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Wahnsinnsliteraur

27. Oktober 2010

Mein älterer Bruder ist schon seit Ewigkeiten Metallica-Fan. Anfangs konnte ich mit damit irgendwie nicht so richtig arrangieren, bis ich – keine Ahnung, wann – auch ein wenig auf den Geschmack kam. Was aber nicht unbedingt an der Musik lag, sondern an der Inspiration für die Musik: Ein Titel hatte mich immer sehr neugierig gemacht – „The Call of Cthulhu“. Metallica ließ sich hier von Gruselautor H.P. Lovecraft inspirieren und das nicht nur einmal, es finden sich mehrere Titel, bei denen Lovecraft Pate stand.

H.P.Lovecraft war mir bis dato nie ein Begriff gewesen, was ich aber schnell nachholte. Zu schnell wie meine Mutter fand, denn mit einem Mal bestellte ich mir alle Bücher, die ich von Lovecraft kriegen konnte, verbarrikadierte mich in den Sommerferien bei schönstem Sonnenschein in meinem Zimmer und versank in die unheimlichen Welten des H.P. Lovecraft. Seine Geschichten von den Alten Göttern, dem Chtulhu-Mythos und dem vom verrückten Araber Abdul Alhazred geschriebenen Necromonicon sind absolut genial. Lovecraft schafft es, Mythen von unbekannten Städten, Riten und Göttern zu schreiben, er schafft es, Horror im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Erst dann wird Lovecrafts Magie wirklich entfacht – durch die Anregung der eigenen Fantasie. Ich kann nur jedem empfehlen, sich mal was von Lovecraft zu holen. Ihr werdet es nicht bereuen.

Aber ich schreibe ja über Filme, nicht über Literatur (obwohl es sich lohnen würde über Lovecraft mehr zu schreiben). Lovecrafts Geschichten haben zwar zahlreiche Filme inspiriert, die meisten davon sind aber ziemlich schlecht. Einer, der etwas besser mit Lovecraft umgeht, ist John Carpenter.

In seinem Film „Die Mächte des Wahnsinns“ finden sich zahlreiche Hinweise auf den Altmeister des Horrors. Versicherungsdetektiv John Trent (Sam Neill) soll den verschwundenen Schriftsteller Sutter Cane (Jürgen Prochnow) wiederfinden. Dieser schuldet seinen Fans und seinem Verlag einen neuen Horror-Roman, weswegen vor allem die Fans schon langsam durchdrehen. Auf seiner Suche nach Cane muss Trent aber erkennen, dass mehr in Canes Literatur steckt, als er angenommen hatte – Canes Geschichten scheinen Realität zu werden.

„Die Mächte des Wahnsinns“ fängt mit der Einweisung Trents in ein Irrenhaus an, wo er einem Arzt seine Geschichte erzählt – und so weiß der Zuschauer von Anfang an nicht so recht, ob man Trent Glauben schenken darf. Bei seiner Suche nach Cane kommt er in das kleine Städtchen Hobbs End, das genauso aussieht, wie Cane es in seinen Geschichten beschreibt. Das ist noch nicht sonderlich verwunderlich, aber dennoch scheinen sich gerade hier in Hobbs End Realität und Fiktion nicht ganz einig zu sein, wer nun die Vormacht hat.

Überall in seinem Film versteckt Carpenter Hinweise auf Lovecraft: allein die kleine Stadt und die schwarze Kirche, die auf einer alten Altar-Stelle errichtet worden ist, könnten dem geneigten Fan schon ausreichen. Aber Carpenter reicht das nicht: da wäre noch das Hotel Pickman. Das erinnert nicht nur vom Namen her an Lovecrafts Geschichte „Pickmans Modell“, sondern auch von dem sich ständig veränderten Gemälde in der Lobby.

Auch die Kreaturen, in die sich die Menschen von Hobbs End verwandeln, erinnern oft an die Erzählungen von Lovecraft.

Natürlich kommt Carpenter nicht nur mit Kopfkino aus, aber die Effekte, die er einsetzt, sind zwar herrlich „old school“, verfehlen ihre Wirkung jedoch nicht. Carpenter spielt mit Schatten, der Dunkelheit und dem ständigen Wechsel zwischen Realität und Fiktion. Irgendwann weiß man selbst nicht mehr so genau, was nun eigentlich wirklich los. „Die Mächte des Wahnsinns“ ist Horror mit einer gut verzwickten Story, die Carpenter mit einem genial-absurdem Ende abschließt.

Gekonnt lässt Carpenter Trent immer weiter in den Abgrund abrutschen, und Sam Neill spielt den an seinem eigenen Verstand zweifelnden Trent grandios.

Wer also Lovecraft-Fan ist, sollte an „Die Mächte des Wahnsinns“ nicht vorbeikommen. Wer auf alte Horror-Filme mit Splatter steht, die trotzdem eine gute Story haben, der ist mit Carpenters Film gut beraten.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Lovecraft trifft auf Carpenter – da haben sich zwei gefunden. Mal schauen, wie es bei Guilermo del Toros „At The Mountains of Madness“ aussieht)

6 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    27. Oktober 2010 17:35

    Zustimmung! Die Mächte des Wahnsinns hat mir damals eine ganze Weile zu knabbern gegeben. Ein großartiger Film mit kranker Geschichte und kaputten Figuren, deren geistige Stabilität (<- bin gespannt wer diesen Insider rafft) immer weiter sinkt und dessen Ende einfach mal brillant und verdammt bitter ist..

    Hab den Film zwar ewig nicht mehr gesehen, daher kann ich mich der Wertung nicht anschließen aber ich glaub den zieh ich mir demnächst nochmal rein ^^

    Wann kommt eigentlich Mountains of Madness raus?

    Grüße, Luzifel..

    • donpozuelo permalink*
      27. Oktober 2010 20:31

      Hab ich’s doch gewusst 😉

      Ja, dann guck den noch mal. Allein wegen dem Ende ist dieser Film schon sehenswert.

      Und was Mountains of Madness angeht, so gehen die Dreharbeiten Anfang nächsten Jahres wohl erst richig los. Der erste Trailer, der zu sehen ist, sieht zwar noch etwas lasch aus, aber das kann ja alles noch werden:

  2. 28. Oktober 2010 22:45

    Ah noch ein Top 100 Film 😀
    War eigentlich Carpenters letzter guter Film. Vampire war ja nur noch so lala und die danach… *hust*
    Wirklich sehr gut umgesetzte Lovecraft Geschichte, hatte mich damals wirklich überrascht. Leider lief er nur eine Woche im Kino, aber ich hatte es geschafft! (In der Filmbühne Wien und im Gloria am Kurfürstendamm konnte man solche Filme gucken, in den großen lief er nicht).

    • donpozuelo permalink*
      29. Oktober 2010 06:34

      Ich habe den leider immer nur im Fernsehen gesehen, aber seitdem finde ich diesen Film echt witzig-abgefahren. Und dazu noch so viel Lovecraft-Zitate: Für mich als Fan genial.

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