Skip to content

Brügge liegt in Belgien!

22. November 2010

Ich könnte jetzt wieder eine Grundsatzdiskussion darüber anfangen, wie albern deutsche Filmtitel sind. Immer wieder gibt es die skurrilsten Erfindungen, wenn es darum geht, einen deutschen Titel zu finden. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist zwar immer noch der Action-Film „Taken“ mit Liam Neeson, der aus unerfindlichen Gründen zu „96 Hours“ wird. Aber aus „In Bruges“ „Brügge sehen… und sterben“ befindet sich definitiv unter den merkwürdigsten „Übersetzungen“. Aber ich lasse diese Diskussion, sie würde doch nur ablenken: Auch wenn der Titel mehr als nur bescheuert ist, so ist der Film das genaue Gegenteil davon.

Die beiden Auftragskiller Ray (Colin Farrell) und Ken (Brendan Gleeson) reisen im Auftrag ihres Bosses Harry (Ralph Fiennes) nach Brügge. Dort sollen sich nach einem missglückten Attentat in London untertauchen – und auf den Anruf von Harry warten. Während Ken, der ältere von beiden, sich sehr für Brügge begeistern kann, kotzt Ray so richtig ab. Aber dann lernt er eine hübsche Einheimische und einen amerikanischen, kleinwüchsigen Schauspieler kennen, die den Aufenthalt in Brügge etwas besser aussehen lassen. Aber dann kommt der Anruf von Harry… und Brügge wird nicht mehr der ruhige Ort in Belgien, der er vorher war.

Es gibt ja immer wieder Filme, bei denen man behauptet, die Schauspieler würden alles Wichtige im Film ausmachen. Gut, für „Brügge sehen… und sterben“ ist das durchaus zutreffend, aber längst nicht das einzige, was diesen Film wirklich gut macht. Gleeson und Farrell geben ein köstliches Team ab: der Alte und der Nörgler. Teilweise benimmt sich Ray wie ein kleines, bockiges Kind – sein ständiges Gemecker über das „blöde Brügge“ ist äußerst amüsant. Amüsant, aber etwas unpassend, denn wie sowohl Harry als auch Ken feststellen, ist Brügge märchenhaft. Und wird damit zum „heimlichen“ Megastar des Films: Diese mittelalterliche Kulisse, mit diesen kleinen Grachten, Fachwerkhäusern und alten Kirchen würde jeden Mittelalter-Film bereichern. Aber es genügt auch für diesen Film.

Es ist ein fast unberührtes Kleinod, dass durch die Ankunft der beiden Engländer – der eine mies gelaunt, der andere genervt – beschmutzt wird. Obwohl… dieser Schmutz liefert herrlich guten Stoff für die skurrilsten kleinen Geschichten: Da wäre die mehr als nur angebrachte Häme gegen fette amerikanische Touristen, eine kleine, aber feine Auseinandersetzung im Raucherabteil eines Restaurants, ein merkwürdiger Filmdreh und die wohl beste Prophezeiung, überhaupt: Es wird ein Krieg kommen, ein Krieg zwischen Schwarzen und Weißen. Orakel dieser Weissagung ist der kleinwüchsige, leicht rassistische Schauspieler, den Ray kennenlernt. Somit wird aus einer einfachen Auftragskiller-verstecken-sich-Geschichte eine typisch schwarze britische Komödie.

„Brügge sehen… und sterben“ entwickelt sich sehr gemählich und mit ruhigen Bildern, aber das täuscht. Ziemlich früh wird deutlich, dass zumindest Ray ein unangehmes Geheimnis hat. Ein Geheimnis, dass bald alles Beteiligten zum Verhängnis wird. Somit schafft es Regisseur Martin McDonagh aber auch, seinen Film mehr werden zu lassen als eine einfache schwarze Komödie. Es kommt etwas Dramatik, etwas Menschliches in den Film, der aber zum Ende hin auch nicht mit Kunstblut spart. Das ist vielleicht das Einzige, was mich tatsächlich gestört hat, der krasse Cut zum Ende hin und aus dem beschaulichen Örtchen Brügge wird die Hölle Brügge – und das fast im wahrsten Sinne des Wortes.

Bleibt nur noch die Frage, was der Film für Brügge bedeutet? Noch mehr Touris? So lange sie nicht wie Ray und Ken sind… und auch keine fetten Amis dann dürfte ja alles ganz gut sein.

Wertung: 9 von 10 Punkten (so bitterböse können auch nur Engländer sein… zumindest sind wir dann jetzt auch vor dem kommenden Krieg gewarnt)

Advertisements
22 Kommentare leave one →
  1. 22. November 2010 10:14

    Oh ja, kann ich nur zustimmen. Hat mir auch exzellent gefallen, der Film.

    • donpozuelo permalink*
      22. November 2010 17:25

      Das ist mal so ein Film gewesen, wo ich mir immer gesagt habe: „Irgendwann muss ich auch mal nach Brügge!“ Sieht wirklich sehr zauberhaft aus 😉

  2. 22. November 2010 20:26

    Noch mehr Touris?

    Jop. Wir haben diesen Film zum Anlass genommen dem „Venedig des Nordens“ einen Besuch abzustatten. Und was soll man sagen: Die Stadt ist noch schöner als im Film. Natürlich. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      22. November 2010 21:13

      😀 Find ich gut.

      Mich würde ja mal eine Statistik zum Zuwachs des Tourismus nach Veröffentlichung dieses Filmes interessieren. Da ist sicherlich einiges zusammengekommen. Und bestimmt noch ein paar mehr fette amerikanische Touris, die man ärgern kann…

  3. Dr. Borstel permalink
    22. November 2010 21:13

    Ich habe da nichts hinzuzufügen, außer einem weiteren Punkt und dem Hinweis: Die deutsche Übersetzung des Filmtitels ist nicht im Geringsten merkwürdig, sondern eine Hommage an den Filmklassiker „The Honey Pot“ – ebenfalls eine schwarze Komödie, die im Deutschen den Titel „Venedig sehen… und erben“ trägt. (Nicht verbürgt, das habe ich mir selbst zusammengereimt. 😉 ). Und damit sind an diesem Film deutsche Übersetzung und auch Synchronisation ebenso makellos wie alles andere. I call it Meisterwerk.

    • donpozuelo permalink*
      22. November 2010 21:26

      Aha… wieder was dazu gelernt.

      Aber ich muss auch sagen, dass die deutsche Synchro echt in Ordnung sind. Obwohl ich auf sowas verzichte, wenn ich die DVD im Schrank stehen habe. 🙂

    • 23. November 2010 23:25

      Krass, wusst ich auch nicht. Hab mich auch schon sehr geärgert über diese Taglines…

  4. 22. November 2010 23:09

    Genau, wunderbarer Film und der einzige, in dem ich Colin Farrel wirklich mag.
    Und ich liebe Zwerge äh, ich meine kleinwüchsige Menschen :))

    • donpozuelo permalink*
      23. November 2010 11:02

      Echt der einzige???

      „Nicht auflegen“ und „Der Einsatz“ fand ich jetzt auch nicht so schlecht. Obwohl am besten ist immer noch sein Gastauftritt bei „Scrubs“ 😉

      • 23. November 2010 18:32

        „Bitte Auflegen“ fand ich langweilig und „Der Einsatz“… also ich weiß nicht, ist doch auch ein grausamer Streifen 😉
        Für „Scrubs“ habe ich nicht die Nerven und darum nie eine Folge durchgehalten.
        Farrell ist immer so gleich. Der niedliche Hundeblick reicht einfach nicht immer, aber hier passt das wie die Faust aufs Auge 😀

        • donpozuelo permalink*
          23. November 2010 18:57

          Keine Nerven für „Scrubs“??? Kann ich ja gar nicht verstehen 🙂

  5. 23. November 2010 18:02

    Ich gebe dir natürlich recht: Der Film ist hervorragend. Der Titel stammt wahrscheinlich vom alten Sprichwort „Neapel sehen und sterben“ ab, weil früher Neapel als die schönste Stadt galt – also hatte man alles wichtige erlebt und konnte getrost sterben (Ich danke meinem Deutschlehrer;-) ). Insofern passt der Titel ja auch ganz gut zu der Stadt Brügge – die ich mir als Tourist auch irgendwann mal ansehen möchte.

    • donpozuelo permalink*
      23. November 2010 18:56

      Oh, eine neue Theorie, was den Namen angeht. Ob nun Neapel oder Venedig (wie Dr. Borstel meint)… es klingt beides plausibel. Aber da sieht man mal wieder, was so eine Übersetzung für eine Diskussion auslösen kann. Da ist „In Bruges“ schon ziemlich einfach…. sollte ich also „Brügge sehen und sterben“ tatsächlich als guten Titel verbuchen???

      Egal, ein guter Film ist es auf jeden Fall… und so wie es aussieht, werden wir uns alle irgendwann in Brügge treffen 😀 😀 😀 das große Blogger-Treffen in Brügge – auf dem Kirchturm 😉

  6. 23. November 2010 23:27

    Witzig, hab mich auch schonmal über die Übersetzungen und Taglines der deutschen Versionen aufgeregt und hab auch das Beispiel ,,96 Hours“ genannt, wo mir immer noch ein Rätsel ist, warum man nicht einfach ,,Taken“ beibehalten hat. Ist echt komisch…

    Zum Film: Zustimmung auf jeder Linie. Unglaublich witzig und toll eingefangen =)

    • donpozuelo permalink*
      24. November 2010 08:20

      Ich glaube, die Titel-Thematik beschäftigt mehr Menschen als gedacht. Dabei ist „Taken“ aber wirklich ein schönes Beispiel dafür, dass ein einfacher Titel noch komplizierter werden kann. 😉

  7. 25. November 2010 08:45

    Sehr sehr SEHR cooler Film. Fiennes hat mich aus den Socken gehauen. Hab mir aber seine Szenen nochmals als Synchro angesehen…und die funktionieren definitiv NICHT auf Deutsch.

    • donpozuelo permalink*
      25. November 2010 10:34

      Naja, fürs Kino war’s in Ordnung mit der Synchro, aber spätestens auf DVD gucke ich nur noch im Original… und das kann keine Synchro toppen – egal wie gut sie ist.

Trackbacks

  1. Ich will mich nur erinnern! « Going To The Movies
  2. Psychopathen sind auch nur Menschen « Going To The Movies
  3. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies
  4. Meine To-See-Liste 2018 | Going To The Movies
  5. Mamas wütende Plakat-Werbung | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: