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Lokaljournalismus

12. November 2010

Es ist schon interessant zu sehen, dass – egal, wie klein ein Örtchen ist oder wie abgelegen es auch zu sein scheint – eine Zeitung im Ort gibt es immer. Und hier wird dann Lokaljournalismus in seiner besten Form betrieben. In so einem kleinen Örtchen interessieren dann auch weniger die Belange der großen, weiten Welt, vielmehr geht es um die kleinen Dinge: Was passiert in unserem kleinen Städtchen? Das mögen dann vermeintlich belanglose Dinge wie Verkehrsunfälle, Geburten, Todesfälle oder wer hat den größten Kuchen für den Kindergarten gebacken sein. Aber für ein lokales Blättchen reicht so etwas vollkommen aus. Schließlich heißt es ja auch Lokaljournalismus… da interessieren die Obamas und Merkels dieser Welt nicht, sondern eher der kleine Mann von nebenan. Gut, manch einer könnte sich fragen, wozu man eine Zeitung da überhaupt braucht, wenn sowieso jeder jeden kennt. Aber diesem Jemand könnte man sagen: „Keine Ahnung, aber ohne sie wäre es auch merkwürdig. Immerhin prägt so eine lokale Zeitung auch ein wenig das Leben in so einer kleinen Gesellschaft, gibt ihm Struktur und eine gewissen Bedeutung – nach dem Motto: Hier berichten wir über uns und halten das Geschehen unserer kleinen Stadt in einer Art Chronik fest.“

Dass das die Bedeutung von Lokaljournalismus sein kann, muss auch Quoyle (Kevin Spacey) lernen, der nach zwei herben Schicksalsschlägen ins Land seiner Vorfahren reist: nach Neufundland. Zusammen mit seiner Tochter Bunny und seiner Tante Agnis (Judi Dench) bezieht er das alte Haus seiner Familie: ein vom Sturm gequälter alter Kasten, der mit Stahlseilen befestigt ist. Ein unheimlicher Ort, der voller Geheimnisse zu stecken scheint – Geheimnisse, die Quoyle erst nach und nach erfährt, sowohl über seine Vorfahren als auch über seinen eigenen Vater. In den nebelverhangenen Gefilden von Neufundland passieren merkwürdige Dinge, aber auch Dinge, die Quoyle helfen sich selbst wiederzufinden.

Der Schwede Lasse Hallström dreht mit „Schiffsmeldungen“ einen unglaublich melancholischen Film, der es aber dennoch schafft, an vielen Stellen diese Melancholie zu zerbrechen. Damit versinken die Figuren und auch man selbst als Zuschauer nicht vollkommen in einem tiefen Loch aus Selbstmitleid. Stattdessen zeigt Hallström, dass es aus jeder Krise einen Weg gibt, den aber jeder für sich selbst gehen muss. Und Kevin Spacey als Quoyle geht diesen Weg sehr überzeugend.

Seine Darstellung ist – wie man es eigentlich von ihm gewohnt ist – grandios. Am Anfang ist er ein kleines Häufchen Elend, introvertiert, schüchtern, fast unsichtbar. Aber mit der Zeit wächst er aus dieser Rolle heraus, wird ein anderer Quoyle. Die Metamorphose des Quoyle beschreibt Hallström auf vielfältige Art: so ist es nicht nur der Ortswechsel, der Quoyle hilft, es sind vor allem die Menschen und die Geschichten um ihn herum: seine kleine Tochter Bunny, die Typen von der Redaktion, seine Tante oder die junge Witwe Wavey (Julianne Moore). Quoyle kann sich in diesem kleinen Örtchen gar nicht mehr verstecken. Als Fremder, oder besser als Rückkehrer, ist er für alle interessant – wir reden hier schließlich nur von einem kleinen Fischerdorf.

Hallström fängt aber nicht nur Quoyles Geschichte ein, sondern porträtiert auf herrlich komische Weise das Kleinstadtleben mit all seinen Bewohnern, die vor allem auf Nicht-Einheimische im ersten Augenblick sehr skurril, aber durchaus liebenswert wirken.

„Schiffsmeldungen“ lebt sowohl von seinen Darstellern als auch von seiner Atmosphäre: Das kalte, graue Neufundland unterstreicht gerade anfangs Quoyles Stimmung: nebelverhangen, düster und frostig. Aber genau in dieser Einöde findet Quoyle die Wärme, die er sucht. Den kalten, blauen Bildern lässt Hallström immer im richtigen Moment etwas Wärme entgegenkommen.

Auch wenn „Schiffsmeldungen“ ein Film, der mehr als nur absurden Namen ist (Quoyle, Bunny, Wavey), so ist es auch eine wunderbare Tragik-Komödie, die das Hin und Her seiner Hauptfigur bestens in Szene setzt – mit viel Gefühl und in großartigen Bildern.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein großartiger Kevin Spacey in einem kalten grauen Neufundland auf der Suche nach sich selbst – mystisch, poetisch und sehr liebevoll gemacht)

2 Kommentare leave one →
  1. Dona Pozole permalink
    12. November 2010 14:06

    Na – bei DEM Titel musste ich doch sofort nachspähen, um was es geht 🙂 Und das auch noch vom Arbeitsplatz aus… ups…
    Ich find Schiffsmeldung nicht so toll – warum, weiß ich nicht mehr so genau … ich kann mich auch gar nicht mehr an den Film so richtig erinnern (schon mal ein schlechtes Zeichen!), außer an diese echt gloomy-Stimmung. Am Ende des Films ist die leider auf mich übergesprungen und ich weiß noch, in diese melancholischen Stimmung hab ich nur gedacht: Dieser Film hat mir nichts gebracht!
    *hmmh*
    Bestes!
    la Dona

    Ps. Der Göttergatte liebt den Film! Warum, hab ich bisher noch nicht herausfinden können…

    • donpozuelo permalink*
      12. November 2010 14:28

      Da beweist dein Göttergatte im Gegensatz zu dir mehr Geschmack (upps…. 😉 )

      Klar ist es ein sehr melancholischer Film, aber gerade zum Ende hin zeigt sich ganz klar ein Licht am Ende des Tunnels und das Leben aller wendet sich zum besseren. Das sieht man ja allein an dem Haus der Familie und seiner „Symbolhaftigkeit“ (aber ich will ja nix spoilern).

      Also auf jeden Fall nochmal gucken – gerade wegen dem Lokaljournalismus 😛 da lernt man dann auch noch, wie man richtige Schlagzeilen schreibt.

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