Zum Inhalt springen

Wer ist wer?

2. Juni 2010

Hitchcock hat in einem Interviews mal genau beschrieben, was für ihn Spannung bedeutet: Dass Publikum muss immer mehr wissen als die agierenden Figuren. Information ist das beste Mittel, um den Zuschauer zu fesseln. Je mehr er weiß und je weniger die Filmfigur weiß, desto mehr fiebert der Zuschauer mit, fleht die Figur an, endlich zu erfahren, was das Publikum eigentlich schon lange weiß. Das Warten auf diese Erkenntnis ist das, was Spannung ausmacht. Und Hitchcock sollte es wissen. Immerhin ist er der Master of Suspense. Hitchcock wusste, wie man spannende Filme macht, aber was ist mit seinen Erben? All denen, die uns ebenfalls Spannung bieten wollen?

Ein wirklich gutes Beispiel dafür, dass jemand es nach Hitchcock-Art macht, ist der Film „Infernal Affairs“ von Andrew Lau und Alan Mak: Yan (Tony Leung) arbeitet schon seit Ewigkeiten für den Gangster Sam (Eric Tsang). Lau (Andy Lau) ist auf der Karriereleiter der Polizei fleißig aufgestiegen. Doch wie fast immer gibt es etwas, dass den Schein trügt: Yan ist in Wirklichkeit ein verdeckt arbeitender Cop und Lau ein Spitzel für Sam. Schwieriger wird das Ganze erst, als die Tarnung des jeweils anderen droht, aufzufliegen. Etwas ironisch dabei ist aber, dass bei der Polizei Lau selbst damit beauftragt wird, den Maulwurf in den eigenen Reihen zu finden. Damit hat Lau scheinbar einen kleinen Vorteil.

Der Name „Infernal Affairs“ dürfte den meisten ein Begriff sein – am ehesten wohl durch das Oscar gekrönte Remake von Martin Scorsese. Aber wie mit so vielen asiatischen Filmen muss man sich auch bei „Infernal Affairs“ fragen, was ein Remake überhaupt soll? Wie kann man einen perfekt inszenierten, hoch spannenden Film noch besser machen? (Die Antwort darauf werde ich endlich am Donnerstag erfahren, denn da läuft „The Departed“ von Scorsese im Fernsehen).

Gleich zu Beginn von „Infernal Affairs“ begegnen sich Lau und Yan – ohne etwas über den anderen zu wissen. Sie sitzen zusammen in einem Laden und hören Musik. Fast schon wie zwei alte Kumpel. Erst danach erfahren wir, wer wer ist. Und geraten somit in ein fieses Katz-und-Maus-Spiel. Und hier kommt dann wieder Hitchcocks Auffassung von Spannung ins Spiel. Gerade weil wir wissen, mit welchen Gefahren sowohl Yan als auch Lau zu kämpfen haben, steigert man sich fast schon von alleine sehr stark in den Film hinein.

„Infernal Affairs“ ist ein großartig inszenierter, sehr komplexer Thriller, der die ganze Aufmerksamkeit seines Zuschauers verlangt. Aber dieser kann sich der Film gewiss sein, denn hat man einmal angefangen, lässt einen der Film nicht mehr los. Das liegt vor allem an den beiden Figuren Yan und Lau. Für Yan kann man eigentlich doppelt Mitleid aufbringen: einerseits muss er versuchen, nicht enttarnt zu werden, auf der anderen Seite sterben ihm relativ schnell diejenigen Leute weg, die überhaupt von seiner wahren Identität wissen. Lau dagegen ist ein perfektes, undurchsichtiges Mysterium. Gibt den perfekten Bullen, ist aber ein Gangster mit scheinheiliger Loyalität. Die Faszination von Laus Figur kommt daher, dass er eigentlich nie wirklich in Gefahr schwebt: in gewissem Maße ist von Anfang an klar, dass er nicht verlieren kann. Immerhin leitet er selbst die Ermittlungen gegen den Maulwurf in seiner Abteilung. Was könnte es besseres geben? Somit hat er den Rücken frei und kann sich ganz darauf konzentrieren, den Maulwurf bei den Triaden zu finden.

In sehr ruhigen Bildern wird hier eine knallharte, geniale Geschichte erzählt, die auch ohne viel Gewalt auskommt. Der Film wird eine interessante Charakterstudie von zwei sehr unterschiedlichen Figuren. Man kann vieles vorher ahnen, was aber in diesem Fall nichts schlechtes ist, denn die Regisseure Lau und Mak spielen genau mit diesen Erwartungen. Der ständige Wechsel von einer Figur zur anderen folgt ganz Hitchocks Motto: Viel Informationen für den Zuschauer. Aber Wissen bedeutet nicht immer, dass man wirklich alles weiß. Und so schafft es „Infernal Affairs“ genau an den richtigen Stellen zu überraschen – und macht somit eins deutlich: Egal, wie viel man über jemanden Bescheid weiß, es gibt immer etwas, dass man nicht wusste. Von daher ist das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Yan und Lau wirklich nur absolut sehenswert.

Womit wir wieder bei der Frage wären, warum es dazu noch ein Remake geben musste? Und dann auch noch mit Leonardo DiCaprio und Matt Damon. Aber ich werde mehr wissen – am Donnerstag. Bis dahin bleibt „Infernal Affairs“ ungeschlagen.

Wertung: 9 von 10 Punkten (großartiges Verwirr-Spiel: ein Maulwurf jagt den anderen)

13 Kommentare leave one →
  1. Sebastian Schuster permalink
    2. Juni 2010 09:22

    Oha..Schon wieder 9 Punkte? Was ich noch alles schauen muss 🙂 Diese Film kenne ich nicht, aber er lässt einiges erwarten.
    Aber:
    „Je mehr er weiß und je weniger die Filmfigur weiß, desto mehr fiebert der Zuschauer mit, fleht die Figur an, endlich zu erfahren, was das Publikum eigentlich schon lange weiß.“ ? Dies klingt wie eine einfache Rechnung, ist es aber meiner Meinung nach nicht. Denn zum einen ist auch die Unkenntnis ein großes und häufiger eingesetztes Mittel. Zum anderen ist der Einsatz des überlegenen Wissens wesentlich schwieriger. Oft sitzt man doch in Filmen und fragt sich, warum nicht auf anderem einfacheren Wege gehandelt wurde. Passiert dies zu häufig entfällt die Identifikation mit der Figur und der Film verkommt zur langweiligen Aneinanderreihung von unverständlichen Entscheidungen. Wichtig ist also trotz überlegenem Wissen noch eine Identifikation mit der Figur zu erreichen. Besser finde ich da das fälschlicherweise angenommene überlegene Wissen, welches sich im Irrtum niederschlägt und so einen tollen belehrenden Effekt hat 🙂

    Wie ist es hier?

    • donpozuelo permalink*
      2. Juni 2010 12:06

      Tja, belehrende Effekte gibt es bei „Infernal Affairs“ keine. Darum geht es ja auch nicht. Der Zuschauer ist von Anfang an der einzige, der über alles Bescheid weiß – quasi allwissend, was die Probleme der agierenden Figuren angeht. Was der Zuschauer nicht weiß, ist wie alles ausgehen wird. Denn hier kommt das menschliche Handeln ins Spiel, dass trotz allem Vorwissen nicht vorhersehbar ist. Vor allem in der Figur von Lau wird deutlich, dass man immer irgendwas nicht von einer Figur weiß.
      Und keine Sorge: „Infernal Affairs“ ist auch keine Aneinanderreihung unverständlicher Entscheidungen. Es ist halt einfach eine halsbrecherische Jagd, den jeweils anderen zu enttarnen. Langeweile kommt hier definitiv nicht auf 🙂

  2. 2. Juni 2010 22:11

    Als ich den Inhalt gelesen habe, dachte ich, das kommt mir aber bekannt vor, dabei kenne ich den Film nicht. Dann ist das also tatsächlich das Original von „Departed“. Den werde ich mir am Donnerstag (oha, schon morgen…) noch einmal angucken. Ich kann mich leider kaum noch an den Film erinnern – den groben Inhalt einmal ausgenommen.

    • donpozuelo permalink*
      2. Juni 2010 22:19

      Naja, wenn der Inhalt dir bekannt vorkam, heißt das ja zumindest, dass etwas beim Remake gleich geblieben ist 😉

      Ich werde mir den Film morgen auf jeden Fall auch anschauen….

  3. Dr. Borstel permalink
    5. Juni 2010 15:19

    Ich schätze, meine Obsession für „Lost“ spricht dafür, dass ich Hitchcocks Theorie nicht in jedem Fall zutrifft. 😉 Trotzdem ist „Infernal Affairs“ natürlich ein guter Film, auch wenn ich einen Punkt weniger geben und nach meinen blassen Erinnerungen an „The Departed“ sagen würde, dass das Remake den Vergleich zumindest ansatzweise halten kann.

    • donpozuelo permalink*
      5. Juni 2010 18:12

      Naja, morgen stelle ich meinen Text zu „Departed“ online – und soviel sei schon mal gesagt: es ist nicht Scorseses bester Film und wieder einmal ein gutes Beispiel dafür, dass manche Remakes einfach nicht sein sollten 😉

      Aber wie gesagt, dazu morgen mehr…

  4. 12. Juni 2010 19:06

    Allein schon wegen deinem „Departed“-Verriss möchte ich diesen Film noch sehen. 😀

    • donpozuelo permalink*
      13. Juni 2010 17:10

      Sehr gut. Mach das bloss. Tausendmal besser 😀

  5. luzifel permalink
    19. Juli 2010 20:16

    Wow.. Hab den Film gerade gesehen und bin wieder mal richtig begeistert. Coole Wandlungen bei den Charakteren und die Story ist auch sehr schick und vor allem wunderbar erzählt. Bei den 9 von 10 würde ich mich anschließen.

    Taugen die beiden Fortsetzungen eigentlich was?

    Grüße, Luzifel

    • donpozuelo permalink*
      20. Juli 2010 08:38

      Keine Ahnung, „Infernal Affairs 2“ habe ich zwar auch zu Hause, aber geguckt habe ich ihn noch nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der so gut sein könnte.

      Wußte gar nicht, dass es auch noch eine dritte Fortsetzung gibt.

Trackbacks

  1. Die Ratte « Going To The Movies
  2. Immer hübsch lächeln! « Going To The Movies
  3. Chinese GoodFellas | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: