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Modern Man

30. März 2010

Der Moderne Mann ist ein Friseur. Zumindest in den Augen der Coen-Brothers, die Billy Bob Thornton Ende der 40er Jahre in einer Kleinstadt sein Dasein fristen lassen. Wenn Thornton mir als Schauspieler zwar eher unbekannt bleibt (im Gedächtnis bleibt er doch mehr wegen seiner Beziehung zu Angelina Jolie), zeigt er in „The Man Who Wasn’t There“ eine schon fast magische Präsenz.

Das mag unter anderem daran liegen, dass er der Protagonist ist und in jeder Szene auftaucht. Es liegt aber noch viel mehr dahinter, denn Thornton perfektioniert die Monotonie aus der seine Figur entkommen will: langweiliges Leben, langweilige Ehe, langweilige Existenz. Als irgendwann ein Typ in den Friseurladen kommt und ihm etwas über Trockenreinigung erzählt, springt Ed Crane (Thornton) darauf an. Um sich in das Geschäft mit einzukaufen, braucht er 10.000 Dollar. Was für ein „Glück“, dass seine Frau (Frances McDormand) mit ihrem Chef (James Gandolfini) schläft und Crane den ja wunderbar erpressen könnte. Gedacht, getan… aber wir würden keinen Coen-Film vor uns haben, wenn das nicht alles richtig schön schief gehen könnte. Nur so viel: der Chef stirbt, Cranes Frau wird verdächtigt und aus Cranes monotonem Leben wird etwas ganz anderes, etwas vollkommen unerwartetes.

Und dennoch bleibt Thorntons Ed Crane wie ein Fels: leise, unberührt, bewegungslos. Nur der Rauch der ewig in seinem Mundwinkel hängenden Zigarette verändert sich. Crane selbst ist wie eine Konstante – hier ändert sich nichts. Thornton verewigt seinen trostlosen Gesichtsausdruck auf 2 Stunden Film, durch die er selber in leicht monotoner Stimme führt und uns sein Leben schildert. Man könnte das jetzt als ziemlich trägen Film bezeichnen, der sanft vor sich hin plätschert, ohne wirklich mitzureißen. Genau so gut könnte man den Coens auch gratulieren, wie sauber und gekonnt sie es schaffen, Monotonie auf Zelluloid zu bannen. Wie man es sehen will, muss jeder für sich entscheiden, ich neige zu zweiten Variante.

Mit „The Man Who Wasn’t There“ verneigen sich die Coens scheinbar auch vor dem „Film Noir“, auch wenn ihr Film weniger brutal daher kommt. Dafür aber steckt der „Held“ ebenso in seiner Hilflosigkeit fest wie auch im Bann einer Frau, die hier in Gestalt einer Beethoven spielenden Scarlett Johansson auftaucht. In wunderschönen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Joel Coen von dem Mann, den keiner wahrnimmt, der wie ein Geist durch die Leben anderer Menschen spukt, ohne jemals aufzufallen.

„The Man Who Wasn’t There“ ist klassischer Coen und auch wieder nicht. Die Geschichte folgt den gleichen Elementen, die man schon von früheren Werken kennt: Kontrolle gleich null, schlimme Dinge passieren, mit denen so nicht gerechnet wurde. Gleichzeitig ist es aber auch ein wahnsinnig ruhiger Film, der sowohl auf Ironie als auch auf Gewalt größtenteils verzichtet und sich dem monotonen, melancholischen Crane anpasst. Billy Bob Thornton passt auf jeden Fall perfekt in die Rolle des Crane und verströmt auch einen gewissen Charme, der sich durch den Nostalgie-Look noch verstärkt. Für mich als Fan von Schwarz-Weiß-Filmen ist „The Man Who Wasn’t There“ durchaus sehenswert. Dennoch ist der Film mit Vorsicht zu genießen – es steht zwar Coen drauf, aber den wahren Coen-Fan könnte dieser Film möglicherweise enttäuschen. Oder hinreißen. Alles ist Ansichtsache, oder wie Cranes Anwalt so schön sagt: „Es verändert sich alles, sobald man es nur genauer betrachtet.“ In diesem Sinne: selber sehen und selber urteilen.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Monotonie perfekt auf Film gebannt dank eines großartigen Billy Bob Thornton)

3 Kommentare leave one →
  1. 30. März 2010 22:25

    Welchen Coen-Film sollte ich wohl als erstes sehen…? Tja, auch von denen kenne ich noch immer keinen Film, obwohl es sich gut anhört, was sie so gedreht haben.

    • donpozuelo permalink*
      1. April 2010 07:38

      Tja, das ist wirklich eine interessante Frage. Ich glaube, da gibt es keine passende Antwort zu. Fang einfach mit irgendeinem Film an….

      Mein erster Coen-Film war „Fargo“.

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