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Bankräuber sind auch nur Menschen

29. September 2010

Woran denkt ihr, wenn ihr den Namen Ben Affleck hört? Die ersten Assoziationen sind wohl „Good Will Hunting“ und „Dogma“, dazu noch eine Prise J-Lo und schon kann man den guten Mann nicht mehr richtig ernst nehmen, oder??? Wirklich erfolgreiche Rollen hat er nie gehabt, zulange zehrte er von seinem Oscar-Erfolg mit Drehbuch-Schreiber-Kollege Matt Damon.

2007 machte er dann hinter der Kamera auf sich aufmerksam: „Gone Baby Gone“ war ein grandioser Krimi, der mich persönlich auch noch Tage danach beschäftigt hat. Affleck schaffte es wunderbar, seinen Protagonisten (sein eigener Bruder Casey) vor eine schwierige Wahl zu stellen. Die Diskussion über seine Entscheidung ging dann weit über den Kinobesuch hinaus. Auf jeden Fall war Affleck wieder im Spiel – jetzt als Regisseur. Sein Debüt schlug ein wie eine Bombe. Somit war die Messlatte für den folgenden Film besonders hoch: Jetzt darf man sich endlich selbst im Kino ein Bild davon machen.

Ich weiß, ich weiß, ich habe „Inception“ immer noch nicht gesehen, aber bis jetzt ist Ben Afflecks „The Town“ der beste Kinofilm des Jahres – mit Ben Affleck vor und hinter der Kamera.

Der Film erzählt die Geschichte von vier Freunden, die sich in dem kleinen Städtchen Charlestown ihre Brötchen mit Banküberfällen verdienen. Doug McRay (Affleck) ist der Kopf der Bande, sein Freund James (Jeremy Renner) der Hitzkopf. Beide verbindet ein Mord, für den James ins Gefängnis ging. Zu viert überfallen sie also Banken und Geldtransporter. Bei einem Überfall nimmt James die Bankangestellte Claire (Rebecca Hall) als Geisel, die aber später wieder freigelassen wird. Dennoch bleiben die Befürchtungen, Claire könnte etwas gesehen haben und es dem FBI-Agenten Frawley (Jon Hamm) erzählen: Also macht Doug sich auf, Claire zu beschatten. Dabei lernt er sie aber kennen und verliebt sich in sie. Für sie will er aufhören, doch James lässt ihn nicht so einfach gehen.

„The Town“ ist ein großartiger, fesselnder Film, der vielleicht ein zu oft mit Michael Manns „Heat“ verglichen wurde. Wenn ich einen Vergleich ziehen müsste oder zumindest eine Assoziation zu „The Town“ äußern sollte, dann würde mein Wahl nicht auf „Heat“, sondern auf etwas ganz anderes fallen: „GTA“. Das klingt jetzt vielleicht nicht besonders gut, aber ich will mich erklären:

Punkt 1: Die Figuren in „The Town“ sind großartig realistisch. Zugegeben wirkt gerade Affleck in der Hauptrolle etwas fehl am Platz. Aber das wird vor allem durch Jeremy Renner (manchen vielleicht aus „The Hurt Locker“ ein Begriff) und Jon Hamm als FBI-Agent mehr als nur wett gemacht. Renner überzeugt als Afflecks gewalttätiger Freund.

Ähnlich wie beim Spiel „GTA“ gibt es die unterschiedlichsten, teilweise recht amüsanten Figuren. Kleine Hintermänner, Mafia-Bosse, die in irgendwelchen Blumenläden hocken. In Punkto Charakterentwicklung kommt „The Town“ nicht an „Gone Baby Gone“ heran, aber es wäre auch ziemlich vermessen, beide Filme zu vergleichen. „The Town“ setzt halt neben all der Dramatik auch auf die actiongeladenen Sequenzen und die gliedern sich perfekt in die Handlung mit ein.

Punkt 2: Die Story fängt mit einem Raubüberfall an und hört auch mit einem auf. Affleck gelingt es, mit nur drei Action-Szenen einen spannenden Film zu zeigen. Dabei dienen die Überfälle nur als Ausgangspunkt: zum einen für die Liebesgeschichte zwischen Claire und Doug, zum anderen für die Katz-und-Maus-Geschichte zwischen FBI und der Band und zum anderen zwischen Doug und James. Affleck hält die Geschwindigkeit, die er vorgibt und erzeugt auch so Spannung, wenn es er um das Zwischenmenschliche geht.

Was bei GTA Hauptaugenmerk ist, wird in „The Town“ in drei Szenen gezeigt. Was „GTA“ dann in den Zwischensequenzen zeigt, wird Afflecks eigentlicher Film.

Punkt 3: Die Missionen von Dougs Bande sind „GTA“ pur. Überfallen, Ballern, Verfolgungsjagden, zerbeulte Autos, Polizeisirenen. Affleck hat keine Scheu davor, die Gewalt zu zeigen und so wird es gerade in den Action-Szenen ordentlich blutig und brutal. Somit setzt er Kontrastpunkte, die gerade für die Figur von Doug McRay wichtig sind. Denn so wird deutlich, dass er eigentlich schon immer im Gegensatz zu dem stand, womit er sein Geld verdient, während sein Freund James perfekt in die Rolle des brutalen Bankräubers passt.

Insgesamt wirkte „The Town“ halt wie ein umgedrehtes „GTA“: weniger Action, dafür mehr Drama und trotzdem ein wenig wie das Spiel – immer vor der Flucht vor sich selbst und der Polizei und immer fleißig von Mission zu Mission.

„The Town“ ist eine perfekte Mischung aus Krimi, Action und Drama mit einer überzeugenden Geschichte. Ben Affleck gelingt es die Probleme seiner Figuren genauso gekonnt einzufangen wie die Banküberfälle. Ein intelligenter und spannender Film – wer weiß, wenn Affleck so weiter macht, dann wird er der neue Clint Eastwood (obwohl… das geht ja nicht. Immerhin überzeugte Eastwood auch vorher schon vor der Kamera).

Wertung: 9 von 10 Punkten („GTA“ light, aber trotzdem der Hammer)

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7 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    29. September 2010 16:21

    Nach allem, was ich bisher dazu gelesen habe, erwarte ich mir zumindest einen Thriller von der Klasse von „The Departed“ (und bevor Nachfragen kommen: Ja, ich finde den großartig 😉 ).

    • donpozuelo permalink*
      29. September 2010 20:00

      😀

      Also ich kann das ja immer nur von meiner Seite aus betrachten, aber wenn du nach dem Kriterium gehst, dann sollte die „The Town“ wirklich gefallen. Ich meine, meine leichte Abneigung gegen „The Departed“ rührt auch nur daher, dass ich kurz vorher das Original gesehen habe. Ohne diesen direkten Vergleich hätte der Film in meinem Empfinden sicherlich besser abgeschnitten.

      „The Town“ ist aber wirklich klasse und nur zu empfehlen.

  2. 30. September 2010 19:09

    Der Trailer hat mich erstmal nicht so umgehauen, aber jetzt erwarte ich wohl doch einiges und werde mir ihn zu Gemüte führen.

    • donpozuelo permalink*
      1. Oktober 2010 07:36

      Ja, der Trailer ist wirklich nicht so die Wucht gewesen. Ich bin auch nur reingegangen, weil ich damals „Gone Baby Gone“ so toll fand. Aber es lohnt sich auf jeden Fall.

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