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Lynch mal verständlich

21. März 2010

In seinen Anfängen machte David Lynch also noch Filme, die man verstehen konnte. Versteht mich nicht falsch, ich finde Lynchs Film klasse – verwirrend, aber klasse. Immerhin macht Lynch Filme zum Nachdenken – nicht unbedingt, weil das Thema jetzt ein hoch philosophisches ist, sondern weil er Film als Medium benutzt, mit dem man mehr machen kann, als einfach nur Bildergeschichten zu zeigen. Bei einem Lynch-Film muss man wachsam sein – alles ist irgendwie ein Zeichen, ein Hinweis, ein Schlüssel zum Enträtseln des Films.

Aber wie gesagt, anfangs konnte man ihm noch ohne viel Hilfe folgen: so zumindest bei „Der Elefantenmensch“. Das mag aber vielleicht auch daran liegen, dass sich Lynch hier einem realen Stoff zuwendet, denn den John Merrick aus seinem Film gab es wirklich. John Merrick ist furchtbar entstellt: angeblich weil seine Mutter, als sie schwanger war, von einem Elefanten angegriffen worden ist. Im London des Jahres 1881 ist Merrick (John Hurt) eine Jahrmarkt-Attraktion. Der junge Arzt Dr. Treves (kaum wieder zu erkenne, weil so jung: Anthony Hopkins) wird auf den Mann aufmerksam und stellt ihn der medizinischen Gesellschaft vor. Mit Treves Hilfe kann sich Merrick von seinem Status als Monster befreien. Er wird ein richtiges Mitglied der Londoner Gesellschaft, besucht das Theater und wird besucht – aber ohne es wirklich zu merken, wird Merrick auch hier wieder eine Art Attraktion (zwar nicht mehr auf einem Jahrmarkt, aber es bleibt das gleiche).

Der echte John Merrick

Merrick kämpft sein ganzes Leben mit seiner Deformation und Lynch verdeutlich sehr eindrucksvoll und ohne mit dem Finger drauf zu zeigen, dass Merrick gefangen ist in einem ewigen Kreislauf des Bestaunt-Werdens. Ob es nun auf Jahrmärkten oder auf High-Society-Events ist, Merrick bleibt eine Attraktion, die jeder sehen will.

David Lynch dreht den Film in Schwarz-Weiß, was dem Film echt gut tut. So bleibt es zeitgenößisch und muss gleichzeitig auf Farbeffekte verzichten. Die Geschichte trägt den Film und keine visuellen Effekte. Obwohl das nicht heißen soll, dass Lynch nicht auch visuell hervorragend spielt: so verwirrte mich allein die erste Szene, in der Merricks Mutter gezeigt wird, dann ein wilder Elefant und irgendwann eine weiße Dampfwolke – immer wieder alles gegeneinander geschnitten. Ich wollte fast glauben, Lynch will mir weismachen, die Frau wäre von dem Elefanten vergewaltigt worden. Aber Lynch bleibt anatomisch korrekt und klärt später auf, was wirklich zwischen Frau und Elefant passierte. Auch die einzelnen Traumsequenzen Merricks weisen schon auf die Bilderrätsel Lynchs hin, für die er später noch viel berühmter wird.

Um noch einmal bei dem Punkt zu bleiben, dass Lynch auf einfache Tricks verzichtet: ich fand es echt gut, wie lange Lynch es schafft, den Moment heraus zu zögern, uns den Elefantenmenschen zu zeigen. Dadurch macht er aus uns auch nichts anderes als sensationsgierige Besucher eines Jahrmarktes, die endlich das „Monster“ sehen wollen.

Trotz all dem Lob zieht sich „Der Elefantenmensch“ ein wenig stark in die Länge: Lynch verdeutlich zwar dadurch die Gier der Menschen nach dem, was sie nicht kennen. Aber nach ein paar Beispielen haben wir verstanden, worum es ihm geht: egal wie ein Mensch aussieht, es steckt immer mehr dahinter. Schließlich entwickelt sich Merrick prächtig, wenn er nicht als Attraktion auf dem Jahrmarkt dient.

Insgesamt gesehen gehört „Der Elefantenmensch“ zwar zu den verständlicheren Lynch-Filmen, aber dadurch verliert er auch ein wenig die Lynch-Mystik, die ich durch „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ kennen gelernt habe.

Wertung: 7 von 10 Punkten (herzergreifendes Porträt in düsteren Bildern)

7 Kommentare leave one →
  1. 21. März 2010 11:41

    aber dadurch verliert er auch ein wenig die Lynch-Mystik, die ich durch „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“ kennen gelernt habe.

    Dann schau dir jetzt einfach schnell „Inland Empire“ an, dann ist das Mysterium ganz schnell wieder hergestellt. 😉 BTW: Nächste Woche kommt auch schon der nächste Lynch im Fernsehen: „The Straight Story“ – da kann Lynch, wie der Titel schon sagt, auch einfach ganz „normal“ eine Geschichte erzählen.

  2. donpozuelo permalink*
    21. März 2010 14:44

    Ich glaube, ich werde heute erst einmal bei „The Straight Story“ bleiben. Nachdem ich mich jetzt ein wenig zu „Inland Empire“ eingelesen habe, bekomme ich es ja schon fast mit der Angst zu tun…. aber keine Sorge: nur fast. Die Neugier wird überwiegen und ihr werdet bald irgendwas zu „Inland Empire“ lesen. VERSPROCHEN!!! 🙂

  3. 22. März 2010 23:02

    Noch keinen Film von Lynch gesehen, entweder Ignoranz oder andere Prioritäten? Wer weiß, scheint ja sehr anspruchsvolles Kino zu sein – und das klingt ja erstmal vielversprechend…

    • donpozuelo permalink*
      23. März 2010 10:27

      JA, dann schau am besten zuerst „Der Elefantenmensch“ und „The Straight Story“ und dann nimmst du dir „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ vor. Das ist dann in etwa so als würdest du erst Wasser trinken und dann Alkohol, in der Erwartung, es wäre Wasser 🙂

      Die ersten Filme sind echt harmlos, die anderen richtig krass…

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