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Die Ratte

6. Juni 2010

Au weia… da kommen ja gleich mehrere Fragen auf, wenn man sich Martin Scorseses Remake von „Infernal Affairs“ ansieht? Die Frage, die mich persönlich und tatsächlich am meisten beschäftigt hat, war folgende: Wie kommt Scorsese dazu, am Ende des Film – im letzten Bild – aus der metaphorischen Ratte (als Verräter in den eigenen Reihen) eine echte Ratte (auf dem Balkongelände) zu machen? Für mich war dieses Endbild so ziemlich das Skurrilste, was ich bei Scorsese jemals gesehen habe. Ich meine, HALLOOOOOO… verstanden haben wir das mit der Ratte schon alle. Auch ohne, dass wir das tatsächliche Tier noch einmal zu Gesicht bekommen.

Aber gut, fangen wir von vorne an.

Martin Scorsese fährt für sein Remake des Klassikers „Infernal Affairs“ ein ordentliches Kaliber auf: Leonardo DiCaprio spielt den Cop, der bei der Mafia undercover arbeitet, Matt Damon ist der Mafiosi-Spitzel bei den Cops. Jack Nicholson ist der Mafiosi, Alec Baldwin, Martin Sheen und Mark Wahlberg stehen auf der Seite der Polizei. Als weiblicher Augenschmaus gibt’s dann da noch Vera Farmiga. Die Bestzungsliste spricht da schon sehr für „Departed“, obwohl… Obwohl ich ja sagen muss, dass mir Leonardo DiCaprio in diesem Film überhaupt nicht gefallen hat. Er sieht hier einfach noch zu unschuldig aus, um den knallharten Burschen zu spielen. Und auch Matt Damon kommt nicht an die Coolness eines Andy Lau heran – egal, wie viel Mühe er sich gibt. Einzig und allein Jack Nicholson hat mir in diesem Ensemble großer Namen wirklich gut gefallen.

Und mit der Figur von Nicholson versucht Scorsese dem asiatischen Stoff seine eigene Note aufzudrücken: Während es in „Infernal Affairs“ wirklich mehr um das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden „Ratten“ ging, verpackt Scorsese „Departed“ viel stärker als Mafia-Film. Gerade am Anfang lässt er sich viel Zeit, schildert erst einmal ausführlich, wie die beiden Ratten in ihr jeweiliges Gebiet kommen. Dabei erinnerte vor allem die Rekrutierung des jungen Matt Damon stark an „GoodFellas“ – erst kleine Arbeiten für den Big Boss und später ganz groß raus kommen.

Auch wenn sich Scorsese viel Mühe gibt, dem Original treu zu bleiben und trotzdem etwas Neues mit einzufügen, ist „Departed“ etwas langatmig geworden. Gerade am Anfang will so gar keine Spannung aufkommen: erst müssen wir den mühseligen Aufstieg DiCaprios bei der Mafia beobachten (der äußerst blutig ausfällt), nebenbei läuft Sunny-Boy Damon locker durch die Ränge der Polizei – und da, wo das Original zeitlich schon fast seinem Höhepunkt entgegen steuert, fängt Scorsese erst an die Thematik der Ratte wirklich in den Vordergrund zu schieben. Dadurch wird „Departed“ eigentlich mehr ein Mafia-Thriller mit weitaus weniger Spannung als das Original.

Da kann man eigentlich nur wieder und wieder mit dem Kopf schütteln, warum es ausgerechnet dieser Film sein musste, für den Scorsese den langverdienten Oscar bekommen hat. Das ist wieder eine dieser Academy-Entscheidungen, die wohl nie jemand verstehen wird. Denn „Departed“ ist bei weitem nicht das, was wir sonst von Scorsese gewöhnt sind. Was sich dann am besten am Bild der Ratte zum Ende widerspiegelt.

Gleichzeitig sollte dies auch eine Lehre sein: selbst wenn der Regisseur und die Besetzung hochkarätig ist, muss noch lange kein gutes Remake dabei herauskommen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (anfangs zu langatmig, später will die Spannung nicht richtig zünden – auch hier lautet die Devise: Nur Original ist genial!)

11 Kommentare leave one →
  1. 6. Juni 2010 11:28

    So schaut es nämlich aus. Schon als ich im Feedreader die Überschrift gelesen hatte, wusste ich, dass dies ein schöner Verriss wird. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      7. Juni 2010 16:49

      Danke, danke. Man soll ja immer ehrlich sein 😀 und das war ich auch. Ich bin ein großer Scorsese-Fan, aber das war wirklich schon fast Zeitverschwendung.

  2. 6. Juni 2010 22:08

    Mir hat „Departed“ gefallen, aber ich habe auch nicht das Original zum Vergleich. DiCaprio gefällt mir in der Rolle eigentlich ganz gut, überschattet wird er klar von Nicholson, was man von dem auch erwarten sollte.
    Da ich Thrillern mit einer etwas längeren Anlaufphase durchaus viel abgewinnen kann, bin ich mit dem Remake voll zufrieden.

    • donpozuelo permalink*
      7. Juni 2010 16:50

      Tja, ich weiß halt nicht, wie mir der Film gefallen hätte, wenn ich das Original nicht vorher gesehen hätte. Dadurch achtet man auf bestimmte Sachen natürlich ganz besonders.
      Aber ich glaube, selbst wenn ich das Original nicht gekannt hätte, wäre meine Bewerung ähnlich ausgefallen.

  3. 7. Juni 2010 20:22

    Muss mir wohl auch mal Infernal Affairs ansehen, denn ich fand „Departed“ super. Auch DiCaprio hat mir in dem Film gefallen, jedoch wird er für mich immer „The Babyface“ bleiben. Genau wie bei „Shutter Island“ finde ich, dass ihn dieser Flaum im Gesicht keinen Deut älter macht. 😀

    • donpozuelo permalink*
      8. Juni 2010 11:29

      Babyface DiCaprio – stimmt vollkommen. In „Departed“ ist es noch echt extrem, in „Shutter Island“ ging es. Da hat er mir tatsächlich das erste Mal ganz gut gefallen. Den Titanic-Look wird er aber wohl nie richtig ablegen können…

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