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Eng und dunkel

19. November 2010

Die Werbung ist endlich vorbei, der Eismann hat seine letzte Runde gemacht und auch die letzten Trailer sind über die große Leinwand gelaufen. Dann endlich geht’s los. Mit einem etwas mulmigen Gefühl sitze ich im Kino, denn auch wenn der Film des Spaniers Rodrigo Cortes „Buried“ eine spannende Ausgangsposition hat, weiß ich nicht so richtig, ob mich das fast anderthalb Stunden fesseln wird.

Der Vorspann läuft (und ich denke mir, warum gibt es eigentlich in letzter Zeit so wenig Filme, die einen wirklichen Vorspann haben???) und dann… wird alles schwarz. Eine Minute vergeht, dann noch eine und noch eine. Fast schon möchte ich aufstehen und dem Filmvorführer meine Meinung geigen: „Hören Sie mal, ich habe Geld bezahlt und jetzt läuft der Film nicht richtig! Tun Sie gefälligst was!!!“ Aber dann hört man ein leises Scharren, ein Schnaufen und urplötzlich flammt ein Licht auf. Der Film funktioniert also… fast jedenfalls.

Das Gesicht, dass wir im Halbdunkeln erkennen können, ist das von Ryan Reynolds a.k.a Paul Conroy. Paul wacht plötzlich in einem Sarg auf. Warum und wieso weiß er nicht. Alles, was der Truckfahrer weiß, ist dass er im Irak angegriffen worden ist. Und jetzt liegt er in diesem Sarg – lebendig begraben. Außer einem Telefon (das erstaunlicherweise Empfang hat) und einem Zippo-Feuerzeug (wir danken Zippo und steigern gleich einmal die Verkaufszahlen) hat Paul nicht viel. Weder viel Bewegungs- noch Sichtmöglichkeiten. Irgendwann klingelt das Telefon und Paul weiß zumindest ein wenig mehr: Er ist entführt worden und eine Geisel.

Zugegeben, story-technisch ist „Buried“ nicht unbedingt sehr ausgereift. Das Drehbuch versucht ein wenig politisch zu sein, spielt aber nur mit Klischees rum – nach dem Motto „Jeder Amerikaner ist im Irak ein gefundenes Fressen für erbarmungslose Terroristen!“ Fast schon ein wenig skurril kommt dann noch die Tatsache daher, dass Paul – während er im Sarg liegt – von seinem Chef gekündigt wird: Große Unternehmen feuern lieber ihre kleinen Mitarbeiter, bevor diese noch Ansprüche geltend machen könnte.

Cortes schafft es aber trotzdem über diese kleinen Mängel hinwegzutäuschen, ist sein „Buried“ doch vor allem ein optisches Highlight – auch wenn man gar nicht so viel sieht. Zu keinem einzigen Zeitpunkt verlässt der Film den Sarg, in dem Paul liegt. Die Enge und Dunkelheit breitet sich irgendwann fast fühlbar auf den Kinosaal aus. Es wird einfach nicht heller: Paul hat ein Feuerzeug, ein Telefon, irgendwann findet er am Fußende noch eine alte Taschenlampe. Mehr Licht gibt es aber nicht. Ein Sarg ist ein Sarg und wir sitzen da mit drin.

Ryan Reinolds vollbringt großes in diesem kleinen engen Ding. Wenn man überlegt, dass der Fillm in 17 Tagen abgedreht wurde und Reynolds dafür oft Stunden in dem Sarg verbracht hat, dann spürt man förmlich die Angst und Verzweiflung – auch wenn Reynolds Darstellung oft weniger panisch ist, als ich sie mir gewünscht hätte. Immerhin reden wir hier vom Lebendig-Begraben-Sein. Ein paar mehr Schreie hätten es dann schon sein dürfen. Was Reynolds aber hin und wieder versäumt, macht Cortes durch Kamera und Schnitt wieder wett. Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, aber Cortes findet noch so krasse Kamerawinkel, um Reynolds in seinem engen Gefängnis zu filmen. Mal dreht sich die Kamera um 360-Grad, mal klebt sie förmlich an Reynolds Gesicht. Man beachte, dass Cortes‘ Team insgesamt sieben Särge verbraucht hat, dann weiß man schon, dass sie sich in Sachen Perspektive einige Mühe gegeben haben.

Paul Conroy ist leider nicht die Braut aus „Kill Bill II.“ und so muss er darauf hoffen, dass ihm die Menschen da draußen irgendwie helfen. Der ganze Film basiert auf Reynolds Darstellung und den Gesprächen, die er am Telefon führt. Anfangs ist das sehr verwirrend, beginnt aber nach einer Weile ein spannendes Hin-und-Her zwischen Terroristen („Mach ein Video!“) und einer Regierungsgruppe („Machen Sie um Gottes Willen kein Video!“) zu werden. Paul Conroy ist in diesem Wirrwarr gefangen und wir als Zuschauer mit ihm.

„Buried“ ist eine Erfahrung, die man wirklich im Kino machen muss (oder später auf DVD in einem abgedunkelten Wandschrank). Denn nur im Dunkeln taucht man vollkommen in dieses Kinoerlebnis ein. Ein Erlebnis mit einem hollywood-untypischen Ende (das der gewitzte Kinogänger aber schon fünf Minuten vor der Auflösung erahnt und dann trotzdem überrascht sein wird, dass sie es tatsächlich genauso gemacht haben) – eine Ende aber, das auch extrem unter die Haut geht. Die Story ist zwar etwas unausgereift, aber dennoch ist „Buried“ ein sehenswerter und spannender Film mit einem wunderbar agierenden Ryan Reynolds und einer fantastischen technischen Umsetzung eines ekelhaften Albtraums.

Wertung: 8 von 10 Punkten (die grauenhafte Vorstellung, lebendig begraben zu sein, wird hier auf sehr realistische Weise umgesetzt – auch wenn ich mir vorstellen könnte, in der gleichen Situation nicht ganz so entspannt zu sein, wie Reynolds es manchmal ist)

19 Kommentare leave one →
  1. 19. November 2010 08:42

    Gefiel mir auch wahnsinnig gut. Und die Kameraführung ist gigantisch. Die ansich eigentlich unmöglichen Schwenks mittels unsichtbaren Schnitten sind super cool. Werden aber wohl den wenigsten Zuschauern auffallen.

    Enorm gestört hat mich persönlich die deutsche Synchro des Terroristen. WAHNSINNIG schlecht. Das klang exakt so, wie wenn ein Deutscher einen Türken mimt. Nämlich falsch und bescheuert und denunzierend. „Du nix machen das. Du machen das.“ Schrecklich.

    Aber ansonsten; ein sehr cooler Film. Und garantiert Cortés Sprungbrett nach Hollywood. So er dass denn will. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      19. November 2010 10:15

      Die Kameraführung hat mich auch vom Hocker gerissen. Aber ich glaube, sowas ist bei so einem winzigen Set auch mehr als nur witzig. Wenn es immer nur die Standard-Einstellungen gewesen wären : Oben, Seite… dann wäre das Ganze sehr schnell, sehr langweilig geworden.

      Die Synchronisation war echt unterste Schublade.

      Als Sprungbrett nach Hollywood hat Cortes den Film schon genommen. Seinen nächsten Film „Red Lights“, der 2011 rauskommen soll, dreht er zumindest schon mit Hollywood-Größen wie Robert DeNiro, Sigourney Weaver und Cillian Murphy. Wird wohl ein „paranormaler Thriller“ werden. Man darf also gespannt sein 😉

  2. 19. November 2010 17:18

    Ich bin überrascht – positiv – die Kritik in dieser Form hier zu lesen – denn ich zweifle ja immer noch, dass ein Film 90 Minuten lang in einem Sarg funktionieren kann. Ich habe mir immerhin schon ein mieses Ende ausgedacht – die DVD wird mir dann zeigen, ob ich mit der Vermutung richtig liege.

    • donpozuelo permalink*
      19. November 2010 17:24

      ALSO… 😉

      1. Der Film funktioniert.
      2. Das Ende ist gar nicht so mies, wie gedacht. Es geht sogar ganz schön nah.
      3. Ob der Film nachher auf DVD auch noch funktioniert, ist fraglich. Auf jeden Fall sollte man den Film auch dann richtig im Dunkeln schauen und nicht bei helligem Tag. Dieser Film lebt halt einfach vom wenigen Licht… und das muss man dementsprechend würdigen.

      • 19. November 2010 18:48

        Ich meinte mies eher als ein gemeines Ende für Ryan Reynolds, nicht dass es schlecht gemacht wäre. 😉

  3. Dr. Borstel permalink
    20. November 2010 14:47

    Ich gucke Filme auch daheim eigentlich immer im Stockdunkeln, wenn ich allein bin. 😉 (Ich mag einfach keine Ablenkung, wenn ich Filme schaue.) Also wird die DVD wohl reichen. Im Kino muss ich das nicht unbedingt sehen. Ich bin nicht unbedingt klaustrophobisch, mag aber auch Ryan Reynolds nicht gerade. Dann doch lieber noch mal „Kill Bill II“. 😀

    Nebenbei, auch wenn ich das vielleicht schon mal erwähnte: Interessant, dass die Überschriften deiner Rezensionen nie den Filmtitel beinhalten, aber man als Cineast trotzdem sofort weiß, um welchem Film es geht. 😉

    • donpozuelo permalink*
      21. November 2010 16:02

      Naja, die Überschriften sollen ja auch immer ein kleines Rate-Spiel sein. Aber es freut mich, dass sie scheinbar immer zu lösen sind 😉

  4. 23. November 2010 23:23

    Auf jeden Fall, kann ich nur zustimmen. Ich habe vorher wirklich nicht gedacht, dass das funktioniert, aber wurde ganz positiv überrascht. Aber ich mag Reynolds auch schon so, von daher waren für mich 90 Minuten von ihm nicht so schlimm 😀
    Das Drehbuch ist etwas unoriginell, das stimmt schon irgendwo, aber das hat mich auch weite Teile nicht gestört. Das Ende hat dann noch was rausgeholt bei mir…hab damit gerechnet, dass das passiert, aber ging mir doch sehr nahe.

    Will ich auf jeden Fall nochmal sehen, dann aber bei mir daheim =)

    Nicht im OV gesehen? Hätte mich extrem gestört, wenn der Terrorist so nervt…auch wenn er auch im Original halt so spricht, wie man sich so einen typischen Terroristen vorstellt. Dennoch, auf Deutsch wärs glaub ich einfach nerviger 😀

    • donpozuelo permalink*
      24. November 2010 08:17

      Aha, ein Reynolds-Fan 😉 Ich kann Reynolds ehrlich gesagt gar nicht so genau einzuordnen, fällt er mir doch erst jetzt so richtig auf.

      Was die Synchronisation angeht: Klar war es nicht so gut, aber bei dem Film kann ich es gerade noch so verschmerzen. Immerhin ist es ja eher was fürs Auge als fürs Ohr.

  5. 24. November 2010 19:00

    Definitiv ein Film, den ich mir mal ansehen werde, da ich solche Geschichten für extrem spannend halte. Gab ja glaub ich mal eine von Tarrantino gedreht CSI-Folge, bei der auch jemand lebendig begraben wurde. War damals auch sehr gut gemacht.

    • donpozuelo permalink*
      24. November 2010 22:02

      Echt??? Da hat er sich dann wohl von „Kill Bill“ inspirieren lassen, oder wie??? Aber eine ganze Folge klingt ja ganz interessant… würde mich schon interessieren, wie Tarantino mit dem Thema umgeht.

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