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Lynch mal richtig rührend

23. März 2010

Nachdem ich mit „Der Elefantenmensch“ gelernt habe, dass David Lynch nicht immer vollkommen gegen jede Kino-Konvention verstößt. Jetzt entdecke ich den Meister noch von einer ganz anderen Seite: mit gradliniger, sehr ruhiger Story – halt „The Straight Story“.

„The Straight Story“ folgt nach „Lost Highway“ – vielleicht brauchte Lynch eine Ruhepause, vielleicht wollte er tatsächlich einfach mal beweisen, dass er auch anders kann: aber mit „The Straight Story“ bricht er jegliche Erwartung:

Alvin Straight (Richard Farnsworth) ist 73 Jahre alt, der sich auf eine lange Reise begibt, um seinen Bruder Lyle zu besuchen. Der hatte einen Schlaganfall und eigentlich herrscht sowieso schon seit Jahren Funkstille zwischen den Brüdern, weswegen Alvin es als seine Pflicht ansieht, seinem Bruder einen Besuch abzustatten. Einziges Problem: Alvin hat keinen Führerschein und will nicht gefahren werden. Lösung: Er legt die fast 500 Kilometer mit seinem Rasenmäher und einem daran befestigten Anhänger zurück (hier wird dann gleich auch mal ordentlich Werbung für John Deere gemacht – „Wir produzieren Rasenmäher, die mehr können als nur Rasen mähen!“).

„The Straight Story“ könnte man auch „The Slow and Silent Story“ nennen, und gleichzeitig ist der Name auch Programm: Es gibt keine Unterbrechungen in der Geschichte: chronologisch verarbeitet Lynch Alvins Reise durch Amerika. Dabei lernt er hier und da sehr nette Menschen kennen und beweist sich als wahrer Kurosawa-Fan. Zumindest scheint er „Ran“ gesehen zu haben: und deswegen gibt es da diese wunderschöne Szene zwischen Alvin und einem schwangeren Mädchen, das von zu Hause weggelaufen ist. Alvin erzählt ihr die Geschichte, wie er seinen Kindern sagte, sie sollen kleine Stöcker zerbrechen. Dann sollten sie das gleiche tun, wenn die Stöcker zu einem Bündel zusammengebunden sind. Das wird dann natürlich schwieriger und schwieriger – und so schlussfolgert Alvin: „Das ist Familie. Einzeln schwach, aber zusammen stark.“ Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist das Mädchen verschwunden, aber ein Bündel Stöcker liegt vor dem ausgebrannten Lagerfeuer. (Die Sache mit den Stöckern kam so ähnlich auch in „Ran“ vor.)

Lynch überrascht mit „The Straight Story“. Sehr viel Gefühl liegt in dieser einfachen kleinen Story. Oftmals zeigt Lynch einfach nur schöne Landschaftsbilder zu ruhiger Musik, die dann doch etwas Lustiges bekommen, wenn plötzlich Alvins kleiner Rasenmäher-Traktor durchs Bild fährt. Man möchte dem Schaffer surrealer Kinoerlebnisse gar nicht zu trauen, solch einen Film zu schaffen, aber es ist ein geglücktes Experiment, ein wunderschön sanfter Film über Menschen und die Dinge, die sie antreiben. Ohne viel Firlefanz erzählt Lynch „The Straight Story“ und punktet dabei auf ganzer Linie. Viel Lob muss man aber auch Richard Farnsworth zu sprechen, denn er ist es, der die Geschichte trägt. Ob er nun auf seinem Rasenmäher sitzt, Weisheiten von sich gibt oder seine Lebenserfahrung unter Beweis stellt, wenn er sich gegen die Betrügereien zweier Brüder wehrt, die seinen Rasenmäher zu einem überhöhten Preis reparieren wollen. Ein bisschen ist „The Straight Story“ auch ein Bild eines guten Amerikas, in dem Gastfreundschaft und Freundlichkeit großgeschrieben werden. Während seiner gesamten Tour hat es Alvin nur mit guten Menschen zu tun – „The Straight Story“ funktioniert also auch als Feel-Good-Movie für alle, die immer noch an ein gutes Amerika glauben.

„The Straight Story“ ist ein langsames Roadmovie – schließlich ist Alvins Rasenmäher auch nicht der schnellste. Aber langsam sollte hier keineswegs als Negativ-Kritik verstanden werden. Im Gegenteil: der Film lebt von seiner Behäbigkeit, die sehr schön Alvin und seine Reise widerspiegelt. Einziger trauriger Wermutstropfen des Films: Schauspieler Farnsworth beging kurz nach Ende der Dreharbeiten Selbstmord.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein unglaublich ruhiges Roadmovie – Lynch überrascht und überzeugt)

4 Kommentare leave one →
  1. 25. März 2010 16:44

    Ich kann mich nur wiederholen: Klingt interessant. Roadmovies will ich mir sowieso schon seit geraumer Zeit mal etwas näher anschauen – kommt alles noch zu seiner Zeit.

    • donpozuelo permalink*
      25. März 2010 17:20

      Na, dann wirst du nicht an diesem Film vorbei kommen. Aber auch nicht an „Easy Rider“ vorbei…

  2. 26. März 2010 16:07

    Der Film ist wirklich schön und zeigt, dass die USA nicht nur aus Ost- und Westküste bestehen. Der geistert zur Zeit glaube ich durch die dritten Programme, sollte ich mir vielleicht auch mal wieder ansehen.

    • donpozuelo permalink*
      26. März 2010 17:53

      auf jeden fall… und herzlichen willkommen

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