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Bollywood mal anders

16. Februar 2010

Es hat etwas länger gedauert, aber auf der Berlinale hat sich Bollywood mal von einer ganz anderen Seite gezeigt. Fast vorbei die Zeiten, in denen es nur um Liebe, Herzschmerz und Familienkonflikte ging. Fast vorbei, denn natürlich geht es im Film „My Name Is Khan“ auch um solche Dinge, aber eben nicht nur. Nach Jahren ist das Thema „9/11“ auch in Bollywood als Filmstoff angekommen. Dabei beginnt der Film von Karan Johar wie eigentlich jeder andere Bollywood-Film:

Rizvan Khan (Shah Rukh Khan) lernt in den USA die hübsche Mandira (Kajol) kennen und umwirbt sie. Allerdings ist es keine normale Liebe: Rizvan hat das Asperger Syndrom und ist Muslime, Mandira aber ist Hindu. Was für Rizvans Familie ein Problem darstellt, ist für Rizvan nur ein winziges Hindernis zum Glück. Er schafft es tatsächlich, Mandira zu heiraten, doch fangen da die Probleme erst richtig an: durch die Terroranschläge vom 11. September kommt bei den Amerikaner der Hass gegen Muslime zum Vorschein. Ein Hass, den auch Rizvan und Mandira bitter zu spüren bekommen: Mandiras Sohn aus erster (einer arrangierten Ehe – was sonst) wird von mehreren Mitschülern so schwer verletzt, dass er daran stirbt. In ihrem Wut gibt Mandira Rizvan die Schuld und fordert ihn auf, zu gehen. Auf die Frage, wann er denn wieder kommen solle, sagt sie ihm, wenn er ganz Amerika und dem Präsidenten folgendes gesagt hat: „My Name Is Khan and I am not a terrorist.“ Und so macht sich Khan auf den Weg, einen äußerst schwierigen Weg.

Allen Bollywood-Fans sei gleich eins gesagt: „My Name Is Khan“ ist ein Bollywood-Film der etwas anderen Art. Am auffälligsten dürfte das Fehlen der berühmten Tanz-und-Gesang-Szenen sein. Zwar bietet „My Name Is Khan“ den typisch mitreißenden Soundtrack, aber getanzt wird nicht. Wahrscheinlich ist „My Name Is Khan“ zu politisch. Und das ist natürlich der zweite Grund, warum der Film anders ist als Johars bisherige Filme „Kuch Kuch Hota Hai“ oder „In guten wie in schweren Tagen“.

„My Name Is Khan“ geht trotzdem nach der altbewährten Rezeptur vor: der Anfang ist eine klassische Romantikkomödie, die mit ein paar äußerst gelungenen Lachern aufwarten kann. Die holperigen Annäherungen des autistischen Rizvan an die hübsche Mandira sind wirklich rührend und auch wenn ich es anfangs nicht geglaubt hätte, brilliert Shah Rukh Khan in der Rolle von Rizvan. Normalerweise gehen Khans Rollen nicht so tief, aber den Autisten bekommt Khan durchaus überzeugend hin. Der Filmkenner erkennt allerdings in Khans Darstellung Dustin Hoffmans „Rainman“, Sean Penns „I Am Sam“ und vor allem Tom Hanks „Forrest Gump“ wieder. Und zu „Forrest Gump“ auf Hindi entwickelt sich der ganze Film, nachdem Mandira Khan auf seine Reise schickt. Doch statt so zu tun, als würde er seine Inspiration verschweigen wollen, zeigt Regisseur Johar offensichtlich, wie sehr ihn „Forrest Gump“ beeinflusst hat:

  • So sitzt Khan immer mal wieder auf einer Gartenbank und sinniert über sein Leben.
  • Dann gibt es da noch seine Bekanntschaft mit einer liebevollen älteren Schwarzen, die er einfach nur „Mama Jenny“ nennt (Jenny hieß auch Gumps Freundin)
  • Khan muss eigentlich überall zu Fuß hinlaufen

Die ganze zweite Hälfte entwickelt sich weg von der Romantikkomödie zu einem… ja, was eigentlich??? „My Name Is Khan“ wird ein Politfilm (der sich mit der Frage der Religiosität beschäftigt), ein Polit-Thriller (der Waterboarding und andere Foltermethoden der USA kritisiert). Gleichzeitig wird „My Name Is Khan“ auch ein Katastrophenfilm, wenn Khan Hurrikan-Opfern zur Hilfe kommt. Dann hätten wir da noch ein Gerichtsdrama, das einen zu unrecht verurteilten Khan zeigt und irgendwann kommen wir dann wieder bei Liebe und Drama an. Dabei wird der Film teilweise unfreiwillig komisch – nur so viel: Khan bewegt mit seinem Schicksal halb Amerika und darf am Ende sogar Barack Obama treffen.

Trotz all dem ist „My Name Is Khan“ beste Bollywood-Unterhaltung, in der der größte Star des neuen Hindu-Films endlich mal das sein darf, was er in Wirklichkeit ist: ein Moslem. Die klassische Trennung in zwei Teile reißt den Film dieses Mal etwas zu sehr auseinander, weil der zweite Teil sich weit von der Geschichte zwischen Rizvan und Mandira entfernt und erst am Ende dahin wieder zurückfindet. Dennoch: alle Bollywood-Freunde werden an diesem Film ihren Spaß haben (besonders die erste Hälfte ist super) – auch wenn Shah Rukh nicht das Tanzbein schwingt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (das Bollywood-Dream-Team Shah Rukh Khan und Kajol in einer vielleicht etwas zu ambitionierten Geschichte, die trotzdem sehr, sehr rührend ist)

P.S.: Wer sich jetzt fragt, warum ich mir überhaupt Bollywood-Filme anschaue, dem sei an dieser Stelle nur eins gesagt: Es war Thema meiner Abschlussarbeit und seitdem bin ich auch ein wenig gefangen 🙂

2 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    21. Februar 2010 14:06

    Hab auf deinen Rat hin tatsächlich den Film angesehen und ich muss sagen, dass der Film wunderbar ist und der Mensch der den Khan spielt wirklich eine krasse Leistung abliefert – WOW..

    My Name is Khan ist der erste Bollywood-Film den ich sehe und dann knallt der auch gleich so dermaßen.. Cool fand ich auch die Mischung aus Englisch und Indisch mit englischen Untertiteln – ich mag Filme ja generell eher im Original-Ton.. Ich muss mir bei Gelegenheit mal einen richtigen Bollywood-Film mit Gesang und Tanz angucken um rauszufinden ob mich das abschreckt. ^^

    Ich würde 8 Punkte geben weil der schauspielerisch wirklich erstaunlich gut war und die Geschichte mich bewegt hat.

    • donpozuelo permalink*
      21. Februar 2010 15:13

      Ich bin geschockt und erstaunt zugleich…

      Das ausgerechnet von dir hätte ich nicht gedacht 🙂

      Aber gut, ich habe ja noch eine Menge Filme im Schrank wegen meiner Magisterarbeit. Sag die Zauberworte und ich such dir einen richtig guten raus 🙂

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