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Rachegötter

20. April 2010

Der klassische Hollywood-Rachefilm verläuft eigentlich immer nach Schema F: der Heldin/ dem Helden wird ein (oder mehrere) geliebter Mensch auf ziemlich üble Art und Weise genommen. Nach einer von Film zu Film unterschiedlich langen Trauerphase keimt Wut, Zorn oder was auch immer auf, und Heldin oder Held zieht in den Kampf. Meist mit anfänglichen Rückschlägen, die aber nur noch mehr anstacheln und am Ende in einem „triumphalen“ Blutbad enden. Was Heldin oder Held dann so fühlen, wird nicht weiter thematisiert, wozu auch: Selbstjustiz auf der Leinwand muss doch nicht so weit gehen. Und so häufen sich die Filme, die mal mehr, mal weniger gut daher kommen und uns zeigen, was passiert, wenn einem Unschuldigen Leid angetan wird und kein anderer sich drum kümmert. Selbst ist der Mann – oder die Frau.

Doch zum Glück gibt es da ja auch noch immer die berühmte Ausnahme der Regel. Jemanden, der sich gleich in mehreren Filmen mit dem Thema Rache beschäftigt hat und es dabei ordentlich krachen lässt, ohne oben genanntem Schema F zu verfallen. Der Südkoreaner Park Chan-Wook darf wohl berechtigt als König des Rachefilms bezeichnet werden. In drei Filmen hat er sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt: 2002  „Sympathy for Mr. Vengeance“ (der leider in Deutschland nie angekommen zu sein scheint – ich habe ihn bis jetzt zumindest immer noch nicht in die Finger kriegen können), 2003  „Oldboy“ und zum Schluss 2005  „Lady Vengeance“. Um die letzen beiden Filme soll es hier gehen.

Fangen wir mit „Oldboy“ an, der sich schon als ziemlich abgefahren erweist, wenn man nur die groben Grundzüge der Geschichte kennt: Oh Dae-su wird eines Nachts entführt und für 15 Jahre in ein kleines Zimmer gesperrt. Nach 15 Jahren kommt er plötzlich wieder frei und erhält kurze Zeit später ein Ultimatum von einem Unbekannten: er hat fünf Tage Zeit herauszufinden, warum er so lange inhaftiert wurde.

Ähnlich krasse Zeiten sitzt „Lady Vengeance“ ab: 13 Jahre lang sitzt sie unschuldig im Gefängnis. Warum? Weil ein Kindermörder sie erpresst und ihre eigene Tochter gegen sie verwendet.

Beide Filme behandeln das Thema Rache, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Vor allem dadurch, dass es sich bei „Oldboy“ um einen Mann handelt, der Rache übt und bei „Lady Vengeance“ um eine Frau, geht Park Chan-Wook andere Wege: Oh Dae-su wird ein nicht zu kontrollierendes Monster, der voller wilder Wut nach demjenigen sucht, der ihn eingesperrt hat. Er ist das Tier Rache, das sich an jede Fährte klammert, die es näher an seine Beute bringt. Dafür geht Oh Dae-su über mehr als nur Leichen. Lee Geum-ja aus „Lady Vengeance“ ist da wesentlich berechnender, kühler, organisierter. Die Zeit, die sie im Gefängnis sitzt, nutzt sie bereits, um Pläne zu schmieden, andere Gefallen zu tun, um diese später einlösen zu können. Natürlich gelingt das Geum-ja nur, weil sie bereits weiß, an wem sie Rache üben will, während Oh Dae-su (übrigens genau wie der Zuschauer) keinen blassen Schimmer hat, warum und wieso. Aber genau das zeichnet die Filme aus: so gleich das Thema doch ist, so verschieden werden doch die Lösungswege gewählt.

Rache ist in beiden Filmen Antrieb für die Figuren, aber keine wirkliche Lösung: Oh Dae-su hat das Problem, dass sein „Widersacher“ 15 Jahre lang planen konnte, was alles passieren könnte und sich so komplett absichert. Am Ende wird aus dem Monster Oh Dae-su ein frommes Lamm, der sich hypnotisieren lässt, um alles vergessen zu können. Lee Geum-ja dagegen muss entdecken, dass sie nicht die einzige ist, die Rache an dem Kindermörder verlangt. Sie erfährt, dass er mehrere Kinder ermordet hat und so wird sie für die Eltern der anderen Opfer zu unheilvollen Erlöserin. Geum-ja versammelt alle Eltern und überlässt ihnen die Entscheidung, wie mit dem Mörder umzugehen ist. Dadurch wird Geum-ja auch nicht mehr zur Einzeltäterin, sondern schafft sich ein besseren Deckmantel als Oh Dae-su, der sich das Gehirn auslöschen lässt.

In beiden Filmen schaffen es die Figuren eigentlich nicht wirklich ihre Wut, aus der die Rache entstanden ist, auszuleben. In „Oldboy“ kommt es zu einer Enthüllung, die Oh Dae-su all seine Rachegelüste nimmt, während in „Lady Vengeance“ aus einem Opfer mehrere werden.

Park Chan-Wook versteht es wie kein zweiter die Spannung voranzutreiben. In „Oldboy“ liegt es vorwiegend daran, dass der Zuschauer in etwa genauso viel weiß wie der Protagonist. Genau wie Oh Dae-su laufen wir dem Geheimnis der 15 Jahre hinterher und warte gespannt auf des Rätsels Lösung. „Lady Vengeance“ ist da anders: Schnell kennt man das Warum, deswegen konzentriert sich Park Chan-Wook hier eher auf das Wie. Die Durchführung ihres Racheaktes verläuft für Lee Geum-ja in verschiedenen Phasen – klar strukturiert und wohl durchdacht. Erst als klar wird, dass sie nicht das einzige Opfer ist, muss sie neu denken.

„Lady Vengeance“ ist im Vergleich zu „Oldboy“ gerade am Anfang etwas verwirrender, weil die Geschichte mehrere Zeitsprünge macht, um Geum-jas Zeit im Gefängnis und danach besser ineinander zu führen. Beide Filme versprühen aber neben der krassen Gewalt auch immer eine gewisse Ruhe – ich finde vor allem was seine Musik angeht, wählt Park Chan-Wook teilweise sehr kontrapunktierte Musik. Klassik – immer sehr ruhig.

Park Chan-Wooks Rachegötter sind so unterschiedlich – ja, wie Mann und Frau J Der zottelige, brutale Oh Dae-su und die hübsche, kühle Lee Geum-ja. Besser hätte man es nicht machen können. Die Filme sind abgedreht („Oldboy“ ein bisschen mehr als „Lady Vengeance“, was aber eher an der Auflösung von „Oldboy“ liegt), aber fesseln ohne Ende.

Umso erschreckender sind da die Nachrichten, die man lesen muss: Spielberg will „Oldboy“ mit Will Smith verfilmen und 2008 wurden Pläne geschmiedet, „Lady Vengeance“ mit Charlize Theron in der Hauptrolle nach Hollywood zu holen. Alles, was besser ist als Hollywood, versucht die amerikanische „Traumfabrik“ zu zerstören – indem sie ein Remake davon macht. Kann und wird nicht funktionieren. Jeder, der die Filme kennt, kann das (hoffentlich) nur bestätigen.

Süd-Koreas Rache-Experten Park Chan-Wook kann ich nur dringend weiter empfehlen. Das ist Rache ohne Schema F: unvorhersehbar, brutal und immer mit der Frage im Hintergrund, was passiert danach.

Wertung: 9 von 10 Punkten (genial-skurrile Umsetzung mit starken Figuren und noch krasseren Geschichten)

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24 Kommentare leave one →
  1. 20. April 2010 17:25

    Das gute an Hollywood Remakes ist aber, dass man unter Umständen auf die Originale aufmerksam wird oder man liest eben über die Filme hier im Blog 😉

    Allerdings gibt es auch gelungene Remakes wie „Vanilla Sky“, den ich sogar dem Original vorziehe.

    • donpozuelo permalink*
      20. April 2010 18:47

      Vielen Dank 🙂

      Mit „Vanilla Sky“ gebe ich dir absolut Recht. Das Remake gefällt mir auch wesentlich besser, allerdings war da die Story von Anfang an hollywood-tauglicher. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Märchenonkel Spielberg einen Rachefilm wie „oldboy“ ins Amerikanische bringen kann. Dafür ist der Film einfach viel zu krass.

  2. Doña Pozole permalink
    26. April 2010 09:55

    Hilfe! Nein! Bloß kein Hollywood-Remake! Ich glaub, nur die wirklich Film-Interessierten forschen dann weiter nach dem Original… der Großteil wohl eher nicht, oder?
    Es grüßt die pessimistische Doña

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