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Geschüttelt, nicht gerührt

4. Oktober 2010

Es ist nicht alles Gold, was glänzt und es ist nicht alles toll am neuen Bond. Oder doch?

„Casino Royale“ sollte den fast schon abgeschriebenen Doppel-Null-Agenten Ihrer Majestät fit für eine neue Generation von Kinogängern machen. Die letzten Bond-Filme mit Pierce Brosnan waren überladen mit technischen Spielsachen für Bond, zig Frauen, zig Effekten und der immer gleichen Story: Ein Mann rettet die Welt. Gut, die Story ist auch bei „Casino Royale“ geblieben, aber Bond selbst ist ein ganz anderer geworden.

Am deutlichsten erkennt man das wohl daran, dass statt einer vollbusigen Frau ein durchtrainierter Daniel Craig aus den Fluten des Meeres steigt. Dieser Bond kann sich sehen lassen: kein dicker Teppich mehr auf der Brust und Muskeln hart wie Stahl. Doch Craigs Bond kann nicht nur modeln, sondern auch laufen, laufen, laufen. Früher machte sich ein Bond nicht schmutzig, jetzt schon. Allein die Parkour-Einlage in Afrika zeigt zwei Sachen ganz deutlich: Bond packt verstärkt selbst an und handgemachte Action wird endlich wieder großgeschrieben

Mit „Casino Royale“ soll die Serie wieder von vorne anfangen: Wir erfahren, wie Bond seinen Doppel-Null-Status erhält und dann zu seinem ersten großen Einsatz zur Rettung der Welt geschickt wird. Zusammen mit der hübschen Vesper Lynd (Eva Green) soll dahinter kommen, was Schurke Le Chiffre (Mads Mikkelsen) vor hat: bei einem Pokerturnier will der sich nämlich Geld beschaffen, um seine dunklen Machenschaften zu finanzieren.

Nicht nur Bond hat sich verändert, auch seine Gegenspieler: Le Chiffre will nicht mit irgendwelchen Todesstrahlen die Weltherrschaft an sich reißen – er versucht sich mit Börsenspekulation, Terrorismus und Manipulation. Das Böse im neuen Bond wird realer und zeitgenössischer und damit vielleicht auch etwas glaubhafter. Denn schließlich wird an der Figur Le Chiffre deutlich: Es gibt immer einen, der noch höher steht.

Glaubhafter ist auch Bond – glaubhafter, und vor allem menschlicher. Hier werden Frauen nicht wie Handtücher benutzt und ausgetauscht. Nein, Bond verliebt sich, zeigt Mitgefühl und Schwäche, Wut und Rachegefühle. In „Casino Royale“ wird das britische Gentleman-Image teilweise unter den Teppich gekehrt. Was vom alten Bond bleibt, ist eigentlich nicht viel: Der Spruch „Mein Name ist Bond, James Bond“ kommt erst am Ende. Es ist ihm egal, ob sein Drink geschüttelt oder gerührt wird. Technik-Schnick-Schnack gibt es so gut wie gar nicht mehr, dafür einen Daniel Craig, der herrlich skrupellos Leute umbringen kann. Nur das schicke Auto und der Smoking sind geblieben.

Geblieben ist aber auch die Reichweite von Bond. Es geht wieder einmal kreuz und quer durch die Welt. „Reisen mit Bond“ – so ein Reiseführer wäre tausende Seiten dick, aber das machte die Serie von Anfang an aus: tolle Orte mit viel Action – USA, Afrika, Europa.

007 rettet die Welt und Daniel Craig rettet Bond und sich vor den Kritiern. Im Vorfeld wurde ja viel diskutiert, viel geredet und viel zerrissen, aber Daniel Craig schafft es sowohl das Tier Bond als auch den Menschen Bond zu porträtieren.

Für alle, denen Bond bisher immer zu steril oder zu künstlich oder einfach zu unglaubwürdig war, bietet „Casino Royale“ einen Bond, den man sich ansehen kann. Der Film spielt immer wieder mit den Erwartungen der Fans, zeigt sich manchmal sehr sarkastisch, wenn es darum geht, Verweise auf den alten Bond zu machen, ist aber immer am Puls der Zeit, baut Spannung über mehrere Etappen auf und liefert eine gute Story.

Leider, leider gelingt es aber nicht, den Neustart der James-Bond-Reihe erfolgreich weiterzuführen, denn was in „Casino Royale“ bestens funktioniert hat, wird im zweiten Teil „Quantum of Solace“ vernichtet. Zu viel Wackelkamera, zu viel Erinnerungen an Jason Bourne.

Das einzig wirklich Negative, was mir bei „Casino Royale“ aufgefallen ist die Titelsequenz bzw. der Titelsong. Die waren früher eindeutig besser.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Neustart geglückt, Weiterführung nicht)

13 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    4. Oktober 2010 09:48

    HörtHört! Sehe ich genauso! Ich mag Casino Royal sehr gern, denn es ist endlich deutlich näher an das gerückt was ich mir unter realer Agentenarbeit vorstelle und die ist nun mal dreckig, verschlagen und gemein.. Außerdem ist mir dieser SchnickSchnack-Schrott immer schon auf den Keks gegangen und diese weinerliche dürre Gentlemensissyvogelscheuche, die der letzte Bond davor war, hat auch nicht gefetzt..

    Also: Geglückter Neustart in eine zeitgenössische Actionfilmreihe und damit 9 von 10 vollkommen berechtigt!

    Grüße, Luzifel

    • 4. Oktober 2010 11:03

      Na! Na! Na!

      Wir wollen mal nicht so hart sein, die alten Bond-Filme waren auch ziemlich gut. Nur die Brosnan-Ära war irgendwie zu sehr mit Zusatz-Gadgets und Spielereien zu gepflastert. Da ging Bond etwas verloren. Obwohl Brosnan als Bond ja auch nicht so schlecht war.

  2. Dr. Borstel permalink
    4. Oktober 2010 15:58

    Ich bin alles andere als ein Bond-Fan, der doch ziemlich konsequente Neustart hat mir allerdings ermöglicht, „Casino Royale“ unabhängig von meiner 007-Antipathie zu bewerten. Das Resultat hat mich dennoch nicht begeistert, da Bond die Hälfte der Zeit in diesem Casino rumsitzt, und auch ansonsten habe ich den Streifen nur mäßig spannend in Erinnerung. Wendet man den so oft bemühten Vergleich mit den Bourne-Filmen, vor allem deren ersten beiden, an, so kommt 007 wirklich nicht besonders gut weg.

    • donpozuelo permalink*
      4. Oktober 2010 16:26

      😀
      Man merkt an dem zweiten Craig-Bond, dass du nicht der einzige bist, der so gedacht hat. Teil 2 ist ja Bourne pur. 😉

      Als Bond-Fan, glaube ich, ist der Film aber dennoch sehr gut. Vor allem, wenn man die ganze Last der mittelmäßigen Vorgänger mit sich herumschleppt.

  3. 4. Oktober 2010 17:14

    Traurig aber wahr mit Daniel Craig war das shcicksal von James Bond besiegelt

    • donpozuelo permalink*
      5. Oktober 2010 09:14

      Soll heißen???

      Trauriger Untergang oder Neuanfang?
      Bei „Casino Royale“ würde ich das noch nicht behaupten, aber der Nachfolger hat’s dann so richtig falsch gemacht.

  4. 5. Oktober 2010 16:57

    Jep und das sage ich als Schweizer!

  5. 8. Oktober 2010 13:11

    Casino Royale fand ich wirklich großartig. Ein echter Geheimagent, jede Menge Action, glaubhaftere Figuren und allein die Parkoursequenz ließ mir das Wasser im Munde zusammenlaufen.

    Quantum of Solace fand ich gut, aber nicht überragend. Der Vergleich hinkt inzwischen aber tatsächlich ein britischer Bourne. Was mir dabei gefallen hat, war dass es die erste Fortsetzung eines Vorgängers war. Auch wurde dort gezeigt, wie sehr Bond der Verlust in Teil 1 getroffen hat. Seine rabiate Verarbeitungsart war allerdings äußerst übertrieben.

    • donpozuelo permalink*
      8. Oktober 2010 13:36

      Ein weiterer Freund von Casino Royale.

      Aber „Quantum of Solace“ fand ich – mit all der angestauten Erwartung durch „Casino Royale“ – richtig mies.

      Den Fortsetzungscharakter fand ich zwar auch nicht schlecht, aber wenn ich mich recht erinnere (was mir bei Quantom of Solace schwer fällt 😉 ), wurde hier auch nur unzureichend aufgeklärt. Wird dann wohl in Teil 3 aufgelöst….

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