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Geborgte Leiter

12. Mai 2010

Wie die Zukunft aussieht, kann man nie genau sagen. Aber man kann sie sich vorstellen – man muss nur beobachten, was im Moment passiert und es einfach weiter spinnen. Schließlich sind wir Gewohnheitstiere, die sich auf die eine oder andere Art und Weise doch immer wieder auf die gleiche Art und Weise verhalten. Immerhin lagen alte Science-Fiction-Filme nicht so ganz daneben, wenn sie von elektrischen Haushaltshilfen und anderen Dingen träumten, die das Leben der Menschen erleichtern. Wenn man es genau betrachtet, sind viele dieser Dinge wahr geworden.

Nimmt man an, dass wir heutzutage immer mehr danach streben, perfekt zu sein, dann kann man auch die Zukunftsvision aus „Gattaca“ als etwas betrachten, dass wahr werden könnte. Schließlich beginnt der Film mit den Worten „In einer nicht fernen Zukunft“. Perfektion wird hier das Zauberwort: statt natürlicher Geburt wird alles mechanisiert und vorhergesagt. Ein wenig Aldous Huxleys „Brave New World“, wenn man so sagen möchte. Es gibt in der Welt von „Gattaca“ eine ganz neue Art von Diskriminierung – es existiert kein Schwarz und Weiß mehr, statt dessen gibt es VALIDE und IN-VALIDE oder auch Gotteskinder genannt (ein sehr schöner Begriff, wie ich finde). Vincent (Ethan Hawke) hat das Problem, so ein Gotteskind zu sein. Schon seit seiner Geburt steht fest, wann er zu sterben hat und möglicherweise auch woran (ein Herzleiden). Somit ist Vincent invalide und kann nur noch als Putze seinen Lebensunterhalt bestreiten. Aber Vincent will mehr, er blickt zu den Sternen, will raus ins All. Doch das ist nur der Elite vorbehalten. Ehrgeiz jedoch hat nichts mit valide oder invalide zu tun, und so findet Vincent einen Weg: er findet Jerome (Jude Law), einen Validen, der ihm seine genetische Identität borgt und so seine „geborgte“ Karriereleiter wird.

Andrew Niccol zeichnet eine utopische Gesellschaft, die doch schon gar nicht mehr so utopisch ist, wie man damals 1997 vielleicht noch geglaubt hätte. Vincents Bewerbungsgespräch als Jerome besteht im Testen seiner Gene. Valide bedeutet gleich Erfolg. Klingt irgendwie zu vertraut, wenn wir doch heute ständig Statistiken vorgesetzt bekommen, in denen schönen Menschen – scheinbar perfekten Menschen – mehr Erfolg, mehr Geld, mehr von allem zugesprochen wird. Perfektion bedeutet Erfolg. Und so laufen die Menschen in „Gattaca“ auch alle wie aus dem Ei gepellt herum: der Anzug sitzt, die Frisur sitzt, der Mensch sitzt brav an seinem Arbeitsplatz – brave, perfekte Drohnen, die genetisch perfekt sind.

Eine gruselig sterile Welt, in der eine verdeckte Apartheid herrscht, die erst Vincent zu durchbrechen wagt. Aber als ein Mord seinen Schwindel aufzudecken droht, wird deutlich, dass selbst eine geborgte Leiter eben nur geborgt ist und man seine eigene Identität nicht auf ewig verstecken kann.

„Gattaca“ entführt den Zuschauer in eine wunderschöne und zugleich erschreckende Zukunft. Andrew Niccols, der hier sein Debüt gibt, bewies schon in „Die Truman Show“ (Niccols schrieb hier aber nur das Drehbuch), dass er das Händchen dafür hat, Filme mit Köpfchen zu machen. „Gattaca“ gehört in die Sparte Science-Fiction-Film, die man mal gesehen haben muss – stylisch in Szene gesetzt, clever und spannend inszeniert, mit kritischem Unterton, der neben dem Unterhaltungswert auch noch zum Nachdenken anregt. Denn Niccols macht sehr schön deutlich, dass es kein Gen für Ehrgeiz gibt. Mit der schönen Botschaft, dass Träume erreicht werden können, schickt Niccols seinen Invaliden in den Weltall.

Wertung: 9 von 10 Punkten (schöne Menschen in einer unschönen Zukunft – Perfektion ist alles, das hat sich Niccols auch für seinen Film vorgenommen und es ist ihm geglückt)

3 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    15. Mai 2010 16:28

    Ich mag dystopische Science Fiction ja sehr, habe aber eine unerklärliche Abneigung gegen Ethan Hawke entwickelt, die mich bis jetzt davon abgehalten hat, mir den Film anzuschauen. Vielleicht sollte ich das noch mal überdenken.

    • donpozuelo permalink*
      16. Mai 2010 10:07

      Du kannst ja immer einen schwarzen Balken über Ethan Hawke setzen 🙂 oder du besorgst dir das Hörbuch (falls es eins gibt) 😉

Trackbacks

  1. Der 1001. Film | Going To The Movies

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