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Tot oder nicht tot?

30. Juli 2010

Ich glaube, ich sollte mir das auf die Stirn tätowieren: Literaturverfilmungen funktionieren nicht!

Nicht, dass manche nicht gut wären, aber sie funktionieren bei weitem nicht so wie das Buch. Ein Buch kann immer viel mehr Facetten aufgreifen als ein Film, der an bestimmte filmische Grenzen stößt – egal, wie gut das Drehbuch, die Schauspieler oder der Regisseur. Da kann man nur versuchen, die Grundidee des Buches aufzunehmen und etwas Eigenes daraus zu machen. Oder man hängt sich ganz an das Buch ran und muss dann einen Mehrteiler machen, um vor allem Leser glücklich zu machen. Naja, egal, wie man es machen würde, irgendwer würde immer etwas zu meckern haben.

„In meinem Himmel“ von Peter Jackson gehört zu der Art Literaturverfilmung, die sich scheinbar sehr an das Buch anlehnt und dabei grandios scheitert. Die amerikanische Schriftstellerin erzählt in ihrem Roman „In meinem Himmel“ („The Lovely Bones“ im Original) die Geschichte der jungen Susie Salmon, die vergewaltigt und ermordet wird. (Der Vergewaltigungsaspekt kommt bei Jackson nicht auf.) Susie landet nach ihrem Tod in einer Art Zwischenwelt – hier ist sie tot, aber auch noch nicht richtig. Aus dieser Zwischenwelt beobachtet Susie ihre Familie (Mark Wahlberg und Rachel Weisz), ihre jüngere Schwester und auch ihren Mörder.

Wer jetzt glaubt, „In meinem Himmel“ ist eine Art „Unschuldiges Mädchen wird zum Geist und fordert Rache an ihrem Peiniger“, den muss ich jetzt enttäuschen. Den ganzen Film über bleibt die Rolle der Susie mehr oder weniger die eines Betrachters. Nur in ein, zwei Szenen im Film hat Susie Einfluss auf die Welt der Lebenden, ansonsten bewegt sie sich durch ihre Zwischenwelt, die an eine Mischung aus „Big Fish“ und „Charlie und die Schokoladenfabrik“ erinnert: in hellen, bonbon-bunten Farben erstrahlt hier Susies ganz eigene Welt, in der ihre Emotionen und Erinnerungen für die Gestaltung verantwortlich sind. Susies Welt ist eine wahrhafte Traumwelt, in der sie es sich gut gehen lassen kann, bis sie bereit ist, weiter zu gehen.

Aber das Beobachten ihrer Familie hält sie in der Zwischenwelt. Und hier passiert eigentlich der spannende Teil des Films: Susies Familie muss mit dem Tod der Tochter klar kommen, was bei der Mutter dazu führt, dass sie davon läuft, während der Vater verzweifelt nach dem Mörder seiner Tochter sucht. Etwas verloren dabei geht Susies junge Schwester. Dazu kommt noch Susies Mörder, der immer mehr den Wunsch verspürt, ein neues Opfer zu finden.

Mit „In meinem Himmel“ fährt Jackson ebenso zweigleisig wie das Buch. Aber was in schriftlicher Form womöglich wunderbar funktioniert hat (ich kenne das Buch nicht), zerstört die Harmonie des ganzen Films. Der ständige Wechsel zwischen der Welt der Lebenden und Susies Reich zieht die Story extrem in die Länge. Es steckt zwar viel Emotionalität in Susies Welt, aber so richtig will das nicht auf den Zuschauer übergehen. Viel spannender, viel interessanter ist das die Welt von Susies Familie. Allein dieser Teil hätte für ein gutes Familien-Drama vollkommen ausgereicht, der Teil mit Susie bringt zwar einen ungewöhnlichen Aspekt zur Geschichte, stört aber nach einer Weile sehr.

Ich hatte mir da eher etwas in die Richtung „Pans Labyrinth“ vorgestellt, wo die Episoden besser ineinander greifen. Jacksons Episoden wirken manchmal etwas fehl am Platz und gerade dann, wenn man sich emotional auf die Familie eingestellt hat, verschwindet man wieder in Susies merkwürdige Zwischenwelt. Fast so als hätte Jackson selbst Angst vor zu viel Gefühl in diesem Film. So schwankt der Film sehr stark hin und her – von den komischen Momenten geht es blitzschnell in spannende oder traurige. Etwas zu viel für einen kleinen Film. Da bin ich mir sicher, dass das Buch tausendmal besser mit der Geschichte umgeht.

„In meinem Himmel“ wird damit nicht ganz dem großen Geschichten-Erzähler Peter Jackson gerecht. An ihm und seinen durchweg guten Schauspielern liegt es nicht – es kann also wieder nur das Phänomen Literaturverfilmung Schuld sein.

Wertung: 6 von 10 Punkten (ohne die Geister-Zwischenwelt-Geschichte wäre dieser Film besser gewesen)

9 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    30. Juli 2010 11:39

    Deckt sich mit dem, was ich schon über den Film gelesen habe, weshalb ich auch auf den Kinobesuch verzichtete. Schade, denn die Story hätte sicherlich Potential gehabt, vom Regisseur mal ganz zu schweigen …

    • donpozuelo permalink*
      30. Juli 2010 12:06

      Ich wollte den eigentlich auch im Kino sehen, bin dann (zum Glück) nie dazu gekommen. Daher musste die DVD reichen.

      Die Story hat schon Potential und der Regisseur auch, deswegen war ich ehrlich gesagt noch ein wenig mehr enttäuscht, als sich der Film präsentierte, wie er ist.

      Schade, schade, schade…

  2. 31. Juli 2010 18:58

    Ich hatte mir so viel von dem Film versprochen und nach all den eher reservierten Kritiken, die ich seither gelesen habe (ich glaube nur eine positive war dabei…), konnte ich mich noch immer nicht durchringen, den Film zu gucken.

    • donpozuelo permalink*
      31. Juli 2010 19:18

      Tut mir ja auch echt leid, aber es ist, wie es ist 🙂

      Der Film hätte einen echt von den Socken hauen können – ich meine, wir reden hier von Peter Jackson. Aber leider ist er einfach viel zu lang…

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