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Sean Penn-Double Feature

16. Mai 2010

Sean Penn gehört ja für mich zu den Garanten für gute Filme. Bis jetzt hat er weder vor noch hinter der Kamera enttäuscht. Vor allem „Into The Wild“ fand ich als Regiearbeit eines Schauspielers ziemlich beeindruckend. Aber natürlich brilliert Penn ja mehr als Schauspieler. Jetzt habe ich zwei Filme von ihm gesehen, die mich sehr verwundert haben – verwundert in der Hinsicht, dass er erst für den späteren Film einen Oscar bekommen hat, während seine Performance in dem früheren Film wesentlich intensiver war:

Sean Penn – „Ich bin Sam“ vs. „Mystic River“

Worum geht’s?

„Ich bin Sam“ erzählt die rührselige Geschichte vom geistig zurückgebliebenen Sam Dawson (Sean Penn), der zusammen mit der Anwältin Rita Harrison (Michelle Pfeiffer) darum kämpft, seine kleine, ihrem Vater geistig überlegenere Tochter Lucy (Dakota Fanning) behalten zu dürfen.

„Mystic River“ erzählt von den drei Freunden  Jimmy (Sean Penn), Dave (Tim Robbins) und Sean (Kevin Bacon), die erst durch den Mord an Jimmys Tochter quasi wieder vereint werden – Jimmy als Opfer, Seans als ermittelnder Polizist und Dave als potenzieller Verdächtiger.

Wer hat’s gemacht?

„Ich bin Sam“ ist das sehr ambitionierte Debüt der Regisseurin Jessie Nelson. Debüt-Filme werden ja immer etwas kritisch beäugt. Wer aber als No-Name Schauspieler wie Penn, Pfeiffer und Fanning vor die Kamera bekommt, dem kann eigentlich nichts passieren. „Mystic River“ ist von Clint Eastwood. Das spricht schon allein dafür, dass man einen sehr guten Film erwarten darf.

Wie ist’s gemacht?

„Ich bin Sam“ beeindruckt durch Sean Penns Darstellung des geistig zurückgebliebenen Sam Dawson, der die Beatles, seinen Job bei Starbucks und natürlich seine Tochter Lucy liebt (die nach dem Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ benannt worden ist). Penns Darstellung wirkt absolut überzeugend – in jeder Minute, zu jedem Zeitpunkt steckt Penn in der Haut von Sam und liefert eine Glanzleistung ab. Dazu kommt aber auch die technische Seite – Regisseurin Nelson gelingt es auf wunderbare Weise, den Film nach Sam zu orientieren: So sind beispielsweise die Szenen im Gericht, bei Anwälten oder Psychologen immer sehr blau und dunkel. Es sind Welten, in denen Sam sich nicht wohlfühlt, weil er sie nicht versteht. Dagegen sind die Szenen mit seiner Tochter oder seinen Freunden immer in sehr hellen, warmen Farben. Diese Szenen sind allein schon für den Zuschauer wesentlich angenehmer zu schauen. Also allein durch die Farben entsteht ein Bild von Sams Wesen, dass dem Zuschauer wie einer dieser alten Gefühlsringe deutlich macht, wie Sam sich gerade fühlt. Dazu kommen sehr schnelle Schnitte, wackelige Einstellungen und teils merkwürdige Perspektiven – diese sind auch wieder in den kalten Szenen überwiegend: wird Sam nervös, wird die Kamera nervös, das Bild springt hin und her. Das einzige, was wirklich schade ist, dass der Soundtrack sich keine Beatles-Lieder leisten konnte, wo Sam und Lucy doch so fixiert auf die vier Pilzköpfe sind.

„Mystic River“ ist ein klassischer Clint Eastwood. Schnörkellos, schlicht und grau fängt er die schnörkellose, schlichte und graue Welt seiner Protagonisten ein. Eastwoods Film dreht sich um Themen der Gewalt, Hass, Missbrauch und Misstrauen. Es ist ein teilweise schwerverdauliches Drama. Es ist großartiges Erzählkino, das vor allem durch seine Schauspieler lebt. Hierbei stiehlt aber Tim Robbins allen die Show, der als Kind missbraucht wurde und dem dieses Erlebnis noch in den Knochen steckt. Seine Figur leidet mit jeder Minute des Films mehr – und das sieht man vor allem Robbins selbst an. Im Großen und Ganzen verflechtet Eastwood verschiedene Handlungsstränge mit denen seiner drei Hauptfiguren. Dadurch wird Spannung aufgebaut, um in jedem neuen Strang die Erlebnisse des vorangegangenen wieder zu finden. „Mystic River“ verlangt einen aufmerksamen Zuschauer, um seine ganze Emotionalität und Tiefe entfalten zu können.

Welcher Film ist nun eher zu empfehlen?

Schwierigste Frage überhaupt. Beides großartige Filme, beide Male ein großartiger Sean Penn, obwohl… „Ich bin Sam“ bietet einen Penn, der wesentlich intensiver spielt als der Penn in „Mystic River“. Insgesamt gesehen ist „Ich bin Sam“ viel rührseliger – Taschentücher parat halten. Wo „Mystic River“ echt schockt und ein krasses Psychoprofil seiner Protagonisten zeichnet, beeindruckt uns „Ich bin Sam“ durch den herzerwärmenden Sam Dawson, der trotz der Tatsache, dass er geist zurückgeblieben ist, mehr über Menschlichkeit und Liebe weiß als seine „normalen“ Gegenspieler. Im Kampf „Ich bin Sam“ vs. „Mystic River“ gewinnt „Ich bin Sam“. Allein schon wegen einem grandioseren Sean Penn.

Wertung:

„Ich bin Sam“ – 9 von 10 Punkten (toller Film, der sehr zu Herzen geht)

„Mystic River“ – 8 von 10 Punkten (krasser Film über den Zerfall einer Jugendfreundschaft)

5 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    16. Mai 2010 19:18

    „Ich bin Sam“ habe ich nicht gesehen; die Story spricht mich nicht wirklich an – für Penn gilt natürlich das Gegenteil, wobei nicht nur er allein „Mystic River“ zu einem großartigen Film macht. Am Besten finde ich ihn aber nach wie vor in „Milk“.

  2. donpozuelo permalink*
    17. Mai 2010 13:38

    „Milk“ habe ich leider nicht gesehen.
    „Ich bin Sam“ kann ich trotzdem nur empfehlen.
    Und klar, „Mystic River“ ist mehr ein Ensemble-Film – bei dem aber Tim Robbins eindeutig besser spielt (und auch zurecht den Oscar bekommen hat)

  3. christiansfoyer permalink
    18. Mai 2010 14:40

    Mein (klarer!) Sieger wäre „Mystic River“. „Ich bin Sam“ hab ich mal während der Heilerziehungspflegerausbildung gesehen und abgesehen von Penns tatsächlich herausragendem Spiel ist der übrige Film eher… eben einer dieser Filme, der von außen zu wissen glaubt, wie es im Leben und Verstand eines geistig Behinderten zugeht. Ohne Berufshintergrund hätte der mir möglicherweise besser gefallen…
    „Mystic River“ und auch der vom Doc erwähnte „Milk“ sind ohne Zweifel für mich die klar besseren Filme, auch wenn sie nicht zwingend den besseren Penn bieten 😉

    • donpozuelo permalink*
      18. Mai 2010 15:28

      Na gut, da gebe ich dir Recht. Der Hintergrund fehlt komplett und dadurch wird das Ganze natürlich recht nett dargestellt – wie ein Leben „fast“ ohne Probleme.

      Wie schon gesagt, „Milk“ habe ich noch nicht gesehen und bei „Mystic River“ ist es halt nicht nur Sean Penn allein, der großartig ist.

Trackbacks

  1. Kleinstadtschnüffler « Going To The Movies

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