einen schon ganz schön hart)

      • 14. Dezember 2010 21:53

        schuldigung, fühlte mich so in erklärungsnot ^.^

        • donpozuelo permalink*
          14. Dezember 2010 21:57

          😀 kein problem.

  4. 14. Dezember 2010 18:42

    Als es noch klein fand ich das Viech noch ganz niedlich…but then ^^

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2010 19:29

      Echt? als es klein war, sah es irgendwie creepy aus. da hat mir die größere variante schon etwas besser gefallen 😉

  5. 15. Dezember 2010 21:49

    Ich erschaudere vor deinem Frauen Geschmack XDD

    • donpozuelo permalink*
      16. Dezember 2010 12:03

      😀 Ja, Frauen, die durch EXperimente einen riesen Giftstachel haben, finde ich immer äußerst erregend 😛

      • luzifel permalink
        17. Dezember 2010 23:51

        Jaja.. Rule 34 – no exceptions ^^

        Ich möchte den Film übrigens ebenfalls sehr und kann die hohe Wertung vollkommen nachvollziehen und begrüßen!

        Grüße, Luzifel..

        • donpozuelo permalink*
          18. Dezember 2010 11:38

          😀 Vielen Dank!!!

Trackbacks

  1. Versteckspiele im Gras | Going To The Movies

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