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Absurde Odyssee

28. Mai 2010

In den Brüdern Coen steckt echt viel Kreativität. Wie sonst kann man es sich erklären, dass sie nach ihrem großartigen „The Big Lebowski“ gleich einen weiteren herrlich absurden Wurf liefern, der uns mit einem ähnlich skurrilen Helden präsentiert wie dem Dude.

Doch die Coens wären nicht die Coens, wenn sie einfach nur stupide kopieren würden, was sie vorher richtig gemacht haben. Stattdessen nehmen sie sich großes vor und verfilmen Homers „Odysee“. Aber vergesst jetzt mal ganz schnell die Vorstellung von Schwerter schwingenden Griechen in weißen Röckchen und Sandalen – nein, einen Sandalenfilm liefern die Coens nicht. Viel besser: sie platzieren ihre Geschichte der Odyssee einfach in amerikanischen Südstaaten Ende der 30er Jahre und nennen den Film mit dem sehr melodischen Titel „O Brother, Where Art Thou?“

Hier lernen wir drei skurrile Typen kennen: drei Sträflinge, die aneinander gekettet sind: Ulysses Everett McGill  (George Clooney) überredet seine an ihn geketteten „Mitstreiter“  Pete (John Turturro) und Delmar O’Donnell (Tim Blake Nelson) dazu, mit ihm zu fliehen. Das schafft er nur durch eine kleine Lüge: Pete und Delmar glauben, Ulysses kenne die Stelle, an der 1, 2 Millionen Dollar versteckt sind. Eile ist nur geboten, so Ulysses, denn dort, wo das Geld liegt, soll in Kürze ein Stausee entstehen. Also macht sich das Trio auf dem schnellsten Weg auf zum Geld, ohne zu wissen, dass dieser Weg länger und schwieriger sein wird, als sie gedacht haben.

„O Brother, Where Art Thou?“ ist die vielleicht witzigste Homer-Adaption, die mir bis jetzt untergekommen ist – die Coens beweisen wahnsinnig viel Kreativität, um die “sagenhaften” Gestalten irgendwie in ein modernere Figuren zu packen. Vielleicht an dieser Stelle nur zwei Beispiele:

1)      Wie bekommt man einen Zyklopen ins Amerika der 30er?
àAntwort: Man nimmt einen John Goodman und verpasst ihm eine Augenklappe: fertig ist ein einäugiges Monster, dass den drei Wanderern ordentlich Schwierigkeiten bereitet.

2)      Wie erschafft man Sirenen?
àAntwort: Man nehme drei Männer, die ziemlich lange in einem Gefängnis waren, packe sie vor ein paar Frauen, die sich in nassen Sachen vor ihnen räkeln und fröhlich vor sich hin trällern und schon ist die Versuchung da.

Die offensichtlichen Verbindungen zur „Odyssee“ wie der Name Ulysses, der Name von Ulysses‘ Frau Penny (Penelope) oder andere kleine Feinheiten sollen jetzt hier nicht alle aufgezählt werden. Es macht viel mehr Spaß, sie selber zu entdecken.

„O Brother, Where Art Thou?“ ist wie „The Big Lebowsky“ einfach ein herrlich komisch-skurriler Film in sanften Sepia-Tönen. Einmal mehr beweist auch George Clooney, dass er wirklich ein guter Schauspieler ist, dem diese klassischen Rollen passen.

Aber der Film besticht nicht nur durch die für die Coen so typischen Figuren und die dämlichen Zufälle, die das Leben der Figuren immer wieder ein wenig komplizierter gestalten als es sein müsste. Elementarer Bestandteil von „O Brother, Where Art Thou?“ ist die Musik. Der Soundtrack dient nicht einfach nur als Klangteppich für die Bilder, sondern ist fest eingebettet in die Handlung. Dadurch wird der Film zwar nicht unbedingt zu einem Musical, gewinnt aber eine zweite Ebene, die fast genauso mitreißend ist wie die Geschichte selbst.

So verdienen die drei Geflohenen ihr erstes festes Geld durch eine Aufnahme beim Radio, die sie – ohne das sie es wissen – zu Stars macht. Passend zu den Südstaaten ist es vor allem Blues und Hillbilly, die den Soundtrack bestimmen. Und auch wenn George Clooney nicht selber singt, ist seine Performance beim „Man of Sorrow“ echt einfach nur genial:

Ich kann Fans vom Dude diese Odyssee-Adaption nur wärmstens ans Herz legen: „O Brother, Where Art Thou?“ klingt vom Titel her vielleicht etwas schwerfällig, entpuppt sich aber als einer der witzigsten Filme der Coens, der einen (auch dank der Musik) wirklich fesselt.

Wertung: 10 von 10 Punkten (kann man sich eigentlich immer und immer wieder anschauen)

10 Kommentare leave one →
  1. christiansfoyer permalink
    28. Mai 2010 08:11

    Ganz klar eines der Highlights im Werk der Coens. Ich erinnere mich noch, die Anschaffung des Films auf DVD war vor ein paar Jahren auch ’ne Odyssee, der war (zumindest in meinem Einzugskreis) einfach nicht zu kriegen und schließlich fiel er mir dann zu ’nem völlig überteuerten Wucherpreis in die Hände 😉
    Aber was soll’s, der Film war/ist jeden Pfennig wert!

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2010 09:15

      Ja, der Film ist wirklich sein Geld wert, und du hast Recht, auch wirklich in den Läden schwer zu finden. Woran das wohl liegen mag??? Aber ein Glück gibt’s ja die Amazone, die im Netz für alle Dinge solcher Art zuständig ist 😉

  2. 29. Mai 2010 14:10

    Auch mein Lieblingsfilm der Coens, noch vor dem Dude.

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2010 09:16

      Ich muss auch sagen, dass der Dude nach diesem Film einen Schritt zurück machen muss. Die Mischung bei „O Brother, Where Art Thou?“ ist einfach noch besser.
      Und ich liebe den Soundtrack, der ist wirklich einfach nur großartig.

  3. Dr. Borstel permalink
    29. Mai 2010 20:01

    Den habe ich mit 13 oder 14 gesehen und mich furchtbar gelangweilt. Vielleicht sollte ich ihm jetzt noch mal eine Chance geben …

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2010 09:23

      Auf jeden Fall. Sonst hast du echt was verpasst. Ist wirklich ein großartiger Film!!!

  4. 4. Juni 2010 20:04

    Ich wollte den schon immer mal sehen. Bin aber nie dazu gekommen. In der Videothek meines Vertrauens haben sie den glaub ich nicht. Das heißt, ich muss meinen Freundeskreis terrorisieren… äh befragen.

    • donpozuelo permalink*
      5. Juni 2010 09:06

      Ja, terrorisiere… äh, befrage sie 😉

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