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Das Leben ist kein Computer-Spiel

25. Mai 2010

Aber wäre das nicht wunderbar? Vor jeder wichtigen Entscheidung speichern, sich dann entscheiden, sehen, wie es weitergeht und je nachdem wie es läuft, weitermachen oder neu laden. Nein, irgendwie klingt das dann doch nicht wirklich verlockend. Dass Computer-Spiele dennoch einen immer größeren Einfluss auf uns nehmen, ist heutzutage unbestreitbar – immerhin verdient die Branche mittlerweile mehr als die Filmindustrie und hat es sogar geschafft, manche richtig süchtig zu machen.

Richtig süchtig nach Spielen ist auch Ben (Greg Timmermans). So süchtig, dass das Spiel „Archlord“ sogar seine Sicht auf sein reales Leben beeinflusst. Aber für Ben ist das Ganze ein Mittel, um überhaupt mit der Welt klar zu kommen, denn er hat Asperger-Syndrom. Trotz seiner Krankheit geht er auf eine normale Schule, wo ihn sein anti-soziales Verhalten zur Zielscheibe von Mobbing und Terror macht. Nur seine Online-Gefährtin Scarlite hält zu ihm. Doch leider kann sie ihm auch nicht helfen, als Ben terrorisiert und ein peinliches Video von ihm im Netz auftaucht. Immer mehr und mehr wird Ben terrorisiert, bis es schließlich zur Eskalation kommt.

Nic Balthazar ließ sich von einem Zeitungsartikel zu dem Film „Ben X“ inspirieren und verarbeitet auf extreme Art und Weise Bens Alltag. Besonders gelungen sind die ständigen Wechsel zwischen Realität und Bens geliebter Online-Welt. In der Welt des Spiels „Archlord“ (das es nach meinen Informationen tatsächlich gibt – wenn ja, ist so ein Film mal wieder ein echt cleverer PR-Schachzug) ist Ben ein Normaler wie all die anderen Spieler auch. Kein Wunder also, dass er diese Welt mit in seine Realität nimmt. So wird an bestimmten Stellen immer hin und her gesprungen – besonders in Situationen, in denen Ben sich unwohl fühl. Da sehen seine Peiniger auf einmal aus wie riesige Orks oder Bens Schulweg verwandelt sich in einen Lauf durch die Spiele-Welt. Es gelingt Regisseur Balthazar, den Aspekt der Realitätsvermischung genau an den richtigen Stellen einzuarbeiten, ohne das es zu aufdringlich wirkt. Im Gegenteil, gerade bei den Gewaltszenen ist es fast schon eine Erleichterung, dass wir „nur“ sehen, wie Bens Avatar gequält wird.

„Ben X“ ist ein krasses Außenseiter-Drama mit einem noch krasseren Ende. Allerdings vergisst man hin und wieder im Film, dass Ben tatsächlich eine Krankheit hat. Die Geschichte mit dem Asperger-Syndrom ist zwar hilfreich für die Charakterzeichnung, für den große Thema des Films aber gar nicht so wichtig. In einer Zeit von Nerds und Kellerkindern hätte auch ein ganz „normaler“ Außenseiter gereicht, um die Geschichte glaubhaft rüber zu bringen. Das soll jetzt aber kein negativer Faktor des Films sein, denn „Ben X“ hat eine unheimlich extreme Sogkraft. Das liegt vor allem an Ben selbst: der Zuschauer lernt ihn eigentlich von Anfang an als „Normalen“ kennen – immerhin ist er der Erzähler und nicht einmal scheint seine Krankheit Auswirkungen darauf zu haben. Nur in seiner Umgebung und in seinem Verhalten mit anderen Menschen zeigt sich der kranke Ben. Umso erschreckender ist es, dass eigentlich kaum jemand, seine Krankheit als solche anerkennt. Und nur so wird er zum Opfer. Ein Opfer, dass sich aber auf sehr bittere Weise rächt.

„Ben X“ ist ein schockierender und extrem bewegender Film über eine Krankheit, die man von außen vielleicht nicht einmal als solche einschätzen würde. Der Mix aus Realfilm und Onlinespiel setzen dem Ganzen noch eine besondere Note auf und machen den Film zusätzlich sehenswert.

Wertung: 9 von 10 Punkten (spannend und bitter bis zum Schluss)

4 Kommentare leave one →
  1. Sebastian Schuster permalink
    26. Mai 2010 00:55

    Endlich ist das Thema „Online-Spiele“ und Spielesucht auch im Film angekommen. Freue mich, nachdem ich mit „Gamers“ eine eher aktionlastige Idee gesehen habe, darauf, es mal ein Stück realistischer dargeboten zu bekommen.

    • donpozuelo permalink*
      26. Mai 2010 11:28

      „Gamer“ war zwar auch ne nette Idee, aber der Action-Faktor überwog deutlich.
      „Ben X“ ist aber auch nicht unbedingt mit dem Thema Spielesucht zu verbinden. Süchtig in dem Sinne ist Ben nicht, vielmehr hilft ihm das Online-Game sich in der Welt außerhalb des Games zurecht zu finden. Eigentlich soll die Vermischung zwischen Online- und Realwelt nur sein Asperger-Syndrom besser verdeutlichen.

  2. 1. Juni 2010 21:48

    So, ich habe extra erst einmal selbst den Film geschaut, bevor ich mir deine Sicht durchgelesen habe. Im Großen und Ganzen verstehen wir uns ja wieder prächtig.
    Der Mix aus Spielfilm, Onlinespielwelt und Dokumentation haben mich wirklich gepackt, vor allem weil einem das Unheil ja schon vorausgedeutet wird.
    „Archlord“ gibt es (oder gab es) tatsächlich, ist wohl aber eher gefloppt. In diesem Sinne hat der Film wohl wenig positive Werbung gebracht. Tatsächlich finde ich es dann doch erstaunlich, dass das Spiel als solches doch sehr in den Hintergrund gerät, obwohl man ständig damit konfrontiert wird. Das klingt irgendwie abstrus, aber vielleicht versteht mich ja trotzdem irgendjemand 😉

    • donpozuelo permalink*
      1. Juni 2010 22:44

      Stimmt, mit dem Spiel hast du Recht. Es verschwindet schnell aus dem Gedächtnis, aber ich glaube, genau das soll so sein. Es geht ja schließlich nicht ums Spiel und auch für Ben ist das Spiel nur eine Art Stütze. Ein starker Fokus aufs Spiel wäre da wohl eher fehl am Platze gewesen.

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