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Ein menschliches Monster

23. Februar 2010

Die Zeiten der sauberen Serienhelden sind endgültig vorbei – und wenn ich mir meine momentanen Lieblingsserien so anschaue, dann ist das auch echt gut so:

Nehmen wir beispielsweise „Burn Notice“, die uns einen fallengelassenen Agenten präsentiert, der plötzlich neben dem Gesetz steht und nun Justiz auf seine Weise interpretiert. Oder „Californication“, in der wir einem einen Sex-süchtigen Schriftsteller verfolgen, der in einem Dschungel aus Frauen, Alkohol und Drogen sein Leben zu leben versucht. Oder „Lost“: ich meine, keiner von den Leuten ist wirklich ein unbeschriebenes Blatt und jeder hat etwas zu verbergen.

Der Antiheld ist der neue Superstar der TV-Serien und ihr König heißt „Dexter“. Mit „Dexter“ wird uns ein Serienmörder als Identifikationsfigur vorgesetzt, und das Absurde ist, es funktioniert – aber dazu später mehr.

Dexter Morgan (Michael C. Hall)  ist Experte für Blut beim Miami-Metro Police Department, wo er zusammen mit seiner Debra (Jennifer Carpenter) arbeitet. Dexter scheint ein normaler Typ zu sein – wenn es da nicht Dexters kleines Hobby gäbe: Menschen töten. Doch nicht irgendwelche Menschen – nein, Dexter hat einen Kodex (quasi sein „Assassin’s Creed“, wenn man so will): er tötet nur Menschen, die es auch verdient haben, andere Mörder, Vergewaltiger und all die, die sonst dem Gesetz entkommen würden. Diesen Kodex hat Dexter von seinem Adoptiv-Vater Harry, der schon früh Dexters andere Persönlichkeit entdeckt hat. Doch Staffel 1 von „Dexter“ stellt den charismatischen Killer vor ein großes Problem: der so genannte „Ice Truck Killer“ versetzt Miami in Aufregung. Doch viel mehr als Miami gerät Dexter in Aufregung, denn wie es scheint hat der Killer besonderes Gefallen an Dexter gefunden, weswegen er ihm versteckte Botschaften in den Tatorten hinterlässt.

„Dexter“ wirkt weniger wie eine Serie, sondern mehr wie ein Film, der einfach nur in 12 Teilen ausgestrahlt wird. Statt einfach nur plump Episode an Episode zu heften, zieht sich die ganze Zeit ein roter Faden durch die Serie. Und dieser Faden heißt „Ice Truck Killer“, denn dadurch das er ein besonderes Interesse an Dexter hat, fängt dieser an über sein Leben nachzudenken. Rückblenden zeigen uns dabei, wie Dexter und sein „Vater“ Harry mit den besonderen Neigungen umgehen und der Kodex des Serienkillers entwickelt wird. Und hier entfaltet „Dexter“ seine eigentliche Perfektion:

Die Charaktere sind einfach nur großartig: ob Dexters Schwester, seine Freundin Rita oder Dexters Arbeitskollegen – die Figuren werden behutsam entwickelt, jeder Charakter der Serie hat seine eigene kleine Geschichte, seine eigene Vergangenheit. Die Schreiber haben es auf unbekannte Weise geschafft, in nur zwölf Folgen selbst der kleinsten Nebenrolle Bedeutung in Dexters Universum zu geben. Und das ist etwas, das man wirklich selten sieht.

Den größten Fang haben die Macher aber mit Michael C. Hall gemacht. Einen Serienmörder als Hauptfigur einer Serie – das ist schon schwer. Aber es dann noch zu schaffen, dass man sich mit diesem Wesen identifizieren könnte, ist fast schon unglaublich. Und dennoch schaffen sie es: das wirklich faszinierende an der Serie ist, dass man Dexter einfach nur in den Arm nehmen möchte. Michael C. Hall schafft die Gratwanderung zwischen Dr. Jekyll und Mr. Hide grandios. Auf der einen Seite der berechnende Killer, auf der anderen Seite ein kleines Kind – naiv und unwissend, wenn es darum geht, in der Gefühlswelt menschlicher Beziehungen (sei es mit Rita oder seiner Schwester) klar zu kommen. Neben seiner großartigen Performance als Dexter hilft die Tatsache, dass Dexter gleichzeitig Erzähler der Geschehnisse ist. Der Clou hierbei: Der Zuschauer wird zum Komplizen. Wir allein wissen, wer Dexter wirklich ist und das bindet uns an die Figur – wir wissen, wer er ist und wir fühlen mit ihm. Denn auch wenn er ein Monster ist, ist er doch ein gutes Monster.

Leider Gottes wird „Dexter“ hier bei uns Deutschland ziemlich schlecht behandelt. Die erste Staffel lief immer montags zur Geisterstunde. Die zweite Staffel, die ab 28.02.2010 auf RTL II zu sehen ist, trifft es da irgendwie noch schlimmer. Doppelfolgen auf einen Sonntag ab 22 Uhr. Dieser Sendeplatz hat eine Serie von diesem Format wahrlich nicht verdient. Zumal es in der 2. Staffel spannend wird – Dexters Leichensäcke werden gefunden und unser Lieblingskiller steht nun selbst auf der Fahndungsliste.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ja, ich packe sie wieder aus – diese Serie ist einfach perfekt: intelligent, witzig, dramatisch, gute Schauspieler, spannende Story – mehr braucht man nicht – unbedingt anschauen!!!)

18 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    23. Februar 2010 15:13

    Ich kann nur zustimmen. Die Serie ist brilliant und wird nur geiler. Ich würde 9 von 10 geben, aber auch nur weil ich wahnsinnig vorsichtig bin die Extreme zu vergeben. ^^

    Grüße, Luzifel..

    • donpozuelo permalink*
      23. Februar 2010 16:49

      Scheiße, bei „Dexter“ darf man ruhig zur Extreme gehen – macht die Serie ja selber auch ein wenig.

  2. 23. Februar 2010 15:27

    Ich habe damals nach drei oder vier Folgen „Dexter“ auf RTL 2 genug gehabt. Irgendwie hat die Serie bei mir nicht zünden wollen, anders als „Californication“, das lief ja davor.
    Bei mir haben Serienmörder wohl nicht immer Erfolg…

    • donpozuelo permalink*
      23. Februar 2010 16:49

      „Californication“ hat mir anfangs auch besser gefallen. Aber jetzt, wo ich mir „Dexter“ nochmal in Ruhe angeschaut habe, stehen die fast gleich 🙂

  3. Dr. Borstel permalink
    24. Februar 2010 15:20

    Ich bin ja derselben Meinung – die Höchstwertung geht voll in Ordnung. Schade allein, dass die Staffel so schnell vorbei ist; auf der anderen Seite führen die gerade zwölf Folgen auch dazu, dass die Serie sofort auf den Punkt kommt, sih nicht lange mit sinnlosem Geschwätz aufhält, darüber aber das Character Building nicht vernachlässigt. Eigentlich passt hier alles. Eine der besten Serienstaffeln, die ich bisher gesehen habe, und ich freue mich schon auf Season 2.

    • donpozuelo permalink*
      24. Februar 2010 16:18

      Season 2 kommt ja jetzt am Wochenende….

      Das mit den 12 Folgen find ich auch echt gut. Manchmal ist weniger halt mehr. Bei Sticoms mögen 24 und mehr Folgen ja funktionieren, bei „Dexter“ wäre das – glaube ich – ein echter Todesfall für die Serie geworden.

      • Dr. Borstel permalink
        24. Februar 2010 20:23

        Wahrscheinlich. Die Grundidee reizt sich mit der Zeit schließlich auch arg aus. Mich wundert es ohnehin, dass die Kritiken auch für die aktuellen Staffeln (wie weit sind wir mittlerweilse? Season 4?) immer noch so gut sind …

        Naja, erstmal Season 2, dann sehen wir weiter.

  4. donpozuelo permalink*
    24. Februar 2010 20:40

    Ich glaube, momentan sind sie bei Staffel 4. Die müsste jetzt fertig. Und du hast Recht, die Kritiker sind immer noch voller Lob. (Aber ich darf verraten. ich durfte schon mal in die zweite Staffel reinluschern und sie ist auch wirklich genauso grandios wie die erste)

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