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Immer weiter… nach Süden!

17. November 2010

Es ist ein kleines Büchlein – klein, aber fein. Cormac McCarthys Buch „The Road“ ist absolut fesselnd, perfektes Kopf-Kino und ein großartiges Stück Endzeitliteratur. „The Road“ ist die Art von Buch, die ich tatsächlich nicht aus der Hand legen konnte – ich musste einfach wissen, wie es weitergeht. Immer auch mit der Hoffnung, mehr über dieses Leben in einer post-apokalyptischen Welt zu lernen.

Jetzt habe ich ja normalerweise immer etwas an Literaturverfilmungen auszusetzen. Daher dürfte es den ein oder anderen erstaunen (mich übrigens inbegriffen), dass ich – kaum war das Buch zu Ende – die Verfilmung nicht abwarten konnte. Ich glaube, ich wollte einfach wissen, wie so eine düstere Welt, die McCarthy da erschafft, auf der Leinwand aussehen könnte. Für sonderlich schwierig sollte sich eine Verfilmung des Buches ja nicht darstellen: es ist relativ kurz, mit einer relativ linearen Chronologie und nur wenigen Figuren. Die Voraussetzungen für einen gelungenen Film sind eigentlich gegeben – es gibt nicht viel, was man weglassen  und vieles, was man aus dem Stoff machen könnte.

Diesem Stoff angenommen hat sich der Regisseur John Hillcoat, der zusammen mit Viggo Mortensen als namenloser Vater und Kodi Smit-McPhee tatsächlich einen guten Endzeit-Film dreht. Ich möchte fast sagen, auch einen der bewegensten Endzeit-Filme überhaupt. Allerdings etwas zu nahe am Buch (Erklärung folgt).

Die Geschichte von „The Road“ ist eigentlich schnell erzählt: Ein Vater reist mit seinem Sohn durch ein verwüstetes Amerika, auf dem Weg Richtung Meer, Richtung Süden. Warum die Welt plötzlich in den Abgrund gestürzt ist, erklären weder Buch noch Film, ist aber in diesem Fall auch nicht wichtig zu wissen. Auf ihrer Reise treffen Vater und Sohn kaum auf Menschen, und die, die sie treffen, sind nicht immer unbedingt die nettesten – Stichwort Kannibalismus.

Überleben heißt die Devise. Wie im Buch dient der Vater auch im Film als Erzähler. Doch erstaunlicherweise geht es ihm in den seltensten Fällen um sich selbst, sondern ausschließlich um seinen Sohn. Klar, im Buch kommt die Gedankenwelt des Vaters – seine Ängste und Sorgen – wesentlich besser herüber. Aber auch der Film schafft es, die fragile Beziehung zwischen Vater und Sohn gekonnt und vor allem glaubwürdig zu erzählen. Der Vater wirkt immer gehetzt, wie ein Tier verfolgt er nur ein Ziel: Überleben, überleben, überleben. Gleichzeitig muss er aber auch versuchen, seinen Sohn auf das Leben in dieser Welt vorzubereiten. Dabei zeigt Hillcoat sehr schön, die unterschiedlichen Denkweisen: Der Vater denkt Stück für Stück, ist misstrauisch, der Junge denkt etwas naiver, größer und ist vor allem gut gläubiger. Im Beisein seines Vaters wird dieses Denken aber immer wieder in Frage gestellt. Frei nach dem Motto: Vertraue keinem!!!

Diese kleinen Dispute zwischen Vater und Sohn beleben einen Film ungemein, der eigentlich das absolute Nichts zeigt. Aber dieses Nichts wirkt äußerst beklemmend und sehr realistisch. Von der Ästhetik und Optik erinnert einiges an „The Book of Eli“, allerdings wäre ein direkter Vergleich vollkommen fehl am Platze: „Eli“ ist Action-Endzeit, „The Road“ ist reale Endzeit. Die Welt ist in „The Road“ zu einem staubigen, dreckigen Ort geworden, ein unheimlicher Ort, wo hinter jedem Baum, hinter jeder Ruine Gefahr lauern könnte.

Was sowohl Buch als auch Film ermöglichen, ist ein komplettes Hineindenken in die Figuren (vielleicht sind sie auch deshalb namenlos): Immer wieder im Film stellte ich mir selbst die Frage, was ich wohl getan hätte? Wäre ich eher Sohn oder eher Vater? Oder vielleicht sogar die Mutter (Charlize Theron), die den schnellen Weg raus aus diesem Horror-Szenario wählt.

„The Road“ ist ein grandioser Endzeit-Film. Für mich jetzt schon ein Klassiker des Genres. Doch trotz des Lobes hat der Film einige Längen. Längen, die aber Hillcoat selber zu verschulden hat. Hillcoat will nämlich zu genau das Buch verfilmen: Dabei entstehen dann etwas unnütze Episoden im Film (zum Beispiel das Pfeil-Attentat kurz zum Schluss oder der Ausflug zu einem Schiff). Während die einzelnen Episoden im Buch durchaus Sinn machen, verlängern sie den Film unnötig. Tatsächlich wäre für „The Road“ weniger mehr gewesen.

„The Road“ trägt sich durch die Beziehung zwischen Vater und Sohn, einige Szenen wirken fast so, als wollte man unbedingt ein wenig mehr Blut/ Action im Film haben. Aber selbst dafür sind die Episoden dann sehr schnell beendet und unspannend inszeniert.

Doch trotz dieses kleinen Schönheitsfehlers ist „The Road“ eine gelungene Adaption des Buches. Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee überzeugen absolut. Mich hat der Film (trotz einiger Längen) sehr bewegt und mich weiterhin mit der Frage zurückgelassen: Was würde ich wohl tun?

Wertung: 8 von 10 Punkten (gelungene Verfilmung eines großartigen Buches, das ich jedem nur wärmstens empfehlen kann)

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19 Kommentare leave one →
  1. 17. November 2010 13:40

    Auf den Film freue ich mich auch schon sehr – besonders da ich „The Book of Eli“ nur mittelmäßig fand.

    • donpozuelo permalink*
      17. November 2010 17:38

      Jaja, „Eli“ hatte gute Ansätze, aber mir war diese ganze Erlöser-Bibel-Geschichte auch ein wenig zu viel…

  2. Dr. Borstel permalink
    17. November 2010 17:11

    SPOILER: Aber der Pfeilbeschuss war doch total wichtig, weshalb sonst wäre er denn zum Schluss gestorben?

    • donpozuelo permalink*
      17. November 2010 17:40

      SPOILER: Er hustet ja doch eh schon die ganze Zeit, der Vater schleppt ja (wie auch im Buch) schon immer diesen ekligen Husten mit sich. Dass er nicht mehr lange durchhält, wird schon früher klar. Dann hustet er noch Blut… und fertig. Man hätte das echt weglassen können und seinen Tod anders einläuten können.

      Aber wie gesagt, das Pfeilbeispiel ist nur eins von mehreren…

  3. 18. November 2010 16:08

    Das Thema interessiert mich, der Film wäre also einen Versuch wert, allerdings erst nachdem ich das Buch gelesen habe, die Reihenfolge ist mir wichtig.

    Zu den Längen … Es ist eine alte und nicht kleinzukriegende Herausforderung von Buchverfilmungen, sich entscheiden zu müssen zwischen einer kinotauglichen Umsetzung mit Auslassungen, Leerstellen sowie simplen Kürzungen und einer möglichst „nahen“ Orientierung an der Struktur des Buches. Dabei ensteht eine unauflösbare Situation, weil Anhänger des Stoffs selbst dann auf liebgewonnenen und für essentiell befundenen Szenen bestehen, wenn sie in einem Film keine besondere Funktion erfüllen. Ich denke, ein Vergleich zwischen Buch und Film ist einer der subjektivsten, die man anstellen kann, weil jeder Leser ein Buch anders liest.

    • donpozuelo permalink*
      18. November 2010 20:02

      Willkommen! 🙂

      Die Reihenfolge ist wohl immer die richtige: erst Buch, dann Film (weswegen ich mir damals vor Herr der Ringe noch einmal durch die dicken Bücher gehetzt habe, um rechtzeitig noch einmal alles gelesen zu haben).
      Was den Vergleich Buch-Film angeht, gebe ich dir absolut Recht. Ist immer eine verdammt schwierige Sache. Vor allem wenn man so ein „kleines“ Buch wie „The Road“ verfilmt. Da fehlt es sicherlich noch schwerer, zu entscheiden, was in den Film kommt und was nicht.

  4. 18. November 2010 17:37

    Buch: Ja würde ich gerne lesen. Film: Ja, will ich auch gerne gucken.

    • donpozuelo permalink*
      18. November 2010 19:57

      Machen und machen 😉

      Aber: Lies erst das Buch und guck dann den Film.

  5. 24. November 2010 18:59

    Will sehen!

    Und verdammt, ich hab Borstels Spoiler nicht überlesen können. xD

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