Zum Inhalt springen

Geistige Verwirrung

5. November 2010

Ist schon irgendwie traurig, wenn die eigentliche Hauptrolle in einem Film erst genannt wird, nachdem alle „wichtigeren“ und vor allem namenhafteren Schauspieler genannt worden sind. So ergeht es aber ausgerechnet Mia Wasikowska, die für Tim Burton die Alice aus „Alice im Wunderland“ spielen darf. Ich gebe zu, dass ich den Namen Mia Wasikowska vorher noch nie gehört hatte, aber das erst alle anderen genannt werden und dann sie, fand ich schon irgendwie ein wenig komisch. Es ist ja nicht so, als würde sie nicht eine der bekanntesten literarischen Figuren überhaupt spielen.

Aber in Tim Burtons Verfilmung scheint es ja gar nicht wirklich um Alice zu gehen. Was eigentlich schade ist, denn Potenzial für einen klasse Tim Burton-Film ist da. Da haben wir „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll und eine mir bis dato unbekannte Fortsetzung namens „Alice hinter den Spiegeln“. Burton schnappt sich aus beiden Büchern etwas und spinnt noch seine eigene Geschichte dazu:

Alice (Wasikowska) ist inzwischen schon erwachsen und steht kurz vor ihrer Verlobung. Aber da sie ein rebellisches junges Ding in einem stocksteifen England ist, hat sie Zweifel an ihrer Rolle in dieser Gesellschaft. Kurzerhand reißt sie aus, fällt wieder ins gleiche Loch, in das sie schon einmal fiel. Unten trinkt sie wieder irgendwelche unbekannten Substanzen, schrumpft und taucht ein in eine merkwürdige Welt voller rauchender Raupen, grinsender Katzen, sprechender Viecher und einem verrückten Hutmacher. Doch im Wunderland ist auch nicht mehr alles so wie es mal war: Die gute weiße Königin (Anne Hathaway) wurde von ihrer bösen roten Schwester (Helena Bonham Carter) vertrieben. Aber zum Glück ist ja jetzt Alice wieder da, die kann helfen.

Ich gehörte zu den ersten, die begeistert waren als es hieß, Tim Burton verfilmt „Alice im Wunderland“. Burton hat seit jeher ein Händchen für fantasievolle, aber auch skurrile Figuren. Ins Kino habe ich es dann doch nie geschafft, aber nun gibt es das Ganze ja auch auf DVD (und seit ich weiß, dass der Film erst im Nachhinein in 3D umgewandelt wurde, mache ich mir keine Sorgen, dass ich ihn nur in 2D gesehen habe). Aber ob nun 3D oder 2D: Ich war bitter enttäuscht von Burtons Ausflug ins Wunderland.

„Alice im Wunderland“ ist weniger Tim Burton als ich erhofft hatte: Ein paar Figuren und Passagen aus den Büchern, ein wenig Selbstausgedachtes und was bekommen wir: eine erschreckend banale 08-15-Geschichte mit dem klassischen Erlöser-Schema. Der ganze Film ist eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, die wir in jedem anderen Film schon irgendwie besser erlebt haben. Es scheint fast so, als wollte Burton einfach zu viel vom Wunderland in einen Film packen. Dabei zeigt er zwar gewohnt fantasievolle Welten, Gestalten und Merkwürdigkeiten, aber leider vergisst er bei der ganzen CGI-Action seine Figuren.

Mia Wasikowska weiß mit ihrer Alice irgendwie nichts anzufangen, was aber mehr daran liegt, dass das Drehbuch ihr nicht sonderlich viele Möglichkeiten gibt. Obwohl ständig im Selbstzweifel mit sich und ihrer Umgebung, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich ihrer Erlöser-Rolle zu ergeben. Warum und wieso bleibt bei Burton ungeklärt. Mit Johnny Depp hat er da noch seine beste Entscheidung im ganzen Film getroffen, aber wenn ich ehrlich sein soll, habe ich es auch langsam satt, Depp immer in diesen verschrobenen, durchgedrehten Rollen zu sehen. Er spielt ohne Zweifel grandios, aber diese Geschichte heißt immer noch „Alice im Wunderland“ und nicht „Die Abenteuer vom verrückten Hutmacher und Alice“. Viel zu sehr baut Burton auf seinem Protege Depp auf, viel zu viel Macht überlässt er dieser einen Rolle, die eigentlich nur eine unterstützende Nebenrolle sein sollte.

Was dem Ganzen aber die Krone aufsetzt, sind Burtons weiße und rote Königin. Gut, Anne Hathaway hat die bleiche, schöne Prinzessin ganz gut drauf. Viel interessanter ist aber da doch Helena Bonham Carter als Bobble-Head-Karikatur: viel zu großer Kopf auf kleinem Körper und immer eine Stinkwut. Mit der roten Königin konnte ich mich am ehesten von allen Figuren in diesem Film anfreunden, weil sie die einzige Figur mit etwas Tiefe ist. Eine Tiefe, die aber sonst keiner wirklich wahrnimmt: Die tragische kleine Königin, die doch eigentlich nur geliebt werden will, die etwas Aufmerksamkeit will und aus falschem Stolz einen Krieg auslöst.

Hier verfehlt Burton die Magie seiner Figuren: Anstatt ein kleines Psycho-Märchen draus zu machen, wie seinerzeit „Edward mit den Scherenhänden“ lässt der gute Tim seine Figuren links liegen und holt stattdessen animierte Karten-Soldaten und irgendwelche Riesendrachen hervor. In diesem Getümmel gehen die Figuren, um die es doch eigentlich geht, gnadenlos unter. Und dabei war Burton doch immer so begabt, wenn es darum ging tatsächlich menschliche Geschichten zu erzählen.

„Alice im Wunderland“ bleibt bestenfalls seichtes Popcorn-Kino mit bonbonbunten Effekten, einem tollen Wunderland, aber ohne ausgereifte Figuren.

Wertung: 4 von 10 Punkten (Burton wird seinem Ruf und dem von Alice leider nicht gerecht, es reicht für Popcorn-Kino, für mehr aber auch nicht – schade)

12 Kommentare leave one →
  1. 5. November 2010 14:05

    Schon „Watched“ und „christian“ haben den Film nicht besonders gut bewertet. Ich fand ihn eigentlich noch recht gut gemacht, obwohl man sicher mehr aus der Story machen hätte können aber das Charakterdesign und die Hintergründe waren doch für Burton top.

    • donpozuelo permalink*
      5. November 2010 16:12

      Gegen „Gut gemacht “ im Sinne der Hintergründe und Designs habe ich auch nichts einzuwenden, aber der Rest… 😦

  2. Dr. Borstel permalink
    5. November 2010 15:00

    Kann ich genau so unterschreiben, habe auch etwa das gleiche mit derselben Wertung geschrieben. Wenn du Mia Wasikowska mal in einer vernünftigen Rolle sehen willst (was ich absolut empfehle), schau mal in die Serie „In Treatment“ mit Gabrie Byrne rein. Grandioses Kammerspiel, in dem Mia eine selbstmordgefährdete Turnerin spielt, und das wirklich klasse. Die Kleine hat durchaus Talent, nur verkauft Burton sie und die Vorlage des Films leider völlig unter Wert.

    • donpozuelo permalink*
      5. November 2010 16:11

      Ist vorgemerkt… Von der Serie habe ich schon viel Gutes gehört.

      Das mit unter dem Wert verkaufen stimmt voll und ganz. Was echt schade ist. Eigentlich hätten sie einen anderen Titel wählen müssen. Ich meine, wenn ich „Alice im Wunderland“ höre, dann erwarte ich auch „Alice im Wunderland“. Bekommen habe ich nur was bunt zusammengewürfeltes.

  3. 6. November 2010 11:53

    Ich hätte den Film, vielleicht geht es dir auch so, vielleicht sogar noch besser bewertet, wenn er nicht von Tim Burton käme. Von ihm habe ich mir einfach mehr Flair und düstere, mysteriöse Stimmung gewünscht. Dass er solche Welten erschaffen kann, hat er mehrfach bewiesen, hier erinnern nur die kahlen, gekrümmten Bäume an das typische Burton-Bild – und das ist mir zu wenig.

    • donpozuelo permalink*
      6. November 2010 14:38

      Vielleicht. Auf jeden Fall wären meine Erwartungen höchstwahrscheinlich niedriger gewesen. Ob die Bewertung dann besser gewesen wäre… möglich.

  4. 9. November 2010 21:50

    Trifft genau meine Meinung. Johnny Depp wie immer der abgedrehte Charakter schlechthin, die verschiedenen Synchronsprecher leisten tolle Arbeit, aber der Film schafft den Sprung über seinen Popcorn-Schatten eben nicht, weswegen er ein wenig enttäuschend war.

    • donpozuelo permalink*
      10. November 2010 07:54

      Das eigentlich Traurige ist ja, dass man Popcorn-Kino in diesem Fall tatsächlich negativ auffassen muss. Da hilft dann auch kein Johnny Depp mehr.

Trackbacks

  1. Knopfaugen sind nicht für jeden! « Going To The Movies
  2. Billiger Budenzauberer | Going To The Movies
  3. Im Wald herrscht Krieg! | Going To The Movies
  4. Betelgeuse | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: