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Tote Jungfrauen

1. April 2010

Nein, wir opfern jetzt nicht den heidnischen Göttern oder irgendwelchen Drachen. Statt dessen reden wir lieber über Sofia Coppolas Regie-Debüt nach dem ausgezeichneten Roman von Jeffrey Eugenides „The Virgin Suicides“.

Die Geschichte um die fünf Schwestern der Lisbon-Familie wird aus der Sicht der Jungs erzählt, die sich in die Schwestern verliebt haben. Oder vielleicht eher in das Mysterium, das hinter den Schwestern liegt. Denn so wirklich weiß keiner etwas Genaueres über die Schwestern – nur die Tatsache, dass sie von ihren Eltern krampfhaft vor der Außenwelt abgeschirmt werden. Dass das nicht gut sein kann, wird schon gleich zu Beginn deutlich, wenn die jüngste versucht, sich selbst umzubringen. Nach diesem Versuch wird den Eltern geraten, die Mädchen besser in ihr soziales Umfeld zu integrieren. Doch Integration ist für die Lisbons ein schwieriges Unternehmen. Was dann auch in einem scheinbaren Selbstmordpakt endet, der alle Lisbon-Schwestern in den Freitod treibt.

Sofia Coppola startet ihre Regie-Karriere mit einem recht ambitionierten Unterfangen: eine Literaturverfilmung. Eugenides‘ Buch ist wirklich nur zu empfehlen. Ob das gleiche auf Coppolas Film zutrifft, muss mal wieder jeder für sich entscheiden. An und für sich verpackt Coppola ein krass düsteres Thema in nette, bunte 70iger-Jahre Bilder. Aber irgendwie fehlt die Magie, die Eugenides mit seinem Roman aufkommen lässt – halt das typische Dilemma einer Literaturverfilmung.

Ähnlich wie die Jungs, die die Lisbon-Schwestern zu verstehen versuchen, kommen auch wir als Zuschauer zu keinem zufriedenstellendem Ergebnis. Warum die Schwestern sich wirklich umbringen, bleibt ihr Geheimnis. Ist es das strenge Leben der Eltern? Selbstmord als Fluchtversuch??? Möglicherweise… zum Glück aber gibt man uns darauf keine Auskunft. Zum Glück soll dabei nur bedeuten, dass es viel vom Film nehmen würde, wenn man es offensichtlich gestalten würde. So bleiben die Selbstmorde und auch der Film ein Mysterium, dass jeder für sich selbst entschlüsseln muss.

„The Virgin Suicides“ ist ein ruhiger, vielleicht manchmal zu ruhiger Film. An einigen Stellen hatte ich schon meine Mühe, mich an den Film zu binden. Coppola versucht nach einer kurzen Einleitung den Film ein wenig auf die Schwester Lux (Kirsten Dunst) und ihre Liebschaft mit dem Jungen Trip (Josh Hartnett in geiler Kluft, aber mit zu langen Haaren) zu lenken. Damit verdeutlicht sie durch eine Schwester, dass die Fluchtthematik bei den Lisbon-Schwestern scheinbar doch eine größere Rolle spielen könnte: hier ist es Flucht in kurzweilige Liebschaften, die aber auch keine „Befriedigung“ bringen.

Sofia Coppolas Film sind mal so und mal so: ihr Debüt ist gut, wird aber getoppt von „Lost in Translation“. Der dritte Film über „Marie Antoinette“ ist dann wirklich Geschmackssache. In einem bleibt sich Coppola aber immer treu: es geht immer wieder darum, dass die Protagonisten in ihren Film verzweifelt versuchen, sich zu emanzipieren – einen Sinn in ihrem Leben finden würden die Selbstmordschwestern genau so wie die beiden in „Lost in Translation“ oder die pink-bunte Prinzessin aus „Marie Antoinette“. Und Coppola inszeniert immer wieder gerne mit viel Lethargie – was nichts Negatives ist. Im Gegenteil: ich finde es sogar ansprechender, weil es viel eher zu den Themen ihrer Filme passt. Nur bei „The Virgin Suicides“ ist es dann vielleicht doch ein bisschen zu viel Lethargie – was vielleicht auch gewollt ist. Wer weiß…

Wertung: 6 von 10 Punkten (passable Literaturverfilmung, die aber nicht sehr fesselt)

3 Kommentare leave one →
  1. DerGraf permalink
    4. April 2010 15:09

    Wow, hätte ich eine Rezension über den Film geschrieben, sie hätte genau dasselbe ausgesagt (naja, bis auf das Lob im Bezug auf Lost in Translation – ich mag den Film einfach überhaupt nicht). Das Buch ist wirklich genial, was mich daran erinnert, dass ich mir unbedingt noch ‚Middlesex‘ von Eugenides zu Gemüte führen sollte.
    Zum Film kann ich leider nichts mehr hinzufügen, du bringst es schlicht auf den Punkt; sogar im Bezug auf Hartnetts Aussehen 🙂

    • donpozuelo permalink*
      4. April 2010 18:17

      Vielen Dank und willkommen.

      Wie kann man „Lost in Translation“ nicht mögen. Kann ich gar nicht verstehen 🙂

      „Middlesex“ kann ich nur wärmstens empfehlen. Ist wirklich ein großartiges, großartiges Buch. Noch besser als „The Virgin Suicides“.

Trackbacks

  1. Fuck the good guys! | Going To The Movies

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