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Vollkommen irre?

2. Mai 2010

Ich hasse es wie die Pest, wenn ich zu bestimmten Filmen eine extrem hohe Erwartungshaltung aufbaue und mit riesiger Vorfreude ins Kino laufe. Wenn das Feuer der Vorfreude noch zusätzlich durch positive Rezensionen in den Medien angefacht wird, ist meine Erwartung an den Film so hoch, dass es eigentlich fast unmöglich ist, dieser gerecht zu werden. In den meisten Fällen ist das dann auch der Fall. Hin und wieder aber passiert es dann, das die Erwartungen tatsächlich eintreffen. Das ist aber eher seltener geworden.

So ähnlich erging es mir mit Martin Scorseses „Shutter Island“. Ich bin ein großer Scorsese-Fan, habe fast alle seine Filme gesehen und bis auf „Aviator“ mag ich sie auch alle total gerne. Zwar konnte ich es anfangs nur schwer begreifen, dass er seinen Stammschauspieler Robert DeNiro durch Leonardo DiCaprio ausgetauscht hat, aber auch daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Man muss ja schließlich mit der Zeit gehen – und nur noch Alte-Männer-Filme machen ist einfach nicht Scorseses Ding. Und wenn man dann hört, dass sich dieser Mann dem Psychothriller zuwendet, dann wird man doch etwas neugierig – nach zahlreichen Filmen, die sich mehr dem organisierten Verbrechen widmeten, erfindet sich Scorsese neu und wechselt mal kurz das Genre. Das dürfte doch interessant werden. Ist es auch, aber nicht zur vollsten Zufriedenheit meinerseits.

Scorsese schickt Leonardo DiCaprio und Mark Rufallo als U.S.Marshalls Teddy Daniels und Chuck Aule nach Shutter Island, wo ein herrlich undurchsichtiger Ben Kingsley eine Anstalt für kriminelle und gewalttätige Verrückte betreibt. Jetzt ist eine Patientin verschwunden und die Marshalls sollen sie finden. Bei ihren Untersuchungen stoßen sie aber auf einige Ungereimtheiten, Geheimnisse und vor allem DiCaprios Teddy hat mehr zu kämpfen als er gedacht hatte.

Scorsese gelingt ein atmosphärischer sehr dichter und guter Thriller. Allein schon die alte Festung auf Shutter Island, die zur Anstalt umfunktioniert wurde, hat ihre ganz eigene Wirkung. Durch die Abgeschiedenheit der Anstalt ist daraus fast so etwas wie eine eigene Gesellschaft geworden, in der die beiden Marshalls auffallen wie bunte Hunde. Bunt geht es jedoch keineswegs zu, Scorsese setzt auf viel Dunkelheit, viel Geheimnisvolles und gekonnte Schockmomente. Scorsese nutzt seine Location gekonnt aus, um aus „Shutter Island“ einen technisch ausgezeichneten Film zu machen. Doch in der Abteilung Story wird hier das Rad nicht gerade neu erfunden, im Gegenteil: in der Welt der Wahnsinnigen ist nur der Normale nicht mehr Normal. So oder so ähnlich verläuft die Geschichte. Marshall Teddy Daniels läuft immer häufiger gegen Wände, bis er selbst nicht mehr genau weiß, was er eigentlich glauben soll und vor allem wem er überhaupt noch sein Vertrauen schenken kann. Dazu kommt noch eine Retrospektive ins ……. Vergangenheit aus dem Zweiten Weltkrieg. Es gelingt Scorsese aber ganz gut, den Zuschauer immer mal wieder auf eine falsche Fährte zu locken, leider übertreibt er es manchmal etwas. Der Film wirkt dadurch an manchen Stellen zu lang, könnte früher bestimmte Sachen aufklären.

Aber auch wenn die Story vielleicht nicht großartig und neu ist, gibt es doch eine absolute Neuheit: Endlich, endlich überzeugte mich Leonardo DiCaprio absolut. Es ist krass, ihn dabei zu beobachten, wie er seine Figur langsam zerfallen lässt. Anfangs begegnen wir einem hoch motivierten, willensstarken Typ. Doch dieser Typ verschwindet nach und nach hinter Zweifeln, Paranoia und der Angst vor der eigenen Vergangenheit. DiCaprio überzeugt echt auf ganzer Linie und spielt Teddy mit einer unglaublichen Leinwandpräsenz. Scorsese hat wirklich einen würdigen DeNiro-Nachfolger herangezüchtet, der – zumindest in meinen Augen – mit „Shutter Island“ endgültig sein Bubi-“Titanic“-Image ablegt.

Somit sei gesagt, dass „Shutter Island“ ein guter Film ist, der vor allem durch DiCaprios Leistung und Scorseses Auge getragen wird. Die Geschichte ist nett, aber mysteriöse Stories mit überraschendem Ende gibt es definitiv bessere. Trotzdem lohnt sich der Film… und wenn auch nur, um Leo endlich ernst nehmen zu können.

Wertung: 7 von 10 Punkten (düstere Story, die sich manchmal selbst verläuft)

6 Kommentare leave one →
  1. 2. Mai 2010 14:26

    Vielleicht schaffe ich es diese Woche ja doch noch in eine der letzten Kinovorstellungen dieses Thrillers zu kommen (zumindest in der Näche meines Wohnortes). Ansonsten lasse ich mich aber auch auf der Couch gerne in die Irre führen.

    • donpozuelo permalink*
      2. Mai 2010 16:31

      Ich glaube, da kannst du dich auch auf deiner Couch in die Irre führen lassen 🙂

  2. 15. Mai 2010 09:17

    Ganz im Gegensatz zu dir, hatte ich von dem Film nicht das Geringste gehört, bis ich mit Freunden zu einer Vorstellung gegangen bin. Aufgrund fehlender Erwartungshaltung hat mich der Film dann wirklich überrascht. Ich fand die Story gut, auch wenn sie an manchen Stellen wirklich etwas gestreckt wirkte.
    Ähnlich wie bei dir hat mich DiCaprio hier endlich überzeugt, allerdings finde ich immer noch, dass er wie ein Bubi aussieht, selbst mit Bart. 😉
    Was ich an manchen Stellen übertrieben fand, war die Musik. Sorgte sie in den meisten Momenten für eine tolle Atmosphäre, wirkte sie beim Durchfahren der Einfahrt vom Anwesen meiner Meinung nach irgendwie deplaziert.

    • donpozuelo permalink*
      16. Mai 2010 10:06

      Naja, das mit dem Leo-Bubi wird er vielleicht nie ganz los werden, aber überzeugend war er auf jeden Fall.
      Das mit der Musik ist mir gar nicht so aufgefallen – was aber vielleicht daran lag, dass mich der Film nicht so ganz fesseln konnte.

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