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Genie und Wahnsinn

20. Mai 2010

Hinter jeder Person, die wir auf der Straße sehen, steckt eine Geschichte. Ein erster flüchtiger Blick auf den Mann im Anzug, die Frau im Minirock oder den Obdachlosen in Lumpen geben uns einen ersten Eindruck, besser: eine erste Vermutung, was für eine Geschichte hinter der Person stecken könnte. Man soll ja ein Buch nicht nach dem Einband bewerten – und wir tun es trotzdem. Aber zum Glück haben wir unsere Freunde aus den USA, die gerne zeigen, dass es auch anders geht. Damit wir das Ganze dann auch wirklich glauben, passt zu solchen Geschichten immer ein: „Basiert auf einer wahren Begebenheit“.

Steve Lopez (Robert Downey Jr.) schreibt eine Kolumne für die Los Angeles Times über die Stadt der Engel und ihre Menschen. Bei seiner Suche nach seiner nächsten Story trifft er auf Nathaniel Ayers (Jamie Foxx). Nathaniel ist das perfekte Beispiel für das Sprichwort: „Genie und Wahnsinn liegen dicht bei einander.“ – er ist obdachlos, schizophren und ein Musiktalent sondergleichen. Als Lopez die Geschichte hinter dem Obdachlosen findet, beißt er natürlich – wie ein braver Journalist das so macht – an. Was aber anfangs nur eine gute Story sein soll, geht Lopez bald ganz nah und er setzt sich mehr und mehr für den obdachlosen Nathaniel ein.

Joe Wright ist durch „Stolz und Vorurteil“ oder „Abbitte“ bekannt geworden – Filme, die… ja, die ich nicht gesehen habe, weil ich mich selbst nicht unbedingt als Angehöriger der Zielgruppe Keira Knightley ansehe (oder auch Jane Austen – natürlich nur im ersten Film). Wright scheint also der Regisseur für den modernen Kostümfilm zu sein – vielleicht trägt Jamie Foxx deswegen in „Der Solist“ auch die ein oder andere sehr merkwürdige Klamotte. Aber darum soll es ja jetzt nicht gehen.

„Der Solist“ erzählt also eine wahre Geschichte und versucht natürlich diese auch mit sehr viel Herz-Schmerz rüberzubringen. Aber das gelingt nur teilweise: So viel sei gesagt – an den Schauspielern liegt es nicht. Robert Downey Jr. Spielt großartig und Jamie Foxx hat die Rolle des geplagten Musikers seit „Ray“ ja eh für sich gepachtet. Downey und Foxx bieten ein vorzügliches und auch durchaus glaubhaftes Leinwand-Duo, das vor allem am Anfang sehr überzeugt. Doch irgendwann fällt „Der Solist“ in ein Loch. Lopez kämpft gegen einen Ayers, der gar nicht gerettet werden will, der sich zufrieden gibt, mit dem, was er hat. Es kommt zu einem etwas lustlos dargestelltem Hin und Her. Zwar versucht Regisseur Wright – sehr löblich – auch mal die andere Seite der Stat der Engel zu zeigen: Aber nur ein bisschen dramatische Musik und Bilder von Obdachlosen auf der Straße bringen hier keinen wirklich zum Weinen. Zumal der Blick hinter den strahlenden Sonnenschein L.A.s will Wright auch nicht so richtig gelingen – statt wirklich mehr die Geschichte hinter der Person zu erzählen, erzählt Wright viel mehr die Geschichte von Lopez. Und mal ehrlich: Das will keiner sehen. Die Geschichte hinter dem Journalisten wollen wir vielleicht noch bei „Superman“ oder „Die Unbestechlichen“ oder „Frost/Nixon“ sehen, aber nicht in „Der Solist“. Hier sollte es eigentlich um Nathaniel gehen und nicht um den „armen“ Steve Lopez, der sich plötzlich um etwas kümmert.

Joe Wrights „Der Solist“ ist kein sonderliches Meisterwerk – es ist ein solider Film, der durchaus gut anfängt, aber sich dann nicht auf seine eigentliche Geschichte – Nathaniel – konzentriert. Vielleicht hätte Wright – bei seinen hochgelobten Vorgängerfilmen – lieber beim historischen Drama bleiben sollen.

Warum „Der Solist“ auch noch das Prädikat „Besonders wertvoll“ erhalten hat, bleibt wohl das größte Mysterium des Films.

Wertung: 5 von 10 Punkten (leider weniger dramatisch als erwartet)

3 Kommentare leave one →
  1. christiansfoyer permalink
    20. Mai 2010 13:02

    Ich fand den auch reichlich heuchlerisch, sehr viel Widerspruch zwischen den Elementen, die Anteilnahme geradezu erzwingen wollen und solchen Szenen, die einfach nur total arschig seitens des Lopez-Charakters sind. Und das nur der besonders befähigte Obdachlose die Mühe wert ist, während alle anderen weiter dahinvegetieren ist natürlich mal wieder ganz typisch…
    Downey jr. und Foxx spielen aber tatsächlich stark, fast der einzige Grund, warum’s bei mir für den Film noch 4 Punkte gab

    • donpozuelo permalink*
      20. Mai 2010 14:14

      Wow, sogar einen Punkt weniger 🙂
      Aber du hast Recht…. so sind sie halt die Amis – Einzelschicksale sind da immer ein bisschen wichtiger als das große Ganze.

Trackbacks

  1. Daddy’s Little Girl « Going To The Movies

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