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Angst, Angst, Angst

8. Oktober 2010

Ein Mann wacht in einem dunklen, engen Gang auf und weiß nicht, wo er ist oder warum er hier ist. Langsam quetscht er sich durch die Dunkelheit. Irgendwann wird er von einer unbekannten Macht zurückgezogen und verliert das Bewußtsein. Als er wieder aufwacht, beißt er mit den Zähnen auf ein Metallrohr. Bewegen kann er sich nur seitwärts und über Stacheldraht. Unter Schmerzen schleift der Mann mit seinen Zähnen an dem Rohr entlang und über Stacheldraht hinweg – leider zuerst in die falsche Richtung. Aber alles, was ihn in der richtigen Richtung erwartet, ist Dunkelheit, Enge und Unwissenheit.

Was mich anfangs irgendwie an „Cube“ erinnert hat, wird ziemlich schnell einer meiner krassesten Filmmomente überhaupt. Während in „Cube“ die einzelnen Würfel in schönes Licht getaucht und auch groß genug für mehrere Menschen sind, ist der Mann in Shin’ya Tsukamotos Film „Haze“ in einer Alptraumwelt für Klaustrophobiker gefangen. Teilweise kann sich der Mann nur kriechend wie ein Wurm durch enge Schlitze fortbewegen. Und Tsukamoto, der den verzweifelten Mann selbst spielt, zwingt die Enge auch dem Zuschauer auf. Die Kamera klebt förmlich am Protagonisten, vielmehr als der Mann sehen wir auch nicht. Stattdessen wechselt das Bild immer wieder vom Bild des Mannes in der dunklen Enge zu Großaufnahmen seiner verzweifelt tastenden Finger oder seiner vor Panik weit offen stehenden Augen.

Die erste Hälfte dieses recht kurzen Films (Laufzeit insgesamt nur knapp 50 Minuten) ging mir persönlich physisch sehr nahe. Allein die Szene mit dem dunklen Gang und den Zähnen am Stahlrohr… hier zeigt sich, wie sehr man als Zuschauer mit einer Filmfigur mitleiden kann. Und wie sehr sich dieses Leiden auf einen selbst projiziert: der Mann schnauft die ganze Zeit wie verrückt (ich habe auch geschnauft wie ein Pferd), dazu das Kreischen der Zähne auf dem Metall-Rohr (denkt einfach an das Quietschen von Fingernägeln auf einer Tafel und ihr kennt das Geräusch), die ständigen Schmerzen durch den Stacheldraht und diese verdammte Enge und Dunkelheit. Als der Mann schließlich erkennen muss, dass er in die falsche Richtung gelaufen ist, war ich – ebenso wie er – vollkommen entsetzt. Und der Weg zurück ist wieder wie der Anfang: Nahaufnahme Zähne, Augen, schmerzverzerrtes Gesicht. Tsukamoto will, dass man mitleidet, die Dunkelheit und die Schmerzen spürt. Man leidet mit, man stellt sich die gleichen Fragen, wie der Protagonist auch. Schließlich wird man ohne jegliche Einweisung in die Dunkelheit gestoßen.

Irgendwann schließlich entdeckt der Mann durch ein Loch in der Wand, dass er nicht der einzige Mensch in diesem finsteren Verlies ist. Doch bevor er den Menschen auf der anderen Seite der Wand etwas zurufen kann, werden die von irgendwas oder irgendwem auf übelste Weise zerhackt, zerstückelt und zerteilt. Eine einzige Überlebende findet der Mann dann doch noch: mit der jungen Frau versucht der Mann zu entkommen.

Die zweite Hälfte von „Haze“ verliert stark von der anfänglichen visuellen Kraft. Auch die Tatsache, dass der Mann nicht mehr allein ist, nimmt einiges von der Spannung. Zusammen quetschen sich die beiden durch einen mit Wasser gefüllten Tunnel, in dem Leichenteile schwimmen. Und der Mann schafft es tatsächlich an die Oberfläche. Sein Kampf gegen was auch immer scheint beendet. Und damit auch der Film.

Für den Zuschauer fängt der Film dann aber erst an. Tsukamoto entlässt uns nämlich ohne eine eindeutige Erklärung. Aus den Gesprächen des Mannes mit der Frau erschließt sich zwar, dass die beiden früher mal ein Paar gewesen sein müssen. Viel mehr aber auch nicht. Alles andere wird wilde Spekulation: Könnte das dunkle Verlies eine Art Hölle gewesen sein, in die der Mann gestoßen wurde, weil er (möglicherweise) seine Frau ermordet hat? Warum aber gelingt es ihm dann zu entkommen? Was jagt den Mann und die Frau am Ende durch den mit Wasser gefüllten Gang?

Fragen über Fragen, die nachwirken. Und eigentlich möchte ich die Antworten finden, aber noch einmal werde ich mir diesen Film wohl nicht schauen können. Die erste Hälfte ist einfach zu krass – zu gut fängt Tsukamoto die Angst ein, als das ich freiwillig noch einmal dahin zurückkehren würde. Immerhin habe ich so diesen japanischen Kultregisseur mal kennengelernt, der mit dem Film „Tetsuo: The Iron Man“ berühmt wurde, in dem sich ein Mann nach und nach in einen Maschinenmenschen verwandelt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Wahnsinn und Angst auf perfekt auf Film gebannt – ein krasser Film, der zum Ende hin viel von seiner Macht verliert)

4 Kommentare leave one →
  1. CharlesDexterWard permalink
    9. Oktober 2010 22:45

    Kenne ich gar nicht, hört sich echt finster an. Mal sehen, ob der mir irgendwann mal über den Weg läuft.

    • donpozuelo permalink*
      10. Oktober 2010 18:28

      Gibt’s in dieser Sonderedition von rem.

      Aber wie gesagt, der Film nimmt etwas ab in der zweiten Hälfte.

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