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Der Malboro-Mann

21. Juni 2010

Er steht für ein glorreiches Amerika, wo Männer noch Männer sind, die am Lagerfeuer sitzen, Whiskey trinken und Zigaretten rauchen. Der Malboro-Mann prägt das Bild des modernen Cowboy wie kein anderer und ist doch nur eine Werbe-Figur für Amerika (und natürlich dafür, wie cool man doch mit einer Zigarette im Mund aussehen kann). Kein Wunder also, dass sich in unserem „heiß geliebten“, prüden Amerika Stimmen erheben, die Ang Lees „Brokeback Mountain“ als – ich zitiere – „Vergewaltigung des Malboro-Mann“ ansehen. Noch krasser wird es, wenn man sich in der Diskussion um sich zwei liebende Cowboys in den religiösen Bereich begibt. So wurde der Film sofort als moralisch anstößig bezeichnet und allen Christen wurde empfohlen, den Film nicht zu schauen, der doch männliche Liebe, aber auch Ehebruch zelebriere. Aber, und hier kommt weder die Zwiespältigkeit unserer amerikanischen Freunde zum Vorschein, der Film wurde ein großer Erfolg – ähnlich wie bei Mel Gibsons „The Passion of Christ“ strömten die Menschen in die Kinos. Klar, ich meine, all diese Kritiken wirken doch wie Verbote für kleine Kinder: es wird noch verführerischer den Film zu sehen.

Und Ang Lee schafft es hervorragend, von Anfang an mit dem Bild des Malboro-Mann zu spielen: große Landschaftsbilder mit Viehhütern, die lässig auf ihren Pferden reiten, rauchen und Whiskey trinken. Doch es ist dann genau dieser Whiskey, der Ennis (Heath Ledger) und Jack (Jake Gyllenhaal) in einer einsamen Nacht näher bringt. Anfängliches Zögern entwickelt sich zu einer innigen Freundschaft, die einen plötzliches Ende findet, als die Arbeit getan ist. Erst vier Jahre später treffen sich die beiden wieder – nur mittlerweile ist Ennis Vater von zwei Kindern und auch Jack hat eine kleine Familie. „Angelausflüge“ werden die Ausrede für beide Männer, um dennoch Zeit miteinander zu verbringen – das geht so lange gut, bis Ennis Frau herausfindet, was wirklich zwischen ihrem Mann und seinem Freund passiert.

Heath Ledger spielt seinen Ennis als verlorene Seele, der schon nach der ersten Nach mit Jack deutlich macht, dass er sich seiner Gefühle nie 100%ig sicher ist. Er schwankt hin und her zwischen Angst und Zweifel, wehrt die Angebote von Jack sogar ab, sie könnten doch zusammenziehen. Ennis fürchtet seine Gefühle, während Jack immer offen dazu steht. Inwieweit Jack und Ennis jetzt tatsächlich homosexuell sind, ist – ehrlich gesagt – schwierig einzuschätzen. Vor allem bei Ennis, der doch mehrere Male beim Verkehr mit seiner Frau gezeigt wird – und der sich dabei nicht zögerlich anstellt. Wahrscheinlich repräsentiert er den Schwulen, der nicht weiß oder sich nicht eingestehen will, schwul zu sein. Erst am Ende des Films, nach einem langen, sehr einsamen Leben findet Ennis zu Jack zurück (auch wenn der schon tot ist).

„Brokeback Mountain“ verlangt etwas Sitzfleisch von seinem Zuschauer – es ist ein langer Film, der seine eigenen Längen förmlich zelebriert. Ruhige Einstellung, großartige Landschaftsaufnahmen und sanfte (Oscar prämierte) Musik sorgen dafür, dass das man sich in den Bildern förmlich verliert. Dabei leidet aber auch anfangs die Story, denn lange Zeit passiert eigentlich nicht viel. Für die anfänglichen Durststrecken des Films wird der geduldige Zuschauer mit tollen Landschaftsbildern entschädigt und später entwickelt Ang Lee dann auch endlich eine emotionale und hintergründige Geschichte, in der es eben nicht nur im zwei Männer geht, sondern auch darum wie sie sich selbst sehen, wie sie mit ihrem Umwelt umgehen und was sie durchleiden müssen.

Ob man den Film jetzt als Zerstörung der Western-Idylle verschreien muss, weiß ich nicht. Sicherlich, Ang Lee geht einen krassen Weg, ohne aber selber krass zu werden. Bis auf eine kurze Sex-Szene und einige Kuss-Szenen verzichtet er darauf, die Homosexualität auf die Sex-Schiene zu dezimieren.

Wertung: 7 von 10 Punkten (überzeugender Film mit anfänglichen Längen)

9 Kommentare leave one →
  1. Sebastian Schuster permalink
    23. Juni 2010 10:10

    Warum, um Gottes Willen, haben sie diese progressive Geschichte nur in einen Western verpackt?

    Und warum um Gottes Willen setzt jeder meine Antipathie ggü. Western mit Antipathie ggü. Homosexualität gleich, wenn es um diesen Film geht?

    Ich verspüre keine Lust diesen Film zu sehen; Gründe s.o.

    • donpozuelo permalink*
      23. Juni 2010 11:18

      Tja, wahrscheinlich soll das klassische Westernbild ein wenig zerstört werden. Außerdem: Wieviel Western steckt wirklich in „Brokeback Mountain“? Nicht sehr viel. Bis auf die Tatsache, dass sie zwischendurch mal auf Pferden reiten und die typischen Hüte tragen, bleibt der Film dem Western-Genre sehr fern.

      Die Antipathie ggü. Western mit Antipathie ggü. Homosexualität zu verknüpfen kann ich jetzt auch nicht verstehen. Aber gut, manche Leute tun sich echt etwas schwer.

  2. Dr. Borstel permalink
    26. Juni 2010 13:08

    10/10. Ganz einfach. Seit „Titanic“ hat es keinen so bewegenden, emotionalen Film wie diesen gegeben, und der nicht gegebene Oscar war die ungerechtfertigste Entscheidung der Academy seit zumindest „Forrest Gump“. Ledger spielt ebenso überragend wie in „The Dark Knight“, Gyllenhaal ohne große Abstriche ebenfalls; die Story ist todtraurig, kompromisslos und pädagogisch sehr wertvoll, ohne je zu aufdringlich mit dem moralischen Zeigefinger zu winken, bis hin zum unfassbar traurigen Ende (dass in der deutschen Synchronfassung meiner Meinung nach noch besser wirkt als im Original – „Ich schwör’s dir, Jack“). Die von dir angesprochenen Längen sehe ich nicht, aber das mag wohl Geschmackssache sein. Ich mag übrigens Western überhaupt nicht; das hält mich aber nicht davon ab, „Brokeback Mountain“ für einen der großartigsten Filme des letzten Jahrzehnts zu halten.

    • donpozuelo permalink*
      28. Juni 2010 10:57

      Naja, volle Punktzahl würde ich nicht geben, aber du hast schon recht, es ist wirklich ein großartiger Film.

      Allerdings würde ich mich immer etwas davon fernhalten, „Brokeback Mountain“ als Western zu bezeichnen. Denn zum Western fehlt einfach zu viel. Und nur weil zwei „Cowboys“ mitspielen, die hier ja eigentlich mehr „Sheep Boys“ sind, ist der Film noch lange kein Western.

      • Dr. Borstel permalink
        29. Juni 2010 12:24

        Ich würde ihn auch nicht als Western bezeichnen; das war auch mehr in Abgrenzung zum Kommentar über mir gemeint. Wenn ich Western höre, denke ich an John Wayne und Clint Eastwood. „Brokeback Mountain“ hat damit wirklich nichts zu tun. Mir gefällt auch der Terminus „Schwulendrama“ nicht. Für mich ist es einfach ein romantisches Drama, wenn der Film überhaupt nach einer Kategorisierung verlangen würde. Was er nicht tut.

        • donpozuelo permalink*
          29. Juni 2010 16:40

          Du hast vollkommen Recht.

          Schwulendrama wäre auch etwas zu krass und baut gewisse „Erwartungen“ auf, die der Film gar nicht erfüllen will.

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